30.8.2012

Märchen im DDR-Kinderfernsehen

"Zu Besuch bei Professor Flimmrich" und "Meister Nadelöhr" bildeten zeitgemäße Formen für Märchenpräsentationen, weil sie von lebendigen Figuren moderiert wurden, die einerseits der Märchenwelt verhaftet, andererseits auch der DDR-Gegenwart verbunden waren. Die Sendereihe "Zu Besuch bei Professor Flimmrich" war aus der 1958 gestarteten Reihe "Karli Kurbels Flimmerkiste" entstanden. Hier wurden Märchen-Kinderfilme gezeigt.

"Clown Ferdinand" als Erfolgsformat

Ab 1959 kam es auch zu einer Zusammenarbeit mit dem tschechischen Kinderfernsehen und damit zur Entwicklung der Figur des "Clown Ferdinand" (gespielt von Jiri Vrštala), der in verschiedenen Sendeformen auftrat (z. B. in der Kinderrevue "Mit Ferdinand ins Zauberland" 1957, in zahlreichen Filmgrotesken, außerdem in Filmen von Ota Hofmann und Jindrich Polak) (Stock 1995, S.56f.). Von diesen Filmen wurde "Clown Ferdinand und die Rakete" 1964 auf dem Festival des Prix Jeunesse von Gert Müntefering gesehen und für das ARD-Fernsehen angekauft. Clown Ferdinand war mit immer neuen Reihen im DDR-Fernsehen zu sehen – nicht zuletzt 1972/74 in einer 13-teiligen Serie von Kurzfilmen mit jeweils neuem Handlungsort, in denen Ferdinand - in einem pantomimischen Spiel, nur musikalisch unterlegt – unterschiedliche Abenteuer erlebte (vgl. ebd.).

"Meister Nadelöhr", gespielt von Eckart Friedrichson, war eine Kunstfigur, die Märchen erzählte oder Lieder sang und von seinen Puppen "Pittiplatsch" und "Schnatterinchen" begleitet wurde. Die beliebte Märchen-Sendung wurde von 1955 bis 1975 ausgestrahlt. (Ausschnitt aus der Sendung vom 4.5.1963) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1963)

Märchen – pädagogisch bearbeitet

Märchenfilme bzw. -verfilmungen gelten bis heute als der international erfolgreichste Zweig sowohl der Defa als auch des DDR-Kinderfernsehens. In den 1950er Jahren waren es die Defa-Kinofilme wie Wolfgang Staudtes "Der kleine Muck" und Paul Verhoevens "Das kalte Herz" – obwohl beide nicht primär für ein Kinderpublikum produziert worden waren – sowie Helmut Spiess' "Das tapfere Schneiderlein", Francesco Stefanis "Das singende, klingende Bäumchen" u. a., die das Bild des DDR-Märchenfilms nachhaltig beeinflussten. Allerdings wurden die Märchenverfilmungen in den 1950er Jahren auch von der kulturpolitischen Debatte über den sozialistischen Realismus beeinflusst. Unbearbeitete Märchen wurden als schädlich für eine harmonische psychische Entwicklung von Kindern eingestuft. So bearbeiteten die Defa-Dramaturgen z. B. die 1952 neu aufgelegten "Hausmärchen der Brüder Grimm" nach pädagogischen Gesichtspunkten: Die Märchen sollten als Mittel der sozialistischen Erziehung dienen.

Politische Deutung der Märchenfilme

In der Folge wurden Märchen auch politisch gedeutet und den Vorstellungen von der Durchsetzung des Sozialismus angepasst. Ein frühes Beispiel dafür ist der Märchenfilm "Der Teufel vom Mühlenberg" von Herbert Ballmann. Hier wurden Klassenkampftheorien in das ursprüngliche Märchengeschehen 'eingepasst'. Andere Drehbuchautoren adaptierten die Märchen in ähnlicher Weise.

Ab 1953 sendete auch der DFF erste im Studio inszenierte Märchenspiele, z. B. nach Märchen der Brüder Grimm und nach Hans Christian Andersen – damals "live" ausgestrahlt, weil es noch keine fernsehspezifischen Aufzeichnungsmöglichkeiten gab. Seit 1955 begleitete "Meister Nadelöhr" als Moderator der Sendung die Kinder in die jeweiligen Märchenverfilmungen. Sie richteten sich primär an die über Sechsjährigen.