30.8.2012

Weltbild- und Wertevermittlung

Das Kinderfernsehen in der DDR war Teil eines gesellschaftlichen Erziehungsprojektes und verstand sich gleichzeitig als Unterhaltung und als Kunst. Mit der Absicht, erzieherisch zu wirken, unterschied es sich nicht vom Kinderfernsehen der Bundesrepublik, nur wollte man eben auf eine ganz andere Gesellschaft hin erziehen. Dabei spielte im Kinderfernsehen der DDR immer auch eine Rolle, eine Abwehrbereitschaft gegenüber dem Westen zu erzeugen.
FDJ-Jugendgruppe bei der Diskussion um einen Aufruf, der auch den „Kampf gegen das Westfernsehen“ beinhaltet.FDJ-Jugendgruppe bei der Diskussion um einen Aufruf, der auch den "Kampf gegen das Westfernsehen" beinhaltet. (© Bundesarchiv, Bild 183-87001-0001 / Fotograf: Heinz Koch)

"Aktion Ochsenkopf" gegen das Westfernsehen

Den Medien sprach man eine gewisse Allmacht bei der Schaffung von Weltbildern und Überzeugungen zu, insbesondere dem Hörfunk und dem Fernsehen, was gerade in dieser Phase des Kalten Krieges zwischen Ost und West von Bedeutung war. So ist in diesem Kontext von Bedeutung gewesen, dass zu Beginn der 1960er Jahre eine Kampagne der FDJ gegen das Hören und Sehen von Westsendern ("Aktion Ochsenkopf") stattfand, bei der nicht nur DDR-Antennen, die auf das Westfernsehen ausgerichtet waren, abgesägt und Leute wegen Westempfangs verhaftet wurden. Schülerinnen und Schüler wurden auch zur Denunziation ihrer Angehörigen oder Mitschüler über den Westempfang aufgefordert.

Plan zur Beeinflussung der Kinder in der BRD

Der gesamtdeutsche Auftrag des Kinderfernsehens wurde auch in den 1960er Jahren nicht gleich ad acta gelegt. Unter dem Titel "Gedanken zur Entwicklung des Programmbereichs der HA Jugend und Erziehung für den Zeitraum bis 1970" (vom 25.11.1964) heißt es: "Viele Kinder in den Gebieten Westdeutschlands, die durch unsere Sendungen erreicht werden, werden durch das Kinderfernsehen beeinflusst. Daraus ergibt sich eine große Verantwortung für die Mitarbeiter des Kinderfernsehens." Doch es ging jetzt weniger um einen gesamtdeutschen Auftrag, sondern eher um eine mögliche Beeinflussung der Kinder in der Bundesrepublik.

Fernsehen als pädagogisches Instrument

Fernsehen für Kinder wurde in den 1960er Jahren explizit als pädagogisches Instrument verstanden. Die Macher des Kinderfernsehens arbeiteten intensiv mit den Verantwortlichen der SED, der Leitung der Pionierorganisation, der Freien Deutschen Jugend und Vertretern des Ministeriums für Volksbildung der DDR zusammen. Der pädagogischen Arbeit lag die Vorstellung vom 'defizitären Kind' zugrunde, es war ein 'unfertiger Mensch', der so schnell wie möglich erwachsen werden sollte. Dabei hatte das Fernsehen zu helfen (vgl. Stickelmann u. a., 2005).