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25.7.2012 | Von:
Katharina Donath
Bianca Fischer

Kulturelle und politische Bildung für nachhaltige Entwicklung

Ansätze kultureller und politischer Bildung können produktiv und kreativ im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung zusammenwirken. Wichtige Stichworte dabei sind: Ganzheitliches Lernen, Überschreitung der Disziplinengrenzen, Partizipation, Vielfalt der Blickwinkel und kultureller Wandel.

Kulturelle und politische Bildung für nachhaltige Entwicklung (© luxuz/Photocase)

Wie wird unsere Welt in 50 oder in 100 Jahren aussehen? Wir wissen es nicht. Sicher ist, dass wir HEUTE in hochkomplexen Gesellschaften leben, die sich immer schneller verändern und vielfältiger werden- sowohl was die technischen Möglichkeiten, als auch was ihre ethnische und soziale Zusammensetzung angeht. Es ist eine zentrale Herausforderung, mit den sich immer schneller vollziehenden Veränderungen von Umwelt und Gesellschaft verantwortungsvoll und konstruktiv umzugehen, gerade wenn wir die Zukunft und das Wissen, das wir für Problemlösungen in Zukunft benötigen werden, heute kaum abschätzen können.

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) möchte Kompetenzen vermitteln, um der genannten Herausforderung adäquat zu begegnen. Denn auch wenn die meisten Menschen theoretisch um die Umwelt- und Gesellschaftsprobleme wissen, beziehen nur wenige sie als Entscheidungsfaktor und Wertemaßstab in ihr tägliches Handeln mit ein. Es stellt sich daher die Frage, wie eine Bildung für nachhaltige Entwicklung einen Beitrag dazu leisten kann, nicht nur Inhalte zu vermitteln, sondern Menschen zum konstruktiven Handeln zu bewegen und sie auf eine kaum voraussagbare Zukunft vorzubereiten.

Von ersten Ansätzen nachhaltiger Entwicklung zu BNE

Zurückzuführen ist der Nachhaltigkeitsgedanke auf den sächsischen Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der Anfang des 18. Jahrhunderts angesichts der drohenden Rohstoffkrise forderte: "Schlage nur so viel Holz wie ein Wald verkraften und wie wieder nachwachsen kann."[1] Gut zwei Jahrhunderte später wurde unübersehbar, dass der technische Fortschritt und die rasante wirtschaftliche Entwicklung auch ihre Schattenseiten haben und auf Kosten von Menschen und Umwelt gehen. In dem 1987 veröffentlichten Zukunftsbericht (auch bekannt als Brundtland-Bericht[2]) der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung wurde daraufhin eine "nachhaltige Entwicklung", die wirtschaftlichen Fortschritt, soziale Gerechtigkeit und den Schutz der natürlichen Umwelt gleichermaßen berücksichtigt, als entwicklungs- und umweltpolitische Leitlinie formuliert.

Kurzum: Nachhaltige Entwicklung ist: genug, für alle, für immer; heute auch an die Zukunft und zukünftige Generationen zu denken; die Balance zwischen Geben und Nehmen zu halten; das Gleichgewicht zwischen Ökologie, Ökonomie, Sozialem und Kultur zu erreichen; unsere Zukunft unter Beteiligung aller Menschen dieser Welt aktiv und nachhaltig mitzugestalten – egal ob arm oder reich, ob alt oder jung, ob weiß oder schwarz; nachhaltige Innovationen zu entwickeln; die Menschenrechte zu wahren; den Schutz von biologischer und kultureller Vielfalt zu gewährleisten; eine gemeinsame Zukunftsvision zu schaffen.

1992 wurde der Forderung auf der ersten Weltkonferenz der Vereinten Nationen zu Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro erstmals ein politisches Fundament gegeben. Die Staats- und Regierungschefs der Länder der Vereinten Nationen erklärten in dem Abschlussdokument der Konferenz, der Agenda 21, nachhaltige Entwicklung zu einem weltweit anerkannten Leitbild staatlichen Handelns und schrieben dabei der Bildung eine besondere Rolle zu. Zehn Jahre später auf dem Weltgipfel Rio +10 in Johannesburg wurde Bildung gar als Schlüsselkatalysator zur nachhaltigen Entwicklung und dem damit einhergehenden nötigen mentalen Wandel benannt. Daraufhin rief die Vollversammlung der Vereinten Nationen die UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" für den Zeitraum von 2005 bis 2014 aus, und die UN-Mitgliedsstaaten verpflichteten sich, das Leitbild in ihren nationalen Bildungssystemen zu verankern. Heute, gut 20 Jahre später, bleibt nach dem dritten Weltgipfel zu Umwelt und Entwicklung Rio +20 die ernüchternde Bilanz, dass es zwar entscheidende globale und nationale politische Erklärungen gab, das Ziel eines gesellschaftlichen Wandels hin zu einer nachhaltigen Entwicklung jedoch noch lange nicht erreicht ist – weder im Sinne einer Verankerung in den Bildungssystemen[3] noch im Handeln der Menschen.

Zentrales Ziel einer Bildung für nachhaltige Entwicklung ist es, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln zu vermitteln. Dabei sollen sie in die Lage versetzt werden, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen, und sie sollen lernen abzuschätzen, wie sich das eigene Handeln auf künftige Generationen oder das Leben in anderen Weltregionen auswirkt. BNE ist daher weder ein neuer Bildungsbereich noch ein Thema, vielmehr ist es eine Querschnittsaufgabe aller Bildungsbereiche[4].

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Konzept der Gestaltungskompetenz

Zur Umsetzung nachhaltiger Entwicklungsprozesse spielt in Deutschland – neben den Inhalten einer BNE – das Konzept der Gestaltungskompetenz eine zentrale Rolle. Entwickelt wurde es von Prof. Dr. Gerhard de Haan und Dr. Dorothee Harenberg. Gestaltungskompetenz bezeichnet im Kern: Entwicklungsprozesse mit Kopf, Herz und Hand nachhaltig gestalten zu können. Also "(...) die Fähigkeit (...), Wissen über nachhaltige Entwicklung anwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkennen zu können." Um dies zu konkretisieren, wurden 8-12 Teilkompetenzen benannt, die zielgebend für viele Bildungsprogramme im Kontext BNE wurden:
  1. Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Wissen aufbauen
  2. Vorausschauend Entwicklungen analysieren und beurteilen können
  3. Interdisziplinär Erkenntnisse gewinnen und handeln
  4. Risiken, Gefahren und Unsicherheiten erkennen und abwägen können
  5. Gemeinsam mit anderen planen und handeln können
  6. Zielkonflikte bei der Reflexion über Handlungsstrategien berücksichtigen können
  7. An kollektiven Entscheidungsprozessen teilhaben können
  8. Sich und andere motivieren können, aktiv zu werden
  9. Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren können
  10. Vorstellungen von Gerechtigkeit als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage nutzen können
  11. Selbstständig planen und handeln können
  12. Empathie für andere zeigen können

Fußnoten

1.
Schmidt 2007: http://umwelt.hs-pforzheim.de/sonstiges/historisches/carlowitz-titel-inhalt/; Stand: 11.07.2012.
2.
Der vollständige Bericht findet sich beispielsweise hier: http://www.un-documents.net/wced-ocf.htm; Stand: 11.07.2012.
3.
Vgl. Interview mit Gerhard de Haan 2012, S. 40.
4.
Vgl. Deutscher Bundestag, BLK 1998.