30.8.2012

Vorbilder, Kritik und Skandale

Die Talkmaster Marianne Koch (li.) und Wolfgang Menge (re.) im Gespräch mit einem Gast während der Talkrunde "III nach 9"Die Talkmaster Marianne Koch (li.) und Wolfgang Menge (re.) im Gespräch mit einem Gast während der Talkrunde "III nach 9" (© picture-alliance/dpa)


Durch zahllose Vergleiche mit den amerikanischen Late-Night-Shows und die Übernahme einiger Specials mit dem deutschstämmigen US-Moderator Dick Cavett ins deutsche Programm waren hohe Erwartungshaltungen erzeugt worden. Cavett verfügte wie seine Kollegen über einen Stab aus Rechercheuren, Redakteuren, Vorab-Interviewern, Gag-Autoren. Die entsprechenden Sendungen waren minutiös vorbereitet, viele Gags mit den Gästen abgesprochen.

In Deutschland setzte man dagegen bei der Talkshow-Produktion vorrangig auf die Souveränität und Spontaneität des Gastgebers. Sowohl Dietmar Schönherr als auch seine Nachfolger Hansjürgen Rosenbauer und Reinhard Münchenhagen klagten über eine hochgeschraubte Erwartungshaltung bei der Kritik und beim Publikum, der unmöglich entsprochen werden konnte.

"III nach 9" (RB)

Unabhängig von US-amerikanischen Vorbildern hatte 1971 Dieter Ertel beim Süddeutschen Rundfunk die Idee eines "Anti-Magazins" im Sinne der späteren Talkshow entwickelt. Eine erste Probesendung erntete heftige Kritik bei den Vorgesetzten. Nach Ertels Wechsel zu Radio Bremen wurde das Konzept unter dem Titel "III nach 9" (später "3 nach 9") ein anhaltender Erfolg. Hier konnte man die Spontaneität erleben, die anderswo vermisst wurde. Drei Moderatoren unterhielten sich inmitten des Saalpublikums abwechselnd, manchmal quer durcheinander, mit ihren Gästen. Alle Anwesenden, der Kameramann eingeschlossen, durften mitreden. Einen festen Sendeschluss gab es nicht. Verlief die Diskussion spannend, wurde schon mal bis weit nach Mitternacht gesendet. Das Themenspektrum war weit gefasst, das Moderatorenteam – anfangs Marianne Koch, Wolfgang Menge und Gert von Paczensky – war daran interessiert, den angesprochenen Fragen auf den Grund zu gehen. Im Laufe der Zeit wurde die Form jedoch zumindest zeitlich dem Programmrahmen angepasst.

Trotz Kritik weiter im Programm

Trotz fortwährender öffentlicher Kritik blieb die Sendeform Talkshow kontinuierlich im Programm. Neue Reihen wurden entwickelt, neue Moderatoren etabliert. Denn die Talkshow stellt ein äußerst preisgünstiges Programm dar. Zudem waren die 1970er Jahre eine politisch turbulente Zeit mit hochbrisanten Themen (Frauenemanzipation, Kinderladenbewegung, neue Beziehungsformen, Entspannungspolitik usf.), die spannende Sendungen ermöglichten und manchen 'Talkshow-Skandal' hervorbrachten. So lieferte sich z. B. ein Hannoveraner Zuhälter, der mit seiner Thai-Ehefrau und seinem Anwalt 1984 in "3 nach 9" war, eine heftige Kontroverse mit der Politikerin Herta Däubler-Gmelin, und die feministische Autorin Gerlinde Schilcher kippte dem Bordellchef ein Glas Weißwein in den Kragen. Ähnlich hatte 1982 der Berliner Kommunarde Fritz Teufel dem SPD-Politiker Hans Matthöfer mit einer Wasserpistole bespritzt und dieser ihm dafür ein Glas Wein vor die Brust geschüttet.

Mit der Zeit reduzierte sich die Programmform auf meist harm- und ziellose Plauderstunden und zog vor allem Gäste an, die gerade ein Buch, einen Film oder ein anderes Produkt zu vermarkten hatten, während die kommerziellen Sender mit Sendungen wie "Explosiv – Der heiße Stuhl" (RTL, 1989–1994) den Krawall zu inszenieren versuchten.