30.8.2012

Boulevard- und Lifestylemagazine

Für Infotainment stand auch die Entwicklung neuer Sendeformate wie Boulevard-, Promi- oder auch Lifestylemagazine. Oft geprägt von reißerischer Berichterstattung, wurden persönliche Schicksalsschläge, Gewalt, Sex und Katastrophen zum Thema. Der Blick richtete sich dabei überwiegend auf die "Welt der Stars und Prominenten".
Die Moderatorin des ARD-Boulevardmagazins "Brisant", Griseldis Wenner.Die Moderatorin des ARD-Boulevardmagazins "Brisant", Griseldis Wenner. (© AP)
Aber auch der einfache Bürger und Mensch wurde und wird in seinem Glück oder Unglück gezeigt. Nicht selten stellen die Mitwirkenden der neuen Unterhaltungssendungen der kommerziellen Programme auch das Personal für ihre Boulevardmagazine, so dass diese dann Werbung für andere Programmangebote in den gleichen Programmen betreiben. Aber auch in anderen Programmgattungen, wie z. B. den Ratgebersendungen, setzte sich eine Entertainisierung durch. So wurden – wie schon bei "Raus aus den Schulden" oder "Engel im Einsatz" – Ratgeberstrukturen mit Formen der seriellen Unterhaltung verbunden, so dass nicht nur Kindererziehung auf diese Weise betrieben wurde ("Die Super Nanny"), sondern Handwerker in szenisch-serieller Form zeigen, wie man Wohnungen repariert (z. B. "Einsatz in 4 Wänden", RTL).

Problematische Aspekte des Infotainment

Das 'Unterhaltend-Machen' von Informationen erscheint für die gesellschaftliche Information und Kommunikation mit Hilfe der Medien dann als problematisch, wenn darüber die Sachlichkeit der Information verloren geht, wenn eine angemessene Darstellung komplexer Verhältnisse nicht mehr vorhanden ist und durch nebensächliche Nachrichten, wie z. B. über das Leben von Unterhaltungsstars, die ernsthafte Auseinandersetzung mit den wichtigen und zentralen Themen verdrängt wird (vgl. "Agenda Setting"). Dann besteht auch eine Gefahr für das Gemeinwesen der Demokratie, weil die Bürger nicht mehr ausreichend über die öffentlichen Dinge, über die politisch entschieden werden muss, informiert sind. Dass Informationen ansprechend vermittelt werden können und nicht nüchtern und trocken aufbereitet sein müssen, ist damit nicht ausgeschlossen. Hier das richtige Maß zu finden, bleibt eine Aufgabe, der sich gerade auch die öffentlich-rechtlichen Sender, bei denen die politische Information zum Auftrag der 'Grundversorgung' der Bürger gehört, verpflichtet fühlen müssen.

"Infotainment" im DDR-Fernsehen

Da das Entstehen des Infotainments zeitlich mit dem Ende der DDR zusammenfällt, entwickelten sich entsprechende Sendeformen dort nicht. Gleichwohl waren Vermischungen von Informationen und Unterhaltung in der Magazinform schon in den 1950er Jahren sowohl im Westen als auch im Osten – wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten – zu finden. Die Herausstellung von Prominenz galt in der DDR lange Zeit als "dekadente" und "menschenverachtende" Ausformung des "absterbenden Kapitalismus" und spielte deshalb keine Rolle. Katastrophen und Unglücksfälle wurden im DDR-Fernsehen zumeist verschwiegen. 1989 startet das DDR-Fernsehen mit dem Jugendmagazin "Elf 99" und der Einbettung von gesellschaftlich vermeintlich relevanten Themen in ein eher unterhaltsames Magazin den Versuch einer breiteren Ansprache jugendlicher Zuschauer, als notwendig erachtet angesichts eines in Stagnation und beginnender Auflösung begriffenen Landes auf der einen Seite und dem hohen Politisierungsgrad auf der anderen Seite.

Grenzen der "Spaßgesellschaft"

Die Boulevardisierung stieß nach 2001 an Grenzen, weil die mit den Begriffen "Infotainment" und "Entertainisierung" verbundene Tendenz, sich zu einer "Spaßgesellschaft" zu entwickeln, mit dem Attentat auf das New Yorker World Trade Center ihr Ende fand (vgl. Hall 2002). Die Welt und das Leben in ihr waren – so zeigte das Attentat – eben nicht leicht und lustig, sondern riskant und gefährlich. Aufgrund dieser sich auch in den Medien durchsetzenden Einsicht wurde der Trend zur Boulevardisierung immer mehr in Frage gestellt. In einer gemäßigten Form wird eine nur oberflächliche Informationspolitik in den kommerziellen Programmen weiter betrieben, die öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme haben teilweise ihr Informationsangebot weiter ausgebaut, teilweise aber auch in Spartenprogramme ausgelagert.