30.3.2013

Gerichtsshows bei RTL und Sat.1

Szene aus "Richterin Barbara Salesch"Szene aus "Richterin Barbara Salesch" (© SAT.1)


Die Gerichtsshow etablierte sich in Deutschland 1999 mit der Sendereihe "Richterin Barbara Salesch" (Sat.1, 1999–2012), die anfangs eher geringen Erfolg hatte und nach dem US-Format "Judge Judy" konzipiert war. Im Oktober 2000 verdoppelte Sat.1 die Sendezeit und verlegte sich fortan auf "geschriebene Fälle", also nach Drehbüchern produzierte Fälle, die von Laiendarstellern umgesetzt wurden (vgl. "Scripted Reality") – mit großem Erfolg bei den Zuschauern.

Die Sendung und damit das Format der Gerichtsshow insgesamt wurde vor allem dadurch bekannt, dass der Entertainer Stefan Raab einen echten Konfliktfall um einen Maschendrahtzaun und einen zu dicht daran wachsenden Knallerbsenstrauch zwischen zwei Hausnachbarn aufgriff und daraus mit dem sächsischen Originalton einer Klägerin das Lied vom "Maschendrahtzaun" komponierte. Er präsentierte es immer wieder in seiner Sendung, bis es sich in den Charts zu einem Nummer-eins-Hit entwickelte, so dass auch jüngere Zuschauer die Sendung "Richterin Barbara Salesch" schließlich kannten. 2002 erreichte die Serie dann einen Markanteil von über 30 Prozent.

Der Erfolg führte dazu, dass RTL und Sat.1 mehrere weitere Gerichtsshows in die Programme aufnahmen ("Richter Alexander Hold", Sat.1, 2001–2013; "Das Strafgericht", RTL, 2002–2008 mit Ulrich Wetzel; "Das Jugendgericht", RTL, 2001–2005 mit Dr. Ruth Herz und 2005–2007 mit Kirsten Erl; "Das Familiengericht", RTL, von 2002–2007 mit Frank Engeland).

Bei vielen Fällen handelte es sich um zivilgerichtliche Fälle. Es standen also Beziehungskonflikte im Mittelpunkt und weniger Kapitalverbrechen, wie Mord, Raub oder Vergewaltigung.

Emotionalisierte Darstellungen



Auch hier ging und geht es zunehmend um emotionalisierte Darstellungen, wie sie in dieser Form vor keinem deutschen Gericht stattfinden dürfen, so dass hier ein verfälschtes Bild deutscher Gerichte und Rechtsprechung entsteht. Die Verfahren sind deutlich begrenzt auf eine halbe oder eine ganze Stunde, oft sind die Fälle noch kürzer, weil mehrere Fälle in einer Sendung verhandelt werden. Es gibt immer wieder Geschrei während der Verhandlungen, aus dem Publikum kommen Zwischenrufe, unvermutet platzen Zeugen in die Verhandlung, es gibt private Ermittler, überraschend werden Videokassetten hereingebracht, die heimliche Aufzeichnungen der Beklagten zeigen, aus einer emotionalisierten Stimmung heraus kommt es zu unfreiwilligen Geständnissen.

Kalkulierte Adrenalinschübe

Die Dramaturgie der einzelnen Folgen der Gerichtsshow ist einfach, sie ist an den fiktionalen Formen des Court Drama (des fiktionalen Gerichtsfilms) orientiert, der der Konvention der Geschlossenheit von Ort, Zeit und Handlung folgt, mit einer Falldarstellung beginnt, auf einen Konflikthöhepunkt zuläuft und eine Lösung erfährt – hier immer durch die Entdeckung des wahren Täters und durch die Urteilssprechung der Richterin. Dabei gibt die Richterin den streitenden Parteien immer noch einige gute Ratschläge und dem Zuschauer eine moralische Botschaft mit auf den Weg. So schrill und bizarr sich die Fälle im Einzelnen auch darbieten, am Ende siegt immer die Normalität, auf die die Fälle 'hingebogen' werden.

Damit entspricht auch dieses Genre dem Prinzip des Fernsehens, an einem Geschehen teilzuhaben und es in einem sehr stark ritualisierten Ablauf problemlos verfolgen zu können. Auch hier ist die Erzeugung und Lenkung von Emotionen beabsichtigt. Geliefert werden für den Zuschauer 'wohlkalkulierte Adrenalinschübe', persönliche Konfrontationen und Attacken, alle Prozessbeteiligten (mit Ausnahme des Richters oder der Richterin) dürfen sich gegenseitig beleidigen. Am Ende wird jedoch durch die berufene Person des Richters bzw. der Richterin Recht und Ordnung wieder hergestellt, werden die geltenden Normen erneut verkündet und damit bestätigt.