30.8.2012

Die "Aktuelle Kamera" als Propaganda-Instrument der SED

Die "Aktuelle Kamera" war bis zur Wendezeit ein wichtiges Lenkungs- und Propagandainstrument der SED. Aufgabe war es, dem Fernsehzuschauer durch Beispiele aus dem wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Tagesgeschehen zu verdeutlichen, wie der Sozialismus zu entwickeln sei. Information sollte zum Mittel der politischen Erziehung werden (vgl. Bösenberg 2004). Gegenstand der Sendung war meist eine ausführliche Berichterstattung über Staatsbesuche, Tagungen des Zentralkomitees, Parteitage der SED, Besuche von Funktionären in Betrieben und andere offizielle Anlässe. Ausführlich wurde über Planerfüllungen und Verbesserungen in der sozialistischen Produktion, in Industrie und Landwirtschaft oder das Wohnungsbauprogramm berichtet. Missstände wurden so gut wie gar nicht thematisiert. Über Natur- und Umweltkatastrophen oder Unglücksfälle wurde, wenn überhaupt, nur eingeschränkt berichtet.
Im Interview mit der "Aktuellen Kamera" des Deutschen Fernsehfunks weist Prof. Dr. Grümmer (re.) an Hand von Fotodokumenten auf die unmenschliche Kriegsführung der USA hin.Im Interview mit der "Aktuellen Kamera" des Deutschen Fernsehfunks weist Prof. Dr. Grümmer (re.) an Hand von Fotodokumenten auf die unmenschliche Kriegsführung der USA hin. (© Bundesarchiv, Bild 183-J1219-0009-001 / Fotograf: Eva Brüggmann)

Ideologisierte Auslands-Berichterstattung

Auch die internationale Berichterstattung war stark ideologisiert. Ereignisse, die nicht ins sozialistische Weltbild passten, wurden häufig verschwiegen. Berichte über das nichtsozialistische Ausland befassten sich zumeist mit sozialen und gesellschaftlichen Problemen der jeweiligen Länder: Arbeitslosigkeit, Armut, Anzahl der Drogentoten, mangelnde Gleichberechtigung der Frau, Waffengeschäfte, rechtsradikale Entwicklungen. Das Programm der "AK" fasste der in West-Berlin lebende Schriftsteller und 'Fernsehkritiker' Uwe Johnson 1964 zusammen: "Nachrichten über Vorzüge des Ostens, Nachteile des Westens".

Staatliche Eingriffe

In der DDR galt der Grundsatz, "Journalismus ist die schärfste Waffe der Partei". Im Unterschied zur Bundesrepublik mit ihren Grundsätzen von Pressefreiheit, vom Journalismus als "Vierter Gewalt" und als Kontrollinstanz sowie Gegengewicht zur politischen Macht. Administrativ unterstand das Fernsehen der DDR dem Ministerrat der DDR. Faktisch jedoch dem Sekretär für Agitation und Propaganda des Zentralkomitees (ZK) der SED, der auch für alle anderen Medien in der DDR zuständig war. Umgesetzt wurden die generellen Richtlinien und direkten Anweisungen von der zuständigen Abteilung Agitation beim ZK der SED. Für die "AK" bedeutete das, dass der ZK-Sekretär ab den 1960er Jahren zunehmend in die Berichterstattung eingriff. Zwischen der Abteilung Agitation beim ZK der SED gab es über den Regierungsapparat eine direkte Telefonverbindung zum Chefredakteur der "AK". Diese wurde ab den späten 1970-er Jahren auch täglich benutzt. Mitunter wurden Kommentare und Texte sogar nach Beginn der laufenden Sendung durch das Telefon diktiert. Die oben beschriebenen Nachrichtenwert-Vorstellungen galten hier allenfalls in eingeschränkter Weise. Was als berichtenswert galt, wurde von der Partei vorgegeben.

Die Nachrichtenpraxis unter der ZK-Abteilung für Agitation

Peter Ludes beschreibt die Nachrichtenpraxis, die sich hier unter dem ZK-Sekretär für Agitation Joachim Hermann ab 1978 herausbildete: "Die von den Redaktionskonferenzen vorgeschlagenen Sendeabläufe wurden von Berlin-Adlershof 'in die Stadt' an Hermann weitergeleitet; seine Abteilung strich vorgesehene Meldungen und Themenbereiche, änderte die Reihenfolge, verlangte die Hinzunahme anderer Themenbereiche oder die Ausweitung von Berichterstattungen über SED-Ereignisse, vor allem über die politischen Treffen und Reden des Generalsekretärs der SED, Erich Honecker. Direkt nach der Ausstrahlung der 'heute'-Sendung des ZDF um 19.20 Uhr ging oft das Telefon in der Chefredaktion der 'Aktuellen' und es wurde die Anweisung gegeben, zu bestimmten Berichten des Klassenfeindes antipropagandistisch durch die Überzeugungskraft der Tatsachen Stellung zu nehmen" (Ludes 1990, S.22).
Die "Aktuelle Kamera" war von 1952 bis 1990 die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens. Ab Oktober 1957 liefen die Nachrichten täglich, zunächst um 20:00 Uhr oder um 19:45 Uhr, ab Oktober 1960 immer um 19:30 Uhr. Oftmals wurde Bezug zu Nachrichten genommen, die um 19:00 Uhr in der "heute"-Sendung des ZDF ausgestrahlt worden waren. (Ausschnitt aus der Sendung vom 4.10.1989) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1989)
Eine weitere Form der Lenkung und des Eingreifens der Partei in die Berichterstattung der Medien – und damit ihrer Gleichschaltung – waren die sogenannten Donnerstags-Argumentationen. Das waren wöchentlich stattfindende Treffen der Chefredakteure von Tages- und Wochenpresse, Rundfunk und Fernsehen in der Abteilung Agitation beim ZK der SED. In ihnen wurden Hinweise und Anleitungen für die von der Staats- und Parteiführungen gewünschten Formulierungen vorgegeben (vgl. Bösenberg 2004).

Stimmen zur Rolle der "Aktuellen Kamera"

Von den "Unzufriedenheiten, Widersprüchen und Konflikten (war) in der Aktuellen Kamera nicht einmal eine leichte Andeutung zu spüren", resümierte 1990 der Soziologe Rainer Geißler die Arbeit der Aktuellen Kamera. Der DDR-Schriftsteller Stefan Heym hatte deshalb auch von "Hofnachrichten" und der DDR-Kritiker Robert Havemann von einem "Scheinrealismus des rosa Zuckergusses" (zit. n. Geißler 1990, S.298) gesprochen. Für Geißler führte die Nachrichtenpraxis der "Aktuellen Kamera" dazu, dass der DDR-Führung "der Sinn für die realen Probleme und die wirklichen Stimmungen in der Gesellschaft immer mehr verloren ging" (Geißler 1990, S.303). Wie wohl keine andere Sendung des DDR-Fernsehens stand die "Aktuelle Kamera" für den "indoktrinierenden, manipulativen und staatsdirigistischen Journalismus in der DDR" mit dem Meinungs- und Deutungsmonopol der SED-Führungsspitze.