Islamische Bademode

Islamischer Religionsunterricht - Voraussetzungen, Barrieren und Fragen


1.6.2008
Seit fast drei Jahrzehnten wird über islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen diskutiert. Trotzdem gibt es bis heute nur wenige Modellversuche. Michael Kiefer erläutert die rechtlichen Rahmenbedingungen und erklärt, welche Probleme aus ihnen für die Umsetzung resultieren.

Ein Leher an der Gebrüder Grimm Hauptschule in Duisburg gibt muttersprachlichen Ergänzungsunterricht in islamkundlicher Unterweisung am 12. Januar 1999. Der Unterichtsplan sieht für Migranten 3-5 Stunden pro Woche in der Muttersprache vor, davon ist 1 Stunde der islamischen Religion gewidmet.Muttersprachlicher Ergänzungsunterricht für Migranten in islamkundlicher Unterweisung an der Gebrüder Grimm Hauptschule in Duisburg. (© AP)

Seit fast drei Jahrzehnten wird nun bereits über islamischen Religionsunterricht an Schulen diskutiert. Dennoch war es bis heute in keinem Bundesland möglich, einen ordentlichen islamischen Religionsunterricht einzuführen. Lediglich Modellversuche, die nur wenige muslimische Schülerinnen und Schüler erreichen, gibt es in einigen Bundesländern – darunter Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Ursache für diesen insbesondere aus muslimischer Perspektive unbefriedigenden Sachverhalt ist eine sehr komplexe Problemlage, zu deren Auflösung langwierige Aushandlungsprozesse zwischen Staat und Muslimen erforderlich sind.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht an staatlichen Schulen sind in Art. 7, Abs. 3 GG festgehalten:

"Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt."

Newsletter Jugendkultur, Islam und Demokratie

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter "Jugendkultur, Islam und Demokratie", PDF-Icon Ausgabe Nr. 6/Juni 2008. Der Newsletter wird im Auftrag der bpb erstellt durch ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V.



Folgt man der Auffassung der Islamkonferenz, bzw. deren Arbeitsgruppe "Religionsfragen im deutschen Verfassungsverständnis", dann ist der im Grundgesetz geforderte Religionsunterricht keine "bloße vergleichende Religionskunde" sondern soll in "konfessioneller Gebundenheit" unterrichtet werden. Dies bedeutet nicht nur, dass die Inhalte des Religionsunterrichts mit den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaft übereinstimmen müssen: "Vielmehr sind diese Grundsätze durch die jeweilige Religionsgemeinschaft selbst festzulegen, da die Behörden des religiös-weltanschaulich neutralen Staates dazu keine Befugnis haben." (1) Über diese Festlegung der Grundsätze hinaus haben die Religionsgemeinschaften auch das Recht, zu entscheiden, ob eine Lehrkraft Religionsunterricht in ihrem Namen erteilen darf. (2)

Die entscheidende Frage lautet nun, was eine Religionsgemeinschaft ist. Und genau hier beginnt der Dissens zwischen Staat und organisiertem Islam in Deutschland. Folgt man der Rechtsprechung der vergangenen Jahre, dann ist der Verfassungsbegriff der Religionsgemeinschaft durch vier Merkmale geprägt: 1. "Eine Religionsgemeinschaft umfasst – mit Besonderheiten für Dachverbandsorganisationen – natürliche Personen." 2. Sie verfügt über ein Minimum an organisatorischer Struktur, d. h. mehrere Personen müssen sich verbunden haben, um sich für längere Zeit der Religionsausübung zu widmen. 3. "Gegenstand der Religionsgemeinschaft ist die Pflege eines gemeinsamen Bekenntnisses." 4. "Von religiösen Vereinen unterscheiden sich Religionsgemeinschaften dadurch, dass sie der umfassenden Erfüllung der durch das religiöse Bekenntnis gestellten Aufgaben dienen." (3)

Unisono vertreten nun alle Bundesländer bisher die Ansicht, dass die islamischen Verbände zentrale Erfordernisse einer Religionsgemeinschaft nicht erfüllen. Als sehr problematisch gilt z. B. die Auffassung von Mitgliedschaft, die einige Verbände vertreten: Gezählt werden in der Regel die zumeist männlichen Besucher des Freitagsgebets, die mit dem Faktor 5 (für die Familie) multipliziert werden. Da der Religionsunterricht für die konfessionsangehörigen Schülerinnen und Schüler als Pflichtfach zu erteilen ist, bedarf es jedoch eindeutiger Regelungen über die Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft.

Als problematisch erweist sich auch der Umstand, dass Programmatik und Zielrichtung einiger großer Organisationen in erheblichem Maße Interessen der ursprünglichen Heimatländer widerspiegeln. Sehr deutlich zeigt sich dies bei der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Diyanet İşleri Türk İslam Birliği). Die DITIB ist die mit Abstand größte Organisation der Muslime in Deutschland. Wie bereits der türkische Vereinsname erkennen lässt, steht der Verband in enger Beziehung zum Diyanet İşleri Başkanlığı (DİB), dem Präsidium für Religionsangelegenheiten, das in direkter Linie dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellt ist. Die Einflussnahme des türkischen Staates auf die deutschen DITIB-Gemeinden widerspricht dem verfassungsrechtlichen Grundsatz der religiös-weltanschaulichen Neutralität des Staates. Aus Sicht der deutschen Kultusbehörden kann DITIB daher kaum als Kooperationspartner des Staates für einen islamischen Religionsunterricht in Erscheinung treten.

Weitere Probleme gibt es mit der so genannten Verfassungstreuepflicht. So im Fall der IGMG: Die aus der türkischen Milli-Görüş- Bewegung hervorgegangene Organisation gehört dem Islamrat an und ist die mit Abstand größte Mitgliedsorganisation dieses Dachverbands. Seit geraumer Zeit steht die IGMG unter Islamismusverdacht und wird von den Verfassungsschutzbehörden der Länder und des Bundes beobachtet. Grundsätzlich gilt hier, dass der Staat es nicht hinnehmen könnte, wenn Inhalte eines wertevermittelnden Religionsunterrichts durch eine Religionsgemeinschaft bestimmt würden, die grundlegende Verfassungsprinzipien in Frage stellt.

Neben solchen Problemen hinsichtlich möglicher Ansprechpartner gibt es offene Fragen zu den unterschiedlichen Konfessionen und der Zielsetzung eines islamischen Religionsunterrichts. Unklar ist z. B., wieviele islamische Religionsunterrichte denn eingeführt werden sollen. Werden Sunniten, Schiiten und Aleviten gemeinsam unterrichtet oder wird es zwei oder drei islamische Religionsunterrichte geben? Im Rahmen der Schulversuche zeichnen sich zwei verschiedene Modelle ab: In Baden-Württemberg werden seit dem Schuljahr 2006/2007 in Schulversuchen die Fächer islamische Religionslehre für sunnitische und schiitische sowie alevitische Religionslehre für alevitische Schülerinnen und Schüler erteilt. Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen wollen diesem Beispiel folgen und werden mittelfristig gleichfalls einen eigenständigen alevitischen Religionsunterricht anbieten. Andere Wege geht das Bildungsministerium in Schleswig-Holstein. Dort hat man sich im Rahmen eines Schulversuchs für einen islamischen Einheitsunterricht entschieden, der als islamischer Religionsunterricht seit dem Schuljahr 2007/2008 in ausgewählten Grundschulen angeboten wird.

Klärungsbedarf besteht auch bei den grundlegenden Zielen eines islamischen Religionsunterrichts. Zu welchem Zweck wird an staatlichen Schulen Religionsunterricht erteilt und wie unterscheidet sich dieser von der religiösen Erziehung in der Familie und Gemeinde? Hier bewegt sich die Debatte seit geraumer Zeit in einem diffusen Feld: Im Einklang mit den christlichen Kirchen fordert ein Teil der islamischen Verbände einen Religionsunterricht, der Schülerinnen und Schüler zur Religion und einer intensiven Glaubenspraxis hinführt. In Erlangen entspricht der Modellversuch Islamunterricht diesem Anliegen bereits: Der Unterricht richtet sich ausdrücklich auch an Schülerinnen und Schüler, die nicht wissen, dass sie Muslime sind und soll "muslimische Glaubensbereitschaft" anbahnen. (4) Mit dieser Zielsetzung bewegt sich der Religionsunterricht im klassischen Aufgabenbereich von Familien- und Gemeindeerziehung. Grundsätzlich problematisch ist dabei der "binnenmissionarische" Anspruch eines staatlich verantworteten Unterrichtsangebots. So wäre zu fragen, ob eine faktische Missionierung religionsferner Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines staatlichen Pflichtunterrichtes erwünscht ist.

Angesichts dieser vielschichtigen Problemlage ist mit der anzustrebenden flächendeckenden Einführung eines islamischen Religionsunterrichts so schnell nicht zu rechnen. Zum einen sind wesentliche Voraussetzungen dafür auf muslimischer Seite noch nicht erfüllt. Darüber hinaus bedarf es klarer Präzisierungen bezüglich der Zielsetzungen eines islamischen Religionsunterrichts. All dies wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.


(1) BMI – Deutsche Islamkonferenz (DIK): Zwischen- Resümee der Arbeitsgruppen und Gesprächskreis. Vorlage für die 3. Plenarsitzung der DIK, 13. März 2008 Berlin, Anlage 2, S. 19.
(2) Ebd., S. 20, 27.
(3) Ebd., S. 20.
(4) Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus: Fachlehrplan für den Schulversuch Islamunterricht an der bayerischen Grundschule. Genehmigt mit KMS vom 12. Juli 2004, S. 2.



 

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