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25.7.2012 | Von:
Eva Leipprand

Nachhaltige Entwicklung als kulturelle Herausforderung

Wir wissen eigentlich alle Bescheid, dass wir ein Problem haben, darüber lesen wir jeden Tag in der Zeitung. Und wir tun ja auch was, wir fahren öfter mal Fahrrad und kaufen Energiesparlampen. Das Klima wandelt sich unerbittlich, aber irgendwie will uns nichts anderes einfallen, als was wir schon immer gemacht haben… Eva Leipprand schreibt über die Kluft zwischen Wissen und Handeln, die nötige Veränderung von Denkmustern, die Grenzen des Fortschritts und des Wachstums und das gute Leben – und was das alles mit kultureller Bildung zu tun hat.

Aufführung der Clownin Antoschka beim Didaktik-Dialog "Zukunft ist jetzt!" Kulturelle und politische Bildung für nachhaltige Entwicklung im November 2011, Berlin.Aufführung der Clownin Antoschka beim Didaktik-Dialog "Zukunft ist jetzt!" Kulturelle und politische Bildung für nachhaltige Entwicklung im November 2011, Berlin. (© Laure Gilquin/bpb)

Zu Anfang will ich Ihnen eine Geschichte erzählen.
Sie handelt von der Osterinsel – mitten im Pazifik gelegen, ein Paradies, mit riesigen Palmen bewachsen. Um 900 n. Chr. erreichten die ersten Menschen, Polynesier, die Insel. Sie lebten ohne Sorgen, bauten seetüchtige Kanus, legten Felder an, ernährten sich von Vögeln und Fischen, waren fruchtbar und mehrten sich. Sie entwickelten eine blühende Kultur, eine Theokratie mit klaren Regeln für die Gemeinschaft. Sie schlugen riesige Steinskulpturen aus den Felsen und stellten sie auf, als Zeichen der Bedeutung ihrer Häuptlinge, und da es verschiedene Sippen gab, entstand ein Wettbewerb um die größten Figuren, die mit Hilfe von viel Palmen-holz transportiert und aufgerichtet wurden. - 800 Jahre später betraten die ersten Europäer die Insel, Captain Cook mit seinem Schiff. Sie trafen auf eine erschreckende Szenerie. Es gab keinen einzigen Baum mehr und nur noch wenige Bewohner in einem elenden Zustand. Und Ratten. Dazu unzählige gigantische Skulpturen, einige noch aufrecht, die anderen umgefallen und zerbrochen.

Diese Geschichte erzählt Jared Diamond in seinem Buch "Collapse"; darin schildert er Kulturen, die aufgrund von unterschiedlichen Faktoren, insbesondere selbstverursachter Umweltschäden, unter Druck gerieten und untergingen.

Hier muss zunächst der Begriff "Kultur" definiert werden:: "Kultur" wird meist in zweierlei Bedeutung verwendet – im weiteren Sinne als der Gesamtkomplex, der Religion, Wissenschaft, Kunst, Moral, Gesetze, Gewohnheiten und Gebräuche enthält, das, was der Mensch als Teil einer Gesellschaft erlernt und auch an die nächsten Generationen weitergibt. Die Kultur bestimmt die Art und Weise, wie der Mensch die zunächst chaotische erscheinende Welt wahrnimmt und für sich ordnet. Wie er sich in der Welt heimisch macht.

Kultur im engeren Sinne (die Künste) liefert die Bilder, Erzählungen, Musik, auch Design und Architektur, mittels derer die kulturellen Codierungen geschaffen, erhalten oder verändert werden können. Das ist die Sprache, mit der eine Gesellschaft über sich selbst reflektiert. Hier entstehen und vergehen die Symbole und Wertsysteme, die Normen, die unsere Gesellschaft bestimmen und zusammenhalten.

Kulturelle Kodierungen

Bei Diamond geht es um Kultur im weiteren Sinne. Er beschreibt in seinem Buch auch, wie manche Kulturen es schaffen, sich an eine veränderte Situation anzupassen und damit zu überleben (z. B. Japan mit seinem Aufforstungsprogramm im 16. Jahrhundert; Holland als Polderland; die Inuit als Jäger und Fischer unter extremen Bedingungen).

Sehen wir uns unsere eigene Gesellschaft an.

Es geht uns gut, wir haben uns in den letzten zweihundert Jahren rasant vermehrt, wir haben eine blühende Kultur geschaffen. Mit unserem Erfindergeist optimieren wir unablässig unsere Lebensbedingungen. Wir glauben an das Wachstum, wir produzieren immer mehr, mehr Autos, mehr T-Shirts, mehr iPhones, wir kaufen einen neuen noch größeren Flachbildschirm, um mit dem Nachbarn mitzuhalten oder ihn womöglich zu übertreffen, und dabei verbrauchen wir unsere Ressourcen und bringen die Gletscher zum Schmelzen und den Meeresspiegel zum Steigen, und es ist durchaus vorstellbar, dass, wenn es in zweihundert Jahren Außerirdische auf diesen Planeten verschlagen sollte, diese sich ähnlich wundern müssen wie seinerzeit Captain Cook auf der Osterinsel. Wie konnten die nur so dumm sein?

Wir müssen aber annehmen, dass die Männer, die auf der Osterinsel die Bäume fällten, so lange, bis keiner mehr übrig war, keineswegs dumm waren, sondern in ihrer Kultur verhaftet; dass sie in der Gewissheit handelten, das Richtige zu tun. Auf jeden Fall fiel ihnen nichts anderes ein. Und genauso ist es heute. Wir wissen ja eigentlich alle irgendwie bescheid, dass wir ein Problem haben, ein ziemlich großes sogar, darüber lesen wir jeden Tag in der Zeitung. Und wir tun ja auch was, wir fahren öfter mal Fahrrad und kaufen Energiesparlampen. Aber das Klima wandelt sich unerbittlich, und bald ist die Nordwestpassage ganz eisfrei. Gerade erreichen uns neue deprimierende Zahlen: Der CO2-Ausstoß steigt weltweit erneut kräftig an, alle bisherigen Bemühungen scheinen ins Leere zu laufen. Und wir kennen die Folgen. Aber irgendwie will uns nichts anderes einfallen, als was wir schon immer gemacht haben, das war doch immer gut und hat uns weit gebracht.

Die Kluft zwischen Wissen und Handeln

Es gibt eine Kluft zwischen Wissen und Handeln, und diese Kluft ist auch und wesentlich eine kulturelle. Wir nehmen unsere Umgebung und unser eigenes Handeln nicht objektiv wahr, sondern durch die Brille unserer kulturellen Vorstellungen. Diese Vorstellungen haben wir entwickelt, um besser überleben zu können. Sie waren ein Wettbewerbsvorteil in der Evolution. Sie haben unsere Art ungeheuer erfolgreich gemacht, mit 7 Milliarden beherrschen wir die Welt. Aber genau durch diesen Erfolg hat sich die Situation grundsätzlich verändert. Und nun sind es diese Vorstellungen, die uns blind machen; sie hindern sie uns daran, zu erkennen, was wir jetzt tun müssen, um unsere Zukunft zu sichern. Da können uns die Naturwissenschaftler noch so viel Zahlenmaterial aufhäufen, wir sind bislang nicht in der Lage, adäquat zu reagieren. Deshalb habe ich heute hier auch darauf verzichtet, Sie mit Diagrammen zu Klimawandel und Ressourcenverschwendung zu erschrecken. Wir wollen lieber über die kulturelle Herausforderung reden, vor der wir stehen.

Harald Welzer, Sozialpsychologe, beschreibt in seinem faszinierenden Essay "Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam", das menschliche Gehirn als ein "biokulturelles Organ", "dessen Entwicklungsbedingungen nicht allein biologische, sondern immer auch kulturelle sind." Es kommt nicht nur auf unsere Gene an, sondern auch darauf, was wir denken. "Lebenswelten sind nicht nur durch materielle und institutionelle Infrastrukturen bestimmt, sondern auch durch mentale". Welzer legt dar, dass die Vorstellung von immerwährendem Wachstum erst mit der Industrialisierung entstehen konnte, mit der ständig steigenden Nutzung fossiler Energien. Infolgedessen begann auch der Mensch sich selbst als ein Wesen zu verstehen, das immerfort wachsen muss, das sich selbst nicht genügt, sondern sich unter Druck setzen, etwas aus sich machen muss. Dem mittelalterlichen Menschen wäre diese Vorstellung fremd gewesen. Heute ist nichts jemals fertig, die Arbeit hört niemals auf. Wir alle können das an uns selbst beobachten. Das ist die Mentalität des homo oeconomicus. Insbesondere in der Nachkriegszeit wurde Wachstum zum entscheidenden Paradigma – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch für den Staat, um die steigenden Bedürfnisse seiner Bürger befriedigen zu können. Stetiges Wachstum galt – und gilt bis heute - als Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Der Konsum wird dabei zunehmend zur Sinnstiftung, zur Erweiterung des Selbst, die Ware erhält symbolischen Wert. Und dabei verbraucht der Mensch die Ressourcen der Erde, zunächst da, wo er lebt, dann durch immer weiteres geografisches Ausgreifen, und jetzt, nachdem die Endlichkeit der Welt sichtbar geworden ist, zehrt er die Zukunft auf, die Chancen der kommenden Generationen.

Wollen wir diesen Prozess stoppen oder wenigstens verlangsamen – und das ist unabdingbar – müssen wir uns mit den mentalen Strukturen des homo oeconomicus befassen. Wir brauchen einen kulturellen Wandel. Wichtig ist dabei zu sehen, dass die mentalen Strukturen des homo oeconomicus nicht gottgegeben sind. Dass sie in dieser krassen Form erst in den letzten zweihundert Jahren entstanden und somit nicht, wie oft gesagt wird, angeboren sind.