30.8.2012

Familienserien im DDR-Fernsehen

Weißwasser - Sonnenberg-Siedlung
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Fotograf: Arno Burgi
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Caption: An einer Gebäudefassade in der Sonnenberg-Siedlung in
Weißwasser (Sachsen) ist ein Graffiti mit Herzen aufgebracht, aufgenommen
am 14.08.2015. Foto: Arno BurgiPlattenbau in der ehemaligen DDR (© picture-alliance, ZB)


In der DDR kamen Familienserien erst in den 1960er Jahren und weniger zahlreich ins Programm als in der Bundesrepublik. Es wurden dem Zuschauer vornehmlich Idealbilder von Familie präsentiert, in denen sich zugleich auch das Idealbild gesellschaftlichen Zusammenlebens spiegelte.

Diese Idee verhinderte, dass – anders als in vielen West-Serien – die Familien Nabelschau betrieben. Stattdessen fand sich die Hauptfamilie wie in "Heute bei Krügers" (DFF, 1960–1963) stets eingebettet in ein soziales Miteinander aus Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunden. In "Ein offenes Haus" (DDR-FS, 1979) ist die Familie, die ein Betriebsgästehaus führt, nur Bindeglied für alle möglichen Geschichten. Das multiple Erzählen, das im Westen erst mit den Ensemble-Soaps aufkam, fand als idealer Ausdruck sozialer Gemeinschaft früh Eingang in die Familienserie der DDR – gelegentlich sogar in Verbindung mit einer historischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte ("Dolles Familienalbum", DFF, 1969–1971). Die Geschichten gaben oft Anweisungen zu einer "richtigen" sozialistischen Lebensführung. Die vorbildlichen Haltungen von Figuren oder die soziale Moral einer Serienfolge wurden im Gegensatz zu West-Serien, die ihre Werte und Absichten unter der perfekten Oberfläche zu verstecken wussten, in der Regel deutlich exponiert.

In den Serien der DDR wurde Familie nicht als ein von der Gesellschaft abgegrenztes privates Refugium begriffen, sondern als ein Grundkollektiv, das in die Gesellschaft integriert war und sich ihr öffnete. Die Konflikte, die hier erörtert wurden, waren dann zumeist Anpassungsprobleme der Individuen an die gesellschaftlichen Normen und Anforderungen.

"Dolles Familienalbum" war die erste und eine sehr erfolgreiche Familienserie des DDR-Fernsehens. Rahmenhandlung: Willi Dolle fertigt in der Redaktion der Betriebszeitung seiner Arbeitsstelle nach Feierabend heimlich ein kommentiertes Fotoalbum seiner Familiengeschichte für seine Enkel an. Der Hausmeister Egon Krauthaar wird dabei auf ihn aufmerksam. Schließlich stellt sich heraus, dass die beiden alte Bekannte sind – und sie schwelgen gemeinsam in Erinnerungen, anhand der Fotos und Kommentare in Dolles Familienalbum. (Ausschnitt aus der vierten Folge der Serie, ausgestrahlt am 4.10.1969) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1969)


Allumfassende Solidarität mit Heimatgefühl

In der Reihe "Aus dem Tagebuch eines Minderjährigen" (DFF, 1965) beobachtete ein Junge seine Familie durch ein Ofenrohr und machte sich seine eigenen Gedanken zum Verhalten der Erwachsenen. Auch "Aber Vati!" (DDR-FS, 1974–1979) oder "Bei Hausers zu Hause" (DDR-FS, ab 1985) waren weitgehend aus der Perspektive und dem Erlebnishorizont von Kindern erzählt. War die breite Generationenpalette der bundesdeutschen Familienserien oft deutlich dem Kampf um die Einschaltquote geschuldet, zeigte sich in DDR-Serien eine andere Zielsetzung. Modellhaft wurde ein sozialer Mikrokosmos entworfen, in dem jeder wie im wirklichen Leben seinen Platz fand. Immer wieder ging es in Familienserien um allumfassende Solidarität und gegenseitiges Wohlwollen.

"Ein Zimmer mit Ausblick" (DDR-FS, 1978) zeigte einen jungen Arbeiter, der bei der Suche nach einer Unterkunft bald sogar Familienanschluss fand. Ähnlich erging es einem wohnungslosen Bauarbeiter in "Kiezgeschichten" (DDR-FS, 1987). Beide Serien hatten eine Hauptfigur, die sich durch die Freundlichkeit anderer weiterentwickelte. Auch der frustrierte Held in "Hochhausgeschichten" (DDR-FS, 1980–1981) beschloss im Laufe der Serie, dass er sein Leben ändern und Familienglück suchen müsse, anstatt sich wie seine in Scheidung lebenden Eltern das Leben schwer zu machen. Immer wieder ging es in den DDR-Familienserien darum, wie sich Heimatgefühl erzeugen und ausdrücken ließ. Als effektive Methode erwies sich eine Liebenswürdigkeit des Alltags, die sich in kleinen, unprätentiösen Geschichten widerspiegelte, selbst wenn ein didaktischer Hintergedanke wie in "Die Lindstedts" (DDR-FS, 1976), einer Serie, die vom Großfamilienalltag eines Genossenschaftsbauern erzählte, offensichtlich darin bestand, für das Leben in der LPG und das Zusammenstehen in einer großen Gemeinschaft wie dem DDR-Staat zu werben.

Helden des Alltags

Private oder berufliche Veränderung spielte in DDR-Familienserien eine große Rolle ("Familie Neumann", DDR-FS, 1984). DDR-Helden gingen darin das Leben aktiv an und waren offen für Entwicklungen. Selbst im Alter sprühten sie noch vor Lebenskraft. In "Rentner haben niemals Zeit" (DDR-FS, 1978) setzten Ursula Damm-Wendler und Horst Ulrich Wendler den Alten – als Nicht-Arbeiter in der DDR-Gesellschaft eher an den Rand gedrängt – ein Denkmal. Wie im wahren Leben würde ohne sie das Familienleben der Kinder und Enkel nur unzureichend funktionieren. Das Zusammenleben verschiedener Generationen in einer Hausgemeinschaft thematisierten die Wendlers bereits in der Serie "Die lieben Mitmenschen" (DDR-FS, 1972), in der sie eine Frau bürgerlicher Herkunft ihre Vorurteile gegenüber der DDR-Gesellschaft abbauen ließen. Ihr größter Erfolg wurde "Geschichten übern Gartenzaun" (DDR-FS, 1982). Im Mittelpunkt dieser alltagsorientierten, undramatischen Ensembleserie stehen die Bewohner einer Kleingartenanlage. Der große Erfolg dieses Serien-Idylls zog die Fortsetzung "Neues übern Gartenzaun" (DDR-FS, 1985) nach sich.

Plattenbaukritik bei "Einzug ins Paradies"

Auf weniger Gegenliebe bei der Staats- und Parteiführung der DDR stieß "Einzug ins Paradies" (DDR-FS, 1985) nach einem Roman von Hans Weber. Fünf Familien zogen in dieser Serie in ein gerade fertig gestelltes Hochhaus, bei dem jedoch einige Steine in den Balkonabsperrungen fehlten, so dass sie sich auch unkonventionell besuchen konnten. Das taten zunächst die Kinder. So wuchsen sie in sechs Tagen, die eine Art von Schöpfungsgeschichte darstellten, zu einem "Kollektiv" zusammen. Was als Lehrstunde gedacht war, in der für das DDR-Wohnungsprogramm geworben werden sollte, entpuppte sich als plattenbaukritisch und problemthemenoffen. 50 Details mussten vor der Ausstrahlung zwangsweise verändert werden, nachdem die Serie über drei Jahre auf Eis lag. Die Serie wurde dann 1989 auch im ARD-Fernsehen gezeigt und wirkte vor dem Kontext des sich ankündigenden Endes der DDR merkwürdig disparat, weil im Programmumfeld, das von der Flucht zahlreicher DDR-Bürger nach Ungarn und in die bundesdeutsche Botschaft in Prag berichtete, die Serie von einem neuen Zusammenstehen in der DDR erzählte.