30.8.2012

Gründe für den Erfolg

Entscheidend für den Erfolg war, dass Reality-TV nicht als eine Spielart fiktionaler Fernsehunterhaltung, sondern als Tatsachenbericht, als Teil der journalistischen Nachrichtenberichterstattung verstanden wurde. Die meisten Moderatoren kamen aus der Nachrichtenbranche. Die Herausstellung von Katastrophen, Unglücks- und Kriminalfällen steht in der langen Tradition der Nachrichtenberichterstattung, denn solche Ereignisse haben einen höheren Nachrichtenwert als langsame, strukturelle Veränderungen der Gesellschaft. Im Fernsehen kommt der Zwang zur Visualisierung hinzu, der den spektakulären Bildern eine höhere Wertigkeit einräumt als den eher alltäglichen. Dementsprechend ist auch jeder Krieg "fernsehgerechter" als Frieden, weil darin "Aktion", "Gewalttätigkeit" und "Überraschung" eher zu finden sind.

Dramatisierung nach den Mustern des Spielfilms

Hans Meiser am Set von "Notruf"Hans Meiser am Set von "Notruf" (© RTL)
Reality-TV steigerte diese Akzentuierung sensationeller Ereignisse noch, indem das Genre sie zum alleinigen Inhalt machte. So entstand eine Ballung derartiger Ereignisse, die zu einer weiteren Intensivierung des Angebots führte. Damit verbunden war eine dramatisierende Aufbereitung, die den Mustern des Spielfilms folgte. Das Prinzip der traditionellen Höhepunktdramaturgie mit den Momenten Exposition, Steigerung, Höhepunkt, unverhoffte Wendung und Katastrophe bzw. Happy End, wie es durch Film und Fernsehen in ungezählten Filmen und Serien wieder und wieder als allgemeine Handlungsstruktur in den Köpfen der Zuschauer etabliert wurde, wurde und wird auch in vielen Reality-TV-Beiträgen bedient. Dadurch kommt es zu einer verstärkten Emotionalisierung des Dargestellten. Spannung und Entspannung wurden zu zentralen Gestaltungsprinzipien von Reality-TV gemacht.

Der Eindruck des direkten Miterlebens

Die Kürze der Beiträge führt zu einem raschen Wechsel der durch sie ausgelösten Gefühlsregungen bei den Zuschauern, zu einem Wechsel von Erregung und Befriedigung, wobei der besondere Reiz darin besteht, dass das Gezeigte den Anspruch der Authentizität, des Tatsächlichen erhebt. In der Kombination liegt die Steigerung der bis dahin jeweils nur einzeln verfolgten Vermittlungsstrategien: Der Zuschauer hat den Eindruck des direkten Miterlebens eines Geschehens, zum Beispiel eines Unglücksfalls. Er kann direkt dabei sein und Ereignisse verfolgen, die andere Menschen betreffen und die er ähnlich einmal selbst erleben könnte. Daraus resultiert bei vielen Zuschauern der Eindruck, man könne aus der Betrachtung solcher Sendungen etwas lernen, z. B. wie man sich vor Unglücksfällen, Schicksalsschlägen etc. "schützen" könnte (vgl. Theunert/Schorb 1995).

Der Blick in die Intimsphäre

Reality-TV fügte sich in langfristige Veränderungen der Öffentlichkeitsstruktur ein – nämlich in das veränderte Verhältnis von öffentlicher und privater Sphäre. Durch die Herausstellung schicksalhafter Ereignisse, die in aller Regel einzelne Individuen betrafen, wurde das Private zusätzlich betont. Der Blick in die Intimsphäre wurde durch Reality-TV in seinen verschiedenen Spielarten verstärkt, aus ihm resultierte eine besondere Faszination. Reality-TV umfasste auch Sendereihen, in denen Lebenswege und Schicksalsschläge vorgeführt, Scheidungen ausgebreitet, Hochzeiten und Flirts arrangiert wurden. Paradoxerweise hat das Fernsehen auf dem Wege zu einer weltweiten aktuellen Berichterstattung vor allem mit solchen Formaten Erfolg, die dieser globalisierenden Tendenz entgegenstehen und Nähe und Intimität in den Vordergrund stellen.

Fesselnde Schicksale und Angstlust

Reality-TV bereitet Glück und Unglück von einzelnen Menschen massenhaft auf, entindividualisiert sie und zeigt sie als den Kanon des im Leben Möglichen. Dabei gewinnen jedoch bestimmte Aspekte besondere Bedeutung, die im realen Alltag immer nur Ausnahmen darstellen: Gewalt und Kriminalität werden in besonderer Weise herausgestellt. Die individuellen 'Schicksalsschläge' waren und sind das, was das Publikum besonders erregt, weil es selbst – als 'Couch-Potato' ungefährdet im Fernsehsessel sitzend – davon nicht betroffen ist. Die Angstlust, mit der das Medium hier in besonderer Weise spielt, so kann man es thesenhaft zuspitzen, ist eine, die immer nur eine medial erzeugte ist, die zugleich damit kompensatorisch auf die Gewohnheiten und Gleichförmigkeiten des modernen Alltags reagiert.


Materialien zu "Reaktionen"

PDF-Icon Emotionen der Zuschauer