25.7.2012 | Von:
Eva Leipprand

Nachhaltige Entwicklung als kulturelle Herausforderung

Die Veränderung von Denkmustern

Dass der Mensch Denkmuster verändern kann, und zwar sehr schnell, können wir – wenn wir etwas älter sind - alle an uns selber feststellen – der radikale Wandel unseres Alltags innerhalb der letzten zwanzig Jahre, durch die Medien, das Privatfernsehen, die Allgegenwart von Computer und Internet, die Werbung mit ihren subtilen Botschaften vorgedrungen bis in den letzten Winkel. Die Dominanz des Ökonomischen, der flexible Arbeitnehmer, die Auflösung der Familien, die Ich-AG. Die Veränderung, die wir da erlebten, ist den neuen technischen Möglichkeiten geschuldet, aber auch gemacht, bewusst gemacht – und das ist entscheidend. Es sind ja viele daran interessiert, die Bilder einzuspeisen, die diese Entwicklung vorantreiben und beschleunigen. Nicht nur die Wirtschaft, etwa durch die Werbung, auch die Politik mit ihren Botschaften. Die Helden des Konsums, die kaufen in Zeiten der Krise. Das Verbrauchen als moralische Pflicht. Das Immer-etwas-wollen-Sollen. Damit wird der Kopf eines Kindes gefüllt, das in unserer Gesellschaft heranwächst, so dass es dann, brav wie es ist, ständig etwas Neues haben will, jedes einzelne ein kleiner Wachstumsbeschleuniger.

Wenn man aber Denkmuster und Wertvorstellungen verändern kann, dann muss das ja auch in eine andere Richtung funktionieren, das ist die große Hoffnung. Seit Jahren wird auf die Bedeutung der Kultur für das Leitbild Nachhaltige Entwicklung hingewiesen. Die Studie "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome hat im Jahr 1972 vor der ungebremsten Ausbeutung der Ressourcen und der Gefährdung der Ökosysteme gewarnt. Donella Meadows, eine der Autorinnen der Studie, hielt schon damals einen Paradigmenwechsel, also eine Veränderung der kulturellen Normen der westlichen Gesellschaften, für unerlässlich. Der Brundtland-Bericht von 1987, mit dem weltweit der Diskurs über Nachhaltige Entwicklung begann, geht ebenfalls von einem umfassenden Wandlungsprozess aus. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist auch die UNESCO-Erklärung zur kulturellen Vielfalt von 2001. Artikel 13 der entsprechenden Konvention von 2005 verlangt die "Integration von Kultur in die nachhaltige Entwicklung".

In Deutschland hat sich unter anderem die Kulturpolitische Gesellschaft frühzeitig mit der kulturellen Dimension der Nachhaltigkeit beschäftigt. 1998 versuchten sich die "Toblacher Thesen" an einer Definition nachhaltiger Schönheit. Das "Tutzinger Manifest" verstand die Kultur als "quer liegende Dimension" zu der Nachhaltigkeits-Trias Ökonomie, Ökologie und Soziales.

Der von der Bundesregierung eingesetzte Rat für Nachhaltige Entwicklung forderte im Jahr 2008 ein "Konzept, die Idee der Nachhaltigkeit zum Thema für Stil, Sinn und Kultur des Lebens zu machen." Seit 2010 arbeitet die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität" und bezieht in ihre Überlegungen auch kulturelle Gesichtspunkte mit ein. Die Frage nach der kulturellen Dimension der Nachhaltigkeit hat also ganz konkret in die Politik Einzug gehalten. Und dies ist ein Zeichen, das Hoffnung macht:. Die dreißig Jahre alte Diskussion hat erneut Fahrt aufgenommen und entwickelt jetzt endlich wachsende Kraft. Eine Transformation unserer westlichen Gesellschaften steht an, und diese Transformation, das ist inzwischen klar, verlangt einen grundsätzlich neuen, einen nachhaltigen Kulturentwurf.

Die große Transformation

Es ist, so denke ich, heute eine weltweite Suchbewegung erkennbar, nach Wohlstand ohne Wachstum, nach dem guten gelingenden Leben, nach dem mit Lust gestalteten Übergang vom industriellen zum solaren Zeitalter. Diese Suchbewegung lässt sich deuten als Element einer kulturellen Evolution, von der viele den Ausweg aus der Krise erhoffen. Die Front der Evolution heute ist nicht das Gen (für eine genetische Evolution haben wir gar keine Zeit), sondern das menschliche Gehirn, dieses "biokulturelle Organ", wie Welzer es nennt. Und dieses Gehirn arbeitet und vernetzt sich, weltweit wird im Kleinen und im Großen über diese Fragen nachgedacht. Die Arbeit an der großen Transformation ist in vollem Gange. Das Internet spielt dabei eine wichtige Rolle. Kein einzelner Mensch, kein Unternehmen, keine Organisation, keine politische Bewegung überblickt das Ganze. Es ist mehr ein Suchen als ein Wissen. Aber eine Ahnung ist da, dass wir vor Herausforderungen stehen, denen mit den bisherigen Rezepten nicht zu begegnen ist.

Dabei ist unsere Sicht begrenzt, wir bewegen uns tastend in einem chaotischen System; wir können nicht sicher sein, dass die Schritte, die wir gehen, die richtigen sind, dass wir am Ende das finden, was der Mensch braucht, um zu überleben. Aber wir können Evolutionäre sein. Wir können unsere Deutungssysteme zu öffnen versuchen und in Bewegung halten, wir können uns bereit machen, auf Unerwartetes, Seltsames, Niedagewesenes zu reagieren. Wir können evolutionäre Kompetenz entwickeln.

Ein erster Schritt ist das, was wir hier gerade zusammen versuchen: nämlich uns der kulturellen Brille bewusst zu werden, durch die wir die Welt sehen.

Das Hamsterrad des Wachstums

Neben den Arbeiten von Harald Welzer hat mir dabei insbesondere das Buch von Tim Jackson geholfen: "Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt." Dieses Buch zeigt die Verstricktheit des Menschen in die Wachstumskultur aus einem etwas anderen Blickwinkel als Welzer, nämlich dem der Wirtschaftswissenschaft. Durch dieses Buch habe ich erstmals begriffen, was im Innersten des Wachstums arbeitet. Der Wachstumsmotor, das ist der Wettbewerb und der ständige Zwang zur Erneuerung, der treibt die Unternehmen an, immer härter, je globaler der Markt wird; er treibt aber auch die Politik an, die das Wachstum braucht, um die steigenden Ansprüche der Menschen zu erfüllen. Denn in einer fatalen Parallele zum Wettbewerb in der Wirtschaft bestimmen Wettbewerb und Wunsch nach Neuem auch den einzelnen Menschen, und keineswegs zufällig. Jackson nennt das die "gesellschaftliche Logik" der Wachstumskultur. Unser Wunsch nach Neuem entspricht dem Zwang der Unternehmen zur Innovation. Ein wichtiges Bindeglied ist die Werbung. Wir müssen ja alle die Produkte wollen und kaufen, die in ständiger Steigerung der Produktion hergestellt werden. Deshalb wird in unserer Konsumkultur Status und Ware untrennbar miteinander verbunden, so dass der Statuswettbewerb zwangsläufig ein Wettbewerb im Anhäufen des Materiellen ist. Ich muss mit den anderen mithalten, um dazuzugehören, sie womöglich übertreffen, um meinen Status zu halten, der sich in materiellem Besitz ausdrückt, und da dem Verbraucher ständig Neues angeboten wird und deshalb die Ansprüche ständig steigen, wird der Wettbewerb auch zwischen den einzelnen Menschen immer härter.

Denken Sie daran, was man heute zum Beispiel als Jugendlicher alles an Ausstattung braucht, um dazuzugehören, nicht nur bei der Kleidung, sondern auch bei den Geräten zur elektronischen Kommunikation. Der westliche Mensch ist allerdings kulturell derart gesteuert, dass er glaubt, dass dieses Kaufenwollen Freiheit bedeutet; dass die Selbstbestätigung, der Lebenssinn, den er sucht, im Materiellen zu finden ist; dass Wettbewerb und Gewinnstreben die menschliche Natur begründen.

Die Glücksforschung sagt uns allerdings: von all dem haben wir so gut wie nichts. Ab einem bestimmten Einkommen steigt das Glücksgefühl nicht mehr, im Gegenteil, es nimmt eher ab. Das heißt: Wir rackern uns ganz vergeblich ab. Oder wie Jackson es ausdrückt: "Wir geben Geld aus, das wir nicht haben, um Sachen zu kaufen, die wir nicht brauchen, um einen Eindruck zu machen, der nicht anhält, auf Leute, die uns eigentlich egal sind." Das Hamsterrad des Wachstums, untrennbar verbunden mit der Konsumkultur, hat uns in die derzeitige Krise geführt – auch in die Schuldenkrise, wir machen diese Schulden ja, um das Wachstum aufrecht zu erhalten – und gefährden die Zukunft der kommenden Generationen. Dass dieser Zustand Wohlstand genannt werden soll, leuchtet nicht ein.