30.3.2013

Formate und Trends seit den 90er Jahren

In den 1990er Jahren wurden im gesamtdeutschen Fernsehen mit der verstärkten Durchsetzung der Unterhaltungsorientierung in den Programmen insgesamt auch in die Ratgebersendungen zunehmend unterhaltende Elemente eingebaut. Das Fernsehen sollte den Zuschauern nicht mehr nur Wissen vermitteln, sondern auf unterhaltsame Weise zeigen, wie konkrete Ratschläge umgesetzt werden. In den Doku-Soaps (erzählenden Serien) wird auf eine sehr emotionale Weise dargestellt, wie Experten Menschen helfen, ihr Leben zu meistern.

Gründe für eine Fiktionalisierung

Die Ursache für diese Fiktionalisierung, die vor allem auch eine Emotionalisierung der Darstellung bedeutet und die interpersonellen Beziehungen vor die Sachvermittlung stellt, liegt in der strategischen Absicht, möglichst viele Zuschauer auch affektiv anzusprechen. Diese Strategie resultierte aus einer Mischung folgender Überlegungen: 1. der Einsicht, dass die pure Wissensbereitstellung nicht ausreicht, da viele Zuschauer ein solches Wissen nicht aufnehmen können; 2. der Erkenntnis, dass es für die Zuschauer bequem ist zu sehen, wie anderen geholfen wird; (Die zu Grunde liegende Annahme lautet: "Wenn ich diese Sendung sehe, kann ich die gezeigte Hilfe im Notfall auch selbst anwenden.") 3. der Möglichkeit, die Hilfe wie eine Geschichte zu inszenieren. Mit den 'realen' Menschen in einer Alltagssituation kann der Zuschauer umso mehr mitfühlen.

Daily Talkshows als Provokation und Beratung

Hatte es schon in den frühen 1990er Jahren Lebenshilfesendungen gegeben, ("Pfarrer Johannes Kuhn antwortet", ZDF; "Hilferufe aus der Krise", WDR), so dienten auch die Daily Talkshows wie "Hans Meiser" (RTL), „Bärbel Schäfer“ (RTL), und andere in den 1990er Jahren dazu, Alltagsprobleme auf eine eher provozierende Weise anzusprechen. Auch Gerichtsshows wie „Richterin Barbara Salesch“ (Sat.1, 1999–2012), „Familien-Fälle“ (Sat.1, seit 2012), „Das Strafgericht“ (RTL, 2002–2008) und „Richter Alexander Hold“ (später „Familienfälle – Richter Hold“; Sat.1, 2001–2013) hatten und haben letztlich eine unterhaltend-beratende Funktion und zeigen immer wieder: 'So wie in den gezeigten Fällen sollte man sich nicht verhalten!‘ Viele dieser Sendungen wurden inzwischen allerdings eingestellt.

"Coaching TV"

Peter Zwegat hilft Zuschauern "Raus aus den Schulden"Peter Zwegat hilft Zuschauern "Raus aus den Schulden" (© RTL)
Sehr viel konkreter geht es seit 2002 bei den sogenannten "Help-Formaten" zu, also Sendungen, die explizit der Lebenshilfe dienen: "Die Super Nanny" (RTL, 2004–2011) hat Familien im Umgang mit ihren Kindern beraten, indem sie pädagogische Ratschläge, aber auch solche zur familiären Lebensführung gegeben hat. In "Raus aus den Schulden" (RTL, seit 2007) berät Peter Zwegat Menschen, die mit ihren finanziellen Verpflichtungen allein nicht mehr klar kommen können. In „Besser Essen – Leben leicht gemacht“ (ProSieben 2007/2008, danach Wiederholung u. a. bei sixx) erklärte der Experte Dr. Stefan Frädrich, wie man sich gesund ernähren und dabei abnehmen kann, und zeigt an Computersimulationen, wie diejenigen, die dies nicht tun, in dreißig Jahren aussehen werden. In „Engel im Einsatz“ (RTL II, 2004–2010) war Verona Pooth und in „Helfer mit Herz“ (RTL, seit 2006) ist Vera Int-Veen im Einsatz bei Alltagsproblemen von der Grammatikschwäche bis zur Bewältigung eines Unfalls Familien aktiv glücklich zu machen. Weitere populäre Sendungen sind z. B. „Rach, der Restauranttester“ (RTL, seit 2005) oder „Das Messie-Team - Start in ein neues Leben” (RTL II, seit 2011).

Die Dramaturgie dieser Sendungen ist den fiktionalen Serien angepasst: Alles wird in einer Sendung gelöst. Doch in der Realität bleiben oft auch verstörte Familien zurück, denen das Fernsehen nicht nur keine Hilfe gebracht hat, sondern die mit mehr Problemen dastehen als vorher (vgl. Meyer-Bothling 2008, S.92).


Materialien zu "Ratgeber- und Servicesendungen"

PDF-Icon DDR-Ratgebersendungen