Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

19.12.2007 | Von:
Prof. Georg Schuppener

Vereinnahmung germanischer Mythologie im rezenten Rechtsextremismus – Sprache und Symbolik

Ein Forschungsprojekt der Uni Leipzig

Der zeitgenössische Rechtsextremismus bezieht sich gerne auf die germanische Mythologie. Durch den Rechtsextremismus werden Elemente des Mythos rezipiert und für die eigenen Zwecke gedeutet und verwandt, genauer gesagt missbraucht. Hierbei knüpft man an die Zeit und die Ideologie des Nationalsozialismus an. Ein Forschungsprojekt des Leipziger Germanisten Prof. Georg Schuppener.

Vorbemerkung

Marten Eskil Winges "Thors Streit mit den Riesen" von 1872.Marten Eskil Winges "Thors Streit mit den Riesen" von 1872. (© Public Domain)
Ein historisch gesehen relativ junges Phänomen stellt die Bezugnahme des zeitgenössischen Rechtsextremismus auf die germanische Mythologie dar. Durch den Rechtsextremismus werden Elemente des Mythos rezipiert und für die eigenen Zwecke gedeutet und verwandt, genauer gesagt missbraucht. Hierbei knüpft man an die Zeit und die Ideologie des Nationalsozialismus an:

Noch im 19. Jahrhundert war die politische Rezeption germanischer Mythologie nicht automatisch rechts orientiert, wurde dann aber mehr und mehr politisch eindeutig rechts vereinnahmt. Da die nationalsozialistische Rassenideologie in einer vermeintlich germanisch-nordischen, nach NS-Terminologie "arischen" Rasse die überlegene Menschenrasse im Sinne des Sozialdarwinismus sah, interpretierte man auch das Germanentum dementsprechend. Die Kultur der Germanen, ihr Brauchtum, ihre Vorstellungen und damit ihre Mythologie sollten zum Beleg für die Überlegenheit der nordischen Rasse dienen. So befasste sich eine eigene Institution, das "Deutsche Ahnenerbe", damit, mehr oder minder wissenschaftlich Belege hierfür zusammenzutragen. Besonders betont wurde gemäß der nationalsozialistischen Ideologie in der Rezeption der germanischen Mythen der Aspekt des Heldentums. Dieser bildet in der mythologischen Überlieferung jedoch nur eines unter vielen Elementen.

Auf Grund der Instrumentalisierung und vor allem der historischen Umdeutung der germanischen Mythologie im Nationalsozialismus lässt sich ohne Zweifel von einem Missbrauch sprechen, der in jener Zeit jedoch dadurch verschleiert werden sollte, dass man vermeintliche Belege für die betreffende Deutung der Mythen finden wollte. Auf die oftmals zweifelhaften Resultate des "Deutschen Ahnenerbes" und andere Quellen jener Zeit, aber auch auf Ideen und Konzepte nationalistischer und national-romantischer Vordenker wie Guido von List oder Lanz von Liebenfels, die seit Ende des 19. Jahrhunderts eine eigene Rezeption des Germanentums, abseits von den Forschungen der wissenschaftlichen Germanistik, entwickelten, beziehen sich heute Propagandisten des Rechtsextremismus. Die Rezeption germanischer Mythologie im heutigen Rechtsextremismus stellt also ebenso ein Konstrukt dar wie diejenige im Nationalsozialismus. Mythen dienen der rechten Szene aber nicht nur zur Identifikation, sondern sie bilden in einem breiteren Verständnis von Mythos auch die Basis für die Kulturauffassung der rechten Ideologie.

Hinsichtlich der germanischen Mythologie ist diese Bezugnahme natürlich nicht allein darauf begrenzt, Mythen wiederzubeleben und Bezüge zweckgerichtet herzustellen, sondern auch das Umfeld der Mythologie findet Beachtung. Dies gilt insbesondere für die Runen sowie für Symbole. Wie schon im Nationalsozialismus ist die Symbolrezeption synkretistisch: Aufgegriffen wird natürlich das aus dem indischen Kulturkreis stammenden Hakenkreuz (sanskrit Swastika, als altes Sonnensymbol [Sonnenrad]), ferner das so genannte "Keltenkreuz" als rechtes Identifikationszeichen. Schon der Nationalsozialismus fügte Elemente aus verschiedenen Mythentraditionen, Religionen und Kulten zusammen, die sich in das ideologische Konzept einfügen bzw. für dieses nutzen ließen. Somit war es nicht allein die germanische Mythologie, die der Nationalsozialismus adaptierte, aber diese stellte eines der wichtigsten Elemente dar.


Mit seiner Rezeption germanischer Mythologie stellt sich der Rechtsextremismus in eine Reihe mit dem nationalsozialistischen Missbrauch germanischer Kultur in ihrer Gesamtheit. Insofern ist die Bezugnahme auf die Mythologie nur ein Mosaikstück in der Adaption von tatsächlichem und vermeintlichem Germanischen, um rechts-nationales Gedankengut zu fundieren, aber auch um die eigenen Ziele für Außenstehende und Sympathisanten interessant zu machen. Nicht unterschätzt werden darf nämlich die Attraktivität des Verbotenen, die durch die faktisch existierende Tabuisierung einer Beschäftigung mit germanischer Mythologie in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg entstand. Nur aus diesen Gründen war es der so genannten "rechten Szene" möglich, germanische Mythologie und die Geschichte der Germanen für sich zu vereinnahmen und entsprechend auszudeuten. Auf Grund des in der Allgemeinheit heute nur noch geringen Wissens über germanische Mythologie, das eine deutliche Folge der Tabuisierung der Thematik ist, gelingt es der rechtsextremen Szene, Mythen und Symbole auch zur geheimen Identifikation zu verwenden. Grundsätzlich dient die Verarbeitung der Mythologie im Rechtsextremismus außerdem dazu, die eigentlich intendierte Referenz auf den Nationalsozialismus zu verdecken oder zumindest weniger deutlich zu Tage treten zu lassen.

Dies gilt insbesondere u.a. für die rechtsextreme Musikszene, in der germanische Mythologie auch deswegen verarbeitet wird, weil sie zumindest auf juristischer Ebene weit unproblematischer zu thematisieren ist als offene Bezugnahmen auf nationalsozialistische Vorbilder:
"Im Zuge der härteren Repressionen gegen offen nationalsozialistische Aussagen besannen sich zahlreiche Rechtsrocker auf noch ältere, aber juristisch schwerer angreifbare Helden und entdeckten die alten Germanen-Mythen als Ersatzreligion für den stigmatisierten NS-Kult. Anders als bei der Verherrlichung des Dritten Reiches bietet der Odin-Kult eine scheinbar unbelastete Folie zum Ausagieren von Männlichkeitsphantasien [...]."
Erwähnt werden muss hier unbedingt, dass die "rechte Szene", der rezente deutsche Rechtsextremismus, keineswegs homogen ist. Insbesondere im Bereich der rechten Jugendkultur gibt es zahllose unterschiedliche Ausformungen: Hierzu gehören Personen, die in den rechtsextremen Parteien NPD ("Nationaldemokratische Partei Deutschlands") und DVU ("Deutsche Volks-Union") organisiert sind.

Daneben gibt es so genannte freie "Kameradschaften", rechtsextreme Vereine oder auch als besonders auffällige Erscheinungsform die Skinhead-Bewegung, die allerdings nicht ausschließlich rechtsextrem orientierte Personen vereint. Ebenso gibt es Überschneidungen mit anderen Strömungen, an denen Jugendliche Interesse zeigen, wie z.B. Esoterik, Gothic-Bewegung, Satanismus etc. Aber auch außerhalb des Jugend-Bereiches manifestiert sich Rechtsextremismus nicht allein über die Zugehörigkeit zu einer der rechtsextremen Parteien oder Vereine. Ein großes Potenzial wird durch rechtsextrem orientierte Publizistik, wie vor allem durch die "National-Zeitung", oder Trivialliteratur angesprochen, die rechtsextremes Gedankengut verbreitet oder unterstützt, genannt seien hier die Groschenhefte mit dem vielsagenden Titel "Landser". Welche Rolle die Instrumentalisierung von Mythen und Symbolen im Nationalsozialismus spielte, wurde bislang nur am Rande beachtet:
"Neben den ökonomischen, politischen, historischen und ideologischen Hintergründen hat man die mythologische Komponente des 'Dritten Reiches' bisher nur unzulänglich untersucht. Der Nationalsozialismus war aber nicht nur ein politisches Programm, das Arbeitsplätze und kollektiven Zusammenhalt versprach, sondern auch eine 'Bewegung' der großen Legenden, Bilder, Symbole und Rituale."
Auch für die Aufmerksamkeit der Forschung hinsichtlich der Adaption von germanischer Mythologie im rezenten Rechtsextremismus gilt Ähnliches. Während sich die Untersuchung soziologischer, ideologischer oder organisatorischer Aspekte des Rechtsextremismus, aber auch der strukturellen Parallelen zum Nationalsozialismus großer Beliebtheit erfreut, wird – von wenigen Ausnahmen abgesehen – dem Identifikationspotenzial der Mythen für die rechte Szene in der Regel gar keine oder lediglich sehr geringe Aufmerksamkeit gewidmet.

Im Folgenden soll sich die Betrachtung weitgehend auf den Bereich des Sprachlichen beschränken, denn eine Erörterung aller Aspekte der Aneignung von Mythen sowohl im Nationalsozialismus wie im rezenten Rechtsextremismus würde hier einen zu breiten Ansatz erfordern. Wesentliche Gesichtspunkte der grundsätzlichen Bedeutung des Mythos für die rechte Ideologie wurden immerhin schon in einer jüngeren Veröffentlichung dargelegt.

Germanische Mythologie in rechtsextremer Selbstdarstellung und Ideologie

Vor diesem Hintergrund lässt sich fragen, in welchen Bereichen sprachlich durch Rechtsextremisten auf germanische Mythologie referiert wird und welche Elemente des Mythos dabei Verwendung finden. Zunächst ist hier die Bezeichnung von Organisationseinheiten zu erwähnen. In deren Namen wird oftmals mehr oder minder direkt auf Elemente germanischer Mythologie Bezug genommen. Aber auch inhaltlich bietet die Beschäftigung mit germanischer/nordischer Mythologie für rechtsorientierte Gruppen den Aufhänger für den Transport rechtsextremer Ideologie.

Eine besonders wichtige Rolle für rechtsextreme Propaganda, für die Identitätsbildung, für die Schaffung emotionaler Bindungen und nicht zuletzt für die Finanzierung rechtsextremer Kreise spielt die Musik. Das ziemlich breite Spektrum rechtsextremer Musik reicht von brutal wirkender Skinhead-Musik bis hin zu sich feinsinnig-intellektuell gebender Liedermacherei. Auch hier gibt es Verarbeitungen germanischer Mythologie, sei es in den Namen einzelner Musikgruppen, sei es in expliziter oder impliziter Bezugnahme in Liedtexten. Schließlich sind auch die Gestaltung der Textbücher und der CD-Hüllen sowie die Formen der Selbstdarstellung der Musikgruppen im Internet oder während ihrer Auftritte zu nennen, wobei ebenfalls auf germanische Mythologie referiert werden kann. Die besondere Bedeutung der Musik für die Rezeption germanischer Mythologie im Dienste rechtsextremer Ideologie beruht vor allem darauf, dass auf diese Weise ein wesentlich größeres Publikum erreicht werden kann, das zunächst nur durch eingängige Melodien an die Inhalte herangeführt wird. Auf diese Weise schöpft Musik aus einem emotionalen Potenzial, das zur Identitätsfindung und Identifizierung führen kann. So besitzt die Musik vor allem bei der Nachwuchsrekrutierung eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Einen weiteren Bereich, in dem Namen und Symbole aus der germanischen Mythologie Anwendung finden, bilden Markennamen von Mode, Schmuck usw. Auch hier dient der öffentlich zur Schau gestellte Markenname mit mythologischem Bezug zur Herstellung und Propagierung einer Identität und Gruppenzugehörigkeit. Insgesamt werden aus der germanischen Mythologie in diesen Verwendungskontexten einerseits Namen und Symbole, als die insbesondere verschiedene Runen dienen, gebraucht. Andererseits wird auf konzeptionell-weltanschaulicher Ebene aus dem Germanentum eine Ideologie der Gewalt, der Durchsetzung des Stärkeren, ganz im Verständnis der nationalsozialistischen Auffassung des Sozialdarwinismus, abgeleitet und in diesem Sinne germanische Mythologie interpretiert und rezipiert. Im Folgenden soll dargestellt werden, wie Namen aus der germanischen Mythologie, mythische Erzählungen sowie Symbole aus dem Kontext der Mythologie im Rechtsextremismus Verwendung finden. Dabei können hier aus dem sehr breiten Spektrum des Rechtsextremismus nur einige wenige, aber anschauliche Beispiele gegeben werden.

Namen aus der germanischen Mythologie im Rechtsextremismus

Die Verwendung germanischer Götternamen beschränkt sich im Rechtsextremismus weitgehend auf Odin/Wodan und Thor/Donar. Eine der bekanntesten Mode-Marken rechtsextremer Kreise ist momentan Thor Steinar. Die von dieser Firma verwandte Symbolik war bereits Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzung und musste verändert werden. Die Marke selbst besteht weiter und der Schriftzug Thor Steinar auf T-Shirts und anderer Oberbekleidung dient zur Bekundung rechtsextremer Identität und Gruppenzugehörigkeit. Der Name referiert natürlich auf die Gottheit Thor, und zwar vor allem deswegen, weil Thor als Gott der Gewalt angesehen wird, was sich insbesondere im Thorshammer Mjöllnir manifestiert, der ebenfalls als weit verbreitetes Symbol rechtsextrem orientierter Gruppen Verwendung findet. Die Spezifizierung von Thor als Thor Steinar betont gerade diesen Aspekt der Macht und Gewalt.

Ebenfalls den Namen dieser Gottheit Thor führte ein Dresdner Lokal, das als Treffpunkt der rechtsextremen Szene diente. Skinhead-Bands nehmen für die Selbstbezeichnung gerne die germanischen Götter in Anspruch. Eine rechtsextreme Band aus Schneeberg (Erzgebirge) nennt sich T.H.O.R., eine Berliner Skinhead-Band erwählte sich den Namen Legion of Thor, eine Brandenburger Band den Namen Thorshammer. Der Thorshammer als Symbol der Macht und Gewalt ist für die rechte Szene besonders attraktiv. Dementsprechend nennt sich auch eine weitere Band Mjölnir und ein Schweizer Vertrieb von rechtsextremem Material trägt den Namen Mjölnir Diffusion.

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Autor: Prof. Georg Schuppener für bpb.de
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