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Generation ohne Namen? Polnische Jugendliche 2009


13.8.2009
Ist die polnische Jugendkultur eine Generation ohne Namen? Was verbirgt sich hinter den Schlagwörtern "Generation Nichts", "Generation 1.200 brutto" oder "Generation JP 2"? Rainer Mende beschreibt die Entwicklung der jungen Generation.

Jugendliche bei einem Konzert anlässlich des Geburtstages von Papst Johannes Paul II 2005.Jugendliche bei einem Konzert anlässlich des Geburtstages von Papst Johannes Paul II 2005. (© AP)

Bei Versuchen, die polnische Jugend von heute zu beschreiben, ist immer wieder auf verallgemeinernde Schlagwörter zurückgegriffen worden. Da mit Sicherheit keiner von ihnen allein erfassen kann, was Jugendliche in Polen heute denken, fühlen, planen und tun, sollen anhand einiger dieser Schlagwörter markante Eigenschaften gesammelt werden.

Generation Nichts



Der Begriff "Generation Nichts" entstand im Herbst 2002, als der Rockmusiker und Ex-Philosophiestudent Kuba Wandachowicz in der Tageszeitung Gazeta Wyborcza seinem Ärger Luft machte. In einem Essay unter diesem Titel beschrieb er den Zorn seiner Generation, die zwar gut ausgebildet und mit Fremdsprachenkenntnissen ausgestattet sei, aber den Eindruck habe, nicht gebraucht zu werden. Nach 1989 hatten die damals Jungen wichtige Posten in Wirtschaft und Medien eingenommen und damit für mindestens die nächsten 30 Jahre besetzt. Den später Geborenen bleibe lediglich der Kampf in einer Ellenbogengesellschaft, die keinen Raum für Selbstverwirklichung lässt. Auf dem Altar des Arbeitsmarkts werde der letzte Rest Idealismus geopfert. Wandachowiczs Argumente fanden ein breites Publikum durch seine Band Cool kids of death, in deren Texten diese Haltung kultiviert wurde.

Generation 1.200 brutto



Seitdem hat sich an den von Wandachowicz beschriebenen Problemen nicht allzu viel geändert. Das behauptete zumindest drei Jahre später der Jung-Autor Jakub Żulczyk im Internet-Magazin Relaz.pl. Dort veröffentlichte er einen Artikel über die "Generation 1.200 brutto" (den Begriff hatte er in einem Web-Forum entdeckt), die als das polnische Pendant zur deutschen "Generation Praktikum" gesehen werden kann. Żulczyk beschrieb keine Ideen oder Ziele, sondern die aktuelle Misere der jungen Polen: "Die Generation 1.200 brutto ist nicht stolz auf sich. Diejenigen, welche aus dem Waggon springen können, tun dies bei der erstbesten Gelegenheit. "

Die Zahl 1.200 benennt das durchschnittliche Einstiegsgehalt junger Uni-Absolventen um das Jahr 2005 und steht für ein Einkommen, das keine Möglichkeit für den Aufbau einer selbstständigen Existenz erlaubt. Darüber hinaus monierte Żulczyk die schlechten Arbeitsbedingungen und die geringen Chancen auf einen beruflichen Aufstieg. Eine anschauliche Illustration dieses Zustands lieferte Marta Dzido in ihrem Roman Małż, in dem wir eine Frau bei der Arbeitssuche begleiten. Sie ist entweder überqualifiziert oder die Arbeitsbedingungen sind unzumutbar bzw. unmoralisch, oft ist auch das Gehalt lächerlich. Sie bleibt arbeitslos – in einem Land mit wenig Sozialhilfe eine existenzielle Bedrohung.

Generation JP 2



Die Schlagwörter "Generation Nichts" und "Generation 1.200 brutto" beschrieben die soziale Situation junger Polen, verrieten aber wenig über ihr Wertesystem, das sich in einigen Punkten markant von dem der Eltern unterscheidet. Heutige Jugendliche sind in einem postkommunistischen System ohne einschneidende soziale oder ideologische Umbrüche aufgewachsen. Markwirtschaft, offene Grenzen und die EU sind für sie Alltag. Es fehlt ihnen aber – so behauptete der Krakauer Publizist Michał Olszewski – an kollektiven Erlebnissen, die eine Generation zusammenschweißen.

Allerdings gab es Ereignisse, welche identitätsstiftend sein könnten. Auf Demonstrationen gegen die Diktaturen in der Ukraine und Weißrussland oder konservative Bildungspolitiker sah man vor allem junge Menschen. Noch mehr waren es im Frühjahr 2005, als Papst Johannes Paul II. im Sterben lag. Sein Tod war für viele junge Polen wie der Verlust eines Verwandten – sie hatten eine Autorität verloren, die sie durch das ganze Leben begleitet hatte und die gerade auf den Dialog mit Jugendlichen großen Wert gelegt hatte. Nun war ein Mann gegangen, der für viele eine Vaterfigur war – für nicht wenige fühlte es sich wie eine Entlassung in die Selbstständigkeit an. Für dieses Phänomen grassierte eine Zeit lang der Begriff "Generation JP2" (oft englisch ausgesprochen: dscheij pi tu). Der gemeinsame Verlust wurde als Bindeglied gesehen, der Jugendliche aus verschiedenen Regionen und sozialen Schichten verbinden könnte.

Untersuchungen belegten, dass die moralischen Ansichten Jugendlicher in großen Teilen mit den Grundsätzen der Kirche im Einklang seien. Andere Umfragen ergaben wiederum, dass sich jeder dritte junge Pole als "nicht gläubig" einstuft. Wie passt das zusammen? Offensichtlich gibt es eine große Differenz zwischen verbalen Bekenntnissen und dem Verhalten im Alltag. Deshalb könnte Jakub Żulczyk Recht haben, wenn er den Begriff "Generation JP2" als bedeutungsleer bezeichnete.

Generation Resignation vs. Generation Emigration



Wenn es an gemeinsamen Werten und somit auch klar umrissenen Konzepten für die Zukunft mangelt, droht die Resignation. Nicht zufällig sind Drogenprobleme nicht nur das Erbe polnischer Schwierigkeiten mit Alkoholmissbrauch, sondern auch das Ergebnis von Perspektivlosigkeit. Drogen als Fluchtweg beschrieb beispielsweise Mirosław Nahacz in seinem Roman Osiem cztery (´84, das Geburtsjahr des Autors). Leider war die Beschreibung des Mischkonsums von Pilzen, Marihuana, Alkohol und Amphetaminen keine reine Fiktion: Nahacz beging Selbstmord und in Nachrufen wurden nicht selten seine Drogenprobleme erwähnt.

Eine andere Möglichkeit, den Schwierigkeiten zu entkommen, ist die reale Flucht – ins Ausland. Es gibt Dörfer in Oberschlesien, wo 90 Prozent der jungen Einwohner das Land verlassen haben, um ihre materielle Situation zu verbessern. Unter den geschätzten zwei Millionen Polen, die nach der EU-Osterweiterung 2004 Polen verließen, waren viele junge Leute. Sie waren weniger stark durch Familien oder Immobilien an ihren Wohnort gebunden als ihre älteren Landsleute.

Bis heute ist umstritten, wann sie wieder nach Polen zurückkehren und ob überhaupt. Für eine Rückkehr müssten sich die Verhältnisse entscheidend verbessert haben. Im Sommer 2008 sah es auch kurzzeitig danach aus, doch dann kam die Wirtschaftskrise und vernichtete Arbeitsplätze.

Generation mp3



Ein vollkommen anderes Schlagwort fand die Redaktion der Wochenzeitschrift Newsweek Polska. Dort erschien im April 2007 ein Artikel unter dem Titel "Generation mp3", der die heranwachsenden Personen wie folgt beschrieb: "Sie rebellieren nicht, sie haben keine Angst vor Schranken oder Verboten. Sie sind frei." Für die Autoren ist die Zeit der rebellischen Jugendbewegungen und Auseinandersetzungen mit den Eltern vorbei. Der Kulturjournalist Piotr Bratkowski und andere beobachteten ein sehr pragmatisches Auftreten der jungen Generation vor allem in der virtuellen Welt: "Das wahre Leben findet im Netz statt. Was geht uns die Realität an, wenn sie in kürzester Zeit zur Zugabe eines wirklichen, also virtuellen Lebens geworden ist? "

In technischer Hinsicht hat Polen längst zu seinen westlichen Nachbarn aufgeholt. In vielen Schülerrucksäcken findet man die neuesten Handy- und Computerspiele. Die Globalisierung im Internet schreitet unaufhaltbar voran. Hier treffen sich junge Polen ebenso selbstverständlich mit Altersgenossen von nebenan wie mit Freunden in Australien oder Kanada. Die ersten polnischen Stars der Blogosphäre (wie die Pixel-Grafikerin Endo oder die bis heute anonyme @linka aus dem rätselhaften Blog "Wirkinderdesweb") feierten ihren kometenhaften Aufstieg, als man das Wort "Blog" in Deutschland noch buchstabieren musste. Die neue, virtuelle Welt gehört den Jungen und sie gehen selbstbewusst ihren Weg – in der realen wie in der digitalen Welt.

Generation Alles



Diese Entwicklung hin zur starken Individualisierung hat tiefgreifende Folgen. Im Denken polnischer Jugendlichen ist das "ich" immer öfter wichtiger als das "wir", das persönliche Glück wird wichtiger als eine gemeinsame Rebellion. Wohl aus diesem Grund schlug der schon zitierte Michał Olszewski im deutsch-polnischen Magazin Dialog vor, nicht krampfhaft nach kollektiven Merkmalen zu suchen, die es nicht gebe. Ihm zufolge verbindet die jungen Polen allein ihre Verschiedenheit. Es sei keine Generation Nichts, sondern höchstens eine Generation Alles. Sie sei eine Generation von Pragmatikern – was im harten Alltag durchaus von Vorteil sein kann.

Denn Individualismus bedeutet nicht automatisch Egoismus. Wem ausreichend Zeit und Energie bleibt, der mischt sich auch heute gesellschaftlich ein und macht sich Gedanken über die Zukunft. Ein Blick in ein dickes Buch namens Tekstylia bis illustriert das eindrucksvoll. Es versammelt auf 800 Seiten Kurzporträts junger Leute, die sich – ob nun als Dichter, HipHopper, Künstler oder Publizist – engagieren. Sie alle sind nach 1970 geboren.

Literatur, Musik, Kunst, Comics, Filme, Videclips, Mode und Jugendsprache sind überall zu finden. Jugendkultur ist allgegenwärtig, vielleicht sogar noch mehr als in Deutschland. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, wie die Generation heißt. Wichtig ist allein, dass sie bewusst und auf ihre eigene Weise am gesellschaftlichen Leben teilnimmt.

Literatur



Jahrbuch Polen 2008 Jugend. Wiesbaden 2008.

Lampa (Monatszeitschrift, Warschau, seit 2004, www.lampa.art.pl)

Marecki, Piotr (Hg.): Tekstylia bis. Słownik młodej polskiej kultury. Kraków 2006.

Piróg, Tomasz: Młodzież w Polsce. Kraków 2006.

P+ (polenplus). Leben, Kunst & Wirtschaft (Vierteljahreszeitschrift, Berlin, seit 2007, www.polenplus.eu)



 

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