30.3.2013

Entwicklungstendenzen der Fiktion im Fernsehen

In den 1950er Jahren bildeten die Fernsehspiele das Zentrum des Programms. Sie waren die "Krönung des Fernsehens", wie es der Publizist Gerhard Eckert 1953 formulierte (zit. n. Hickethier 1980, S.40). Die Darbietung ähnelte einer Theateraufführung, und die Familie versammelte sich oft noch gemeinsam vor dem Bildschirm, manchmal auch gemeinsam mit Nachbarn und Freunden – nicht zuletzt weil das Fernsehen als technischer und kultureller Vorgang insgesamt noch neu und aufregend war.

"Fernsehromane" mit politischem Anspruch



Ein Gewinn bringender TV-Abend in den 1960er und 1970er Jahren war ein Fernsehabend mit einem "Fernsehroman", einem für ein soziales Problem engagierten Themenfilm, einer aufwändigen Literaturverfilmung oder einem spannenden Kriminalspiel. Was der Gattung gelegentlich Kritik einbrachte, war der explizite Hang zur Publizistik, also zu der Tendenz, Sachverhalte umfassend darzustellen und informierend zu wirken und dabei weniger auf die Glaubwürdigkeit der Figuren und die Emotionalität der Geschichten zu achten. In beiden Teilen Deutschlands fühlten sich manche Fernsehkritiker, aber auch manche Zuschauer gelegentlich mit einer politischen Absicht konfrontiert.

In der Bundesrepublik wetterten die Politiker immer wieder gegen einen thematischen bzw. inhaltlichen Ruck des Fernsehens nach links (und damit war häufig das Fernsehspiel gemeint, das sich "linke" Themen zu eigen machte, etwa in den vom Fernsehen mitfinanzierten sogenannten Berliner Arbeiterfilmen wie Christian Ziewers/Klaus Wieses "Liebe Mutter mir geht es gut" (ARD, 1971) oder vom gleichen Team "Schneeglöckchen blühn im September", ARD, 1974). In der DDR waren sich SED und Fernsehfunktionäre weitgehend einig darüber, dass die Fernsehdramatik zur Schaffung eines sozialistischen Bewusstseins beizutragen habe und dass der sozialistische Filmheld die Entwicklung der realsozialistischen Persönlichkeit unterstützen könne. Beispielhaft geschieht dies bei Benito Wogatzkis Meister Falk-Stücken in seinem Zyklus "Meine besten Freunde" (1968/69), Stücken, die in einer Arbeitswelt spielen, in der Meister Falk (gespielt von Wolf Kaiser) eine Art Wundermacher darstellt.

Suche nach neuen Formen in den 1980ern

Die 1980er Jahre brachten eine Stagnation in der Königsdisziplin des Fiktionalen, weil die Mischung aus publizistischem Auftrag und spannender Unterhaltung nicht richtig aufging und in vielen Spielen die thematisch mit allen Details eines Problems belasteten Figuren (z. B. Heroinabhängigkeit) unglaubwürdig wurden. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehspielredakteure suchten nach neuen Formen. Mit der neuen kommerziellen Konkurrenz schien die Fernsehfiktion selbst bedroht zu sein, war sie doch in ihrer Produktion teuer und aufwändig. "Mehr Unterhaltung wagen", war deshalb die Devise in West wie Ost. Damit verloren die politischen Ambitionen, die es in den Fernsehfiktionen der 1960er Jahren gab, an Bedeutung.

Einschaltquotendruck und "Emotionalisierung"

In den 1990er Jahren erhöhte sich der Einschaltquotendruck auf den Fernsehfilm, der sich nun stärker an Kinogenres orientieren sollte. Der fiktionale 90 Minuten dauernde Fernsehfilm büßte seine herausragende Stellung ein. Er schien in der Vielzahl der neuen kommerziellen Programme unterzugehen. Die größere Wiedererkennbarkeit von Serien zahlte sich jetzt aus. Die strenge Formatierung des Programms in Zeitfenster und Sendeleisten, die der "neuen Unübersichtlichkeit" (Habermas) entgegenwirken sollten, gab das Motto der frühen 1990er Jahre aus: Quantität vor Qualität!

Dann besannen sich die Sender im Zeichen der Konkurrenz zwischen öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Anbietern und konzipierten neue Fernsehfilme. Die waren nun besser fotografiert, perfektionierten ihre Dramaturgie, setzten auf Spannung, aber auch auf stimmige Psychologie, auf starke Charaktere und physisch präsente Schauspieler. Die "Emotionalisierung" des Genres war dort erfolgreich, wo die engagierten, zeitkritischen Themen nicht vergessen wurden. In großen Geschichtsdarstellungen wurden auch die Grenzen der Fiktion zur dokumentarischen Darstellung berührt.

Auch im Kriminalfilm wurde die Mischung von Emotionalität und gesellschaftskritischer Darstellung immer wieder erprobt, so dass er sich in Reihen wie "Tatort" (ARD, ab 1970), "Polizeiruf 110" (Fernsehen der DDR, 1971–1991, danach ARD) oder "Bella Block" (ZDF, ab 1994) zum Grundpfeiler populären TV-Erzählens entwickelt hat.

Kriminalfilm-Reihen und Familienserien

"Polizeiruf 110" war das Tatort-Pendant des DDR-Fernsehens, das aufgrund seiner großen Beliebtheit nach der Wende von den ARD-Anstalten übernommen wurde. Ähnlich wie im Tatort wurden und werden auch im "Polizeiruf 110" sozial relevante Themen wie Alkoholismus, Kindesmissbrauch oder Jugendkriminalität aufgegriffen, wobei die polizeiliche Ermittlungsarbeit in der DDR sich stärker auf Delikte wie Einbruch, Erpressung, Betrug oder Diebstahl konzentrierte. (Ausschnitt aus der ersten Folge "Der Fall Lisa Murnau" vom 27.6.1971) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1971)


Die Fernsehserie vertrug sich lange Jahre nicht mit den ambitionierten ästhetischen Ansprüchen der Fernsehspielmacher. Gesehen wurden serielle Produkte dennoch. Insbesondere die dem Fernsehspiel ästhetisch verwandten Kriminalfilm-Reihen wie "Stahlnetz" (ARD, 1958–1968), "Blaulicht" (DFF, 1959–1968), "Tatort" oder "Polizeiruf 110" fesselten und fesseln noch immer die Zuschauer. Die andere Orientierungsmarke im Programm war die Familienserie. Sie war Wunschbild und auch Spiegel der Gesellschaft: So gab es in Serien der DDR sehr viel früher als in vergleichbaren West-Produktionen emanzipierte, arbeitende Frauen, die sich zum Beispiel nach Scheidungen auch als allein erziehende, berufstätige Mütter im Leben behaupteten. In den Serien der Bundesrepublik pflegten die Mütter dagegen lieber den Haushalt und die Kinder. Als großes Tabu galten dabei bis in die 1990er Jahre Sex und Erotik.

Die Familie war in der Familienserie Thema und gleichzeitig die Zielgruppe. Die Funktion dieses Genres übernahmen bei den jüngeren Zuschauern in den 1990er Jahren die Daily Soaps und Sitcoms. Die Familienserie alter Prägung, in denen es um 'biologisch normale' Familien mit Großeltern, Eltern und Kinder ging (wie z. B. "Familie Hesselbach" oder "Forellenhof"), verlor im dualen System, im Zuge der Ausdifferenzierung des Programms und der Segmentierung des Publikums, an Bedeutung. Zwar existieren noch bis 2008 solche Serien mit beständigem Erfolg im Vorabendprogramm, z. B. „Forsthaus Falkenau“ (ZDF, 1989–2012) oder „Familie Dr. Kleist“ (Das Erste, seit 2003), und auch neue, frischere Formen wie „Türkisch für Anfänger“ (Das Erste, 2006–2008) können sich immer wieder etablieren, doch wurden andere Serienkonstruktionen, die sich um die Beziehungsprobleme von Menschen kümmern, für viele Zuschauer attraktiver.

Bewährte familiäre Grundmuster

Die von 2006 bis 2008 in drei Staffeln in der ARD ausgestrahlte Fernsehserie "Türkisch für Anfänger" behandelt mit viel Humor und gefühlvollem Umgang mit ihren Protagonisten das interkulturelle Zusammenleben von türkischstämmigen und deutschen Familienmitgliedern. Die Serie erhielt zahlreiche Preise, darunter den Adolf-Grimme-Preis im Jahr 2007. (Ausschnitt aus der ersten Folge "Die, in der ich meine Freiheit verliere" vom 14.3.2006) (© Bayerischer Rundfunk/Degeto Film GmbH, 2006)


Die Interaktionsmuster der Familie und die Grundstruktur der Familienserie, die einen weitgehend aufeinander eingestimmten Verband von Personen in Interaktion mit der Außenwelt zeigt, aber haben überlebt: Was wären "Unser Lehrer Doktor Specht“ (ZDF, 1992–1999) oder "Liebling Kreuzberg" (ARD, 1986–1998) ohne das vertraute Miteinander der Protagonisten, die lieb gewonnenen Rituale, 'Macken' und 'Marotten', ohne den Kampf der Geschlechter? Besonders die Serien "Kir Royal" von Helmut Dietl (WDR, 1986) und "Irgendwie und Sowieso", eine BR-Serie von Franz Xaver Bogner aus dem Jahr 1986, setzten auf soziales "Cocooning", ein Sich-Einspinnen-ins-Private. Sogar im Kriminalfilm (und nicht nur in Krimikomödien wie "Adelheid und ihre Mörder", ARD, 1993–2007, 66 Folgen) oder selbst bei "Dr. Psycho" (ProSieben, 2007/08) vertrauen Autoren auf die bewährte familiäre Tonlage. Keine Action ohne Team, kein Polizeirevier ohne die Psychologie der Familienstruktur, kein Einsatz ohne Gefühle. Genres in Reinkultur gibt es im Fernsehen seit den 1990er Jahren kaum noch – auf die Mischung von Genreelementen kommt es an. Und nicht zufällig hat sich hier auch ein verallgemeinerter Begriff des Formats etabliert, der die anderen Begriffe wie Gattungen, Genres, Programmformen etc. abzulösen beginnt. Deutschland war lange Zeit ein Entwicklungsland, was Serien angeht. Amerika gab seit den 1960er Jahren die Trends vor, deutsche Produzenten benutzten die dort erfolgreichen Erzählmuster, ergänzten die Formen mit nationalen Inhalten und hatten fast immer Erfolg. Im neuen Jahrtausend hat es die deutsche Serie schwerer gegenüber der neuen amerikanischen Seriengeneration von "24“ (Staffel I–V von 2003–2007 bei RTL II, danach ProSieben und kabeleins), "CSI“ (Vox, 2002–2012), "Six feet under“ (5 Staffeln, Vox, 2004–2007) oder "Sex and the City“ (ProSieben, 2001–2004). Vereinzelt gibt es aber immer wieder deutsche Produktionen, die kreativ und erfolgreich beim Publikum sind, z. B. „Weissensee“ (Das Erste, 2010–2013), "Berlin, Berlin“ von David Safier (ARD, 2002–2005) oder "Doctor’s Diary“ (3 Staffeln, RTL/ORF, 2008–2011) von Bora Dagtekin, der auch das Drehbuch für die Serie "Türkisch für Anfänger“ (3 Staffeln, Das Erste, 2006–2008) schrieb.