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30.8.2012

Gegenöffentlichkeit im Westfernsehen

Die 1960er Jahre brachten den endgültigen Sprung über die Studiomauern und damit eine verstärkte Hinwendung zur Realität. In der Bundesrepublik stellte, noch bevor die Studenten auf die Straße gingen, der Fernsehfilm eine Art Gegenöffentlichkeit dar. Verdrängtes, sozial Abseitiges, Abgeschobenes gerieten ins Visier der Fernsehspielmacher, Gesellschaftsanalyse war wichtiger als die Darstellung des Privatlebens. Die treibenden Kräfte waren nicht selten Redakteure: Egon Monk, Dieter Meichsner und Peter Märthesheimer schrieben auch selbst Drehbücher oder führten sogar Regie.

Politisierung des Fernsehspiels

Die Politisierung des Fernsehspiels, die in einer Politisierung des Zuschauers gipfeln sollte, nahm ihren Anfang beim NDR. Monks Fernsehfilm "Wilhelmsburger Freitag“ (NDR, 1964), der erste Film, der in Farbe für das damals noch schwarzweiß gesendete Programm produziert wurde, zeigte realitätsnah das triste Alltagsleben eines jungen Arbeiterpaares. Der Faschismus wie im KZ-Drama "Ein Tag" (NDR, 1965), die deutsche Gegenwart wie in "Not der deutschen Teilung" (NDR, 1965) oder "Fluchtversuch" (SDR, 1965) oder die Kombination beider Themen wie in "Mord in Frankfurt" (WDR, 1968) waren beliebte Stoffe (vgl. Hickethier 1994).

Neue thematische und ästhetische Akzente

In Peter Beauvais' "Der Unfall" (WDR, 1968) nach dem Drehbuch von Dieter Waldmann (mit den damals jungen Darstellern Marius Müller-Westernhagen und Jürgen Flimm) wurde feinsinnig und ohne künstliche Dramatisierung die aufkommende Ausländerdiskriminierung analysiert. Langsam zeigte die Suche nach Autoren für Fernsehproduktionen Erfolge. Karl Wittlinger ("Seelenwanderung", WDR, 1962) und Benno Meyer-Wehlack ("Stück für Stück", SWF, 1962) setzten neue Akzente in der Ästhetik des Fernsehens. Regisseure wie Peter Lilienthal ("Stück für Stück") und andere suchten auch nach einem neuen visuellen Ausdruck. Im Bereich der zeitkritischen Alltagskomödie machte sich Horst Lommer einen Namen, indem er jährlich eine neue Komödie schrieb, die, von Peter Beauvais inszeniert, die bundesdeutsche Wirtschaftswundermentalität persiflierte ("Das Glück läuft hinterher", NDR, 1963).