APUZ Dossier Bild

29.10.2003 | Von:
Kaspar Maase

Körper, Konsum, Genuss - Jugendkultur und mentaler Wandel in den beiden deutschen Gesellschaften

In beiden deutschen Gesellschaften sahen die sechziger und siebziger Jahre Aufstieg und Normalisierung von bestimmten Jugendstilen. In deren Zentrum stand internationale Popmusik.

Einleitung

Dieser Aufsatz betrachtet Jugendkulturen in Ost und West als Motoren mentalen Wandels in den sechziger und siebziger Jahren. Die Bedingungen in beiden deutschen Gesellschaften waren unterschiedlich bis zum Gegensatz, doch Übereinstimmungen in der Entwicklungsrichtung scheinen unverkennbar. Eine große Linie deutscher Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert bildet der Aufstieg der kommerziellen Populärkünste. Sie dominieren heute nicht nur den Alltag; ihre Werte haben die um 1900 noch allein gültigen Maßstäbe der so genannten Hochkultur an den Rand gedrängt. Der Durchbruch fand nach dem Zweiten Weltkrieg statt: Der Nachwuchs aus den Bildungsschichten -die bis dahin missionarisch und arrogant die vorgebliche Überlegenheit der von ihnen verkörperten Hochkultur vertraten - machte sich populäre Vergnügungen (Schlager, "wilde" Tänze, Kino) zu Eigen. Oberschüler, Studenten und junge Akademiker begannen, sich öffentlich zu den von ihren Eltern und Erziehern bekämpften Werten der Massenkultur zu bekennen: mitreißende Körperlichkeit und spontaner Genuss, Überwältigung der Sinne und Gefühlsqualität. Wir finden es heute selbstverständlich, dass die führenden Feuilletons ernsthaft und kompetent Rockkonzerte und Hollywood-Blockbuster, Fernsehshows und Bestseller besprechen. So etwas war 1960 in beiden deutschen Staaten undenkbar. Auf dem Weg dahin mussten tiefe kulturelle Gräben zugeschüttet werden, die soziale Milieus voneinander trennten; habituelle Distanzen wurden verringert und symbolische Hierarchien abgeflacht. Dabei spielte Jugendkultur eine wesentliche Rolle.




Dietrich Mühlberg hat als methodisches Prinzip für deutsch-deutsche Geschichtsschreibung vorgeschlagen, nach den Antworten zu fragen, die beide Gesellschaften für vergleichbare Herausforderungen entwickelten. Dahinter steht die Vorstellung von systemübergreifenden Modernisierungsaufgaben, die kapitalistische wie sozialistische Industriegesellschaften bewältigen mussten.[1] Über diesen Ansatz ist sicher zu diskutieren; für die Betrachtung der Jugendkulturen scheint er mir jedenfalls produktiv. Heranwachsende wollen sich, einzeln wie in Gruppen, symbolisch-expressiv positionieren gegenüber der sie umgebenden Gesellschaft; in Ost und West entwickelten sie Verhaltensformen, Präsentationsstile und Richtungen der Populärkultur, um sich von der "Normalkultur" abzusetzen und abzugrenzen.[2]


Fußnoten

1.
Vgl. Dietrich Mühlberg, Von der Arbeitsgesellschaft in die Konsum-, Freizeit- und Erlebnisgesellschaft, in: Christoph Kleßmann/Hans Misselwitz/Günter Wichert (Hrsg.), Deutsche Vergangenheiten - eine gemeinsame Herausforderung, Berlin 1999, S. 176 - 205.
2.
Vgl. Stichwort "Jugendkultur", in: Hans-Otto Hügel (Hrsg.), Handbuch Populäre Kultur, Stuttgart 2003, S. 40 - 45.