25.7.2012 | Von:
Eva Leipprand

Nachhaltige Entwicklung als kulturelle Herausforderung

Das gute gelingende Leben



Wenn der Mensch aber im Hamsterrad des Wachstums nicht glücklich werden kann, was will er dann? Was braucht der Mensch, um glücklich zu sein, um zu "gedeihen", wie Jackson sagt, um ein gutes, gelingendes Leben zu führen? Er zählt die Elemente auf, die viele Forschungen und Umfragen belegen: Wohlstand in diesem Sinne bedeutet im Grunde ganz einfache Dinge. Der Mensch fühlt sich einigermaßen sicher und nicht durch zu große Ungleichheit zu einem ständigen Statuswettbewerb gezwungen. Er lebt in einer einigermaßen gerechten Welt und kann sich in seinen Fähigkeiten entfalten, zugleich aber als Teil einer Gemeinschaft fühlen; er kann darin eine Rolle spielen, indem er die Gemeinschaft mitgestaltet und einen sinnvollen Beitrag zu einer gemeinsamen Aufgabe leistet. Leben und Arbeiten befinden sich im Gleichgewicht.

Dieses gute Leben ist im Übrigen kein Rückfall in die Steinzeit – damals war es, nach allem, was man weiß, keineswegs besonders gemütlich und friedlich –, sondern eine Zukunftsvision. Ein gutes Leben für 7 Milliarden Menschen auf der Erde, das muss das große Projekt sein, dem wir alle unsere Kraft und Intelligenz und Kreativität widmen können. Ein gutes Leben für alle, innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Das klingt nach Gutmenschentum und Naivität. Da wird sofort der Vorwurf laut, der Mensch solle umerzogen werden. Jackson beschreibt aber die Seele des Menschen als eine Quadranten, einen Kreis mit 4 Sektoren: da stehen sich einerseits Egoismus und Altruismus gegenüber, andererseits das Festhalten an der Tradition und die Lust auf Neues. Alle diese Eigenschaften haben sich in der Evolution bewährt – in unterschiedlichen Situationen, in unterschiedlichem Ausmaß. Mal waren die Ellbogen wichtiger, mal der Zusammenhalt in der Gruppe. Mal war es notwendig, wirklich neue Wege zu finden, mal war es sinnvoll, auf das Wissen der Tradition zurückzugreifen. Das Industriezeitalter und die mit ihm einhergehende Konsumkultur haben diese Balance gestört und einseitig, zur Steigerung des Wachstums, auf Innovation und Egoismus gesetzt. Darüber scheinen wir vergessen zu haben, dass der Mensch von Natur aus keineswegs nur auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern auch zur Hilfsbereitschaft in der Lage ist, und zwar in hohem Maße, das bestätigt uns die Forschung jeden Tag. Die Fähigkeit des Menschen zur Kooperation dient seinem eigenen Interesse, sie war sein Wettbewerbsvorteil in der Evolution. Als kooperativer Egoist hat er es weit gebracht. Und er wird sich auch in Zukunft an gemeinsamen Projekten beteiligen, wenn er sieht, dass sie dem eigenen Überleben dienen.

Es geht also nicht um Verzicht oder Umerziehung, sondern um Befreiung von einseitigen Vorstellungen, um das Hervorholen vergessener Eigenschaften und Möglichkeiten und eine neue Balance zwischen Gemeinnutz und Eigennutz, um eine Chance für den Menschen, wieder rund und ganz zu sein.

Kulturelle Vielfalt als Ressource für die Zukunft

Wollen wir die eigene kulturelle Brille in ihren Verzerrungen und Beschränkungen erkennen, ist es ebenfalls hilfreich zu schauen, wie es die anderen Kulturen machen. Finden wir irgendwo Antworten auf die Fragen der Welt, die in der jetzigen Situation vielleicht besser passen als unsere? Die helfen könnten, ökologische Grenzen zu akzeptieren, unsere Aktivitäten der Endlichkeit des Planeten anzupassen? Kulturelle Setzungen wie "Macht euch die Erde untertan" oder "Seid fruchtbar und mehret euch" haben sich als überholt erwiesen; es lässt dagegen aufhorchen, wenn ein Staat wie Ecuador 2008 beschließt, die Rechte der Natur in die Verfassung aufzunehmen. Ist da vielleicht jemand klüger? Und verfügt über Bilder und Wertvorstellungen, die wir jetzt gerade brauchen?

Fortschritt war für viele bislang immer ganz selbstverständlich der westliche Weg. Sind wir da nicht ein bisschen einseitig gepolt? Ist Fortschritt überall das Gleiche? Ist unsere Modernität für alle gültig? Ich zitiere aus der "Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt" der UNESCO:

"Im Lauf von Zeit und Raum nimmt die Kultur verschiedene Formen an. Diese Vielfalt spiegelt sich wieder in der Einzigartigkeit und Vielfalt der Identitäten, die die Gruppen und Gesellschaften kennzeichnen, aus denen die Menschheit besteht. Als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität ist die kulturelle Vielfalt für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur. Aus dieser Sicht stellt sie das gemeinsame Erbe der Menschheit dar und sollte zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen anerkannt und bekräftigt werden."

Die Erklärung setzt die Vielfalt (Diversität) der Kulturen der Vielfalt der Arten in der Evolution des Menschen gleich. Damit definiert sie ebendiese Vielfalt der Kulturen als eine unverzichtbare Ressource für die Zukunft der Menschheit. Das könnte, zu Ende gedacht, für die westlichen Kulturen ein harter Brocken sein. Unser Weg war doch immer der beste, der einzig mögliche! Vielleicht ist es an der Zeit, gelegentlich vom hohen Ross unserer Überlegenheit herunter zu steigen und uns von anderen eine Scheibe abzuschneiden.

Der Fächer der Optionen

Die Süddeutsche Zeitung brachte am 5. 11. 2011 einen Artikel über die erstaunliche Entwicklung in Lateinamerika. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat man sich dort aus der dunklen Zeit der Diktaturen befreit und kann inzwischen auch wirtschaftlichen Erfolg verzeichnen. Der Kontinent habe offenbar, so der Tenor des Artikels, "den Wandel nicht in Nachahmung, sondern in wachsender Distanz zum westlichen Leitbild geschafft". Experten diskutieren, "ob technischer und zivilisatorischer Fortschritt künftig nicht viel stärker an kulturgeschichtliche Traditionen angeglichen werden müssten". Zitiert wird der Anthropologe Constantin von Berloewen, der von Lateinamerika fasziniert sei, "weil sich der Subkontinent in der zurückliegenden Dekade zur ‚Werkstatt der Weltzivilisation’ entwickelt habe, in der, abseits des Mainstreams‚ erfolgreich nach Antworten zu den neoliberalen Trends der Globalisierung gesucht werde". Das magisch-mythische Denken befähige "die Völker, einen Begriff der Vernunft zu formulieren, der Intuition und Empathie zulasse und die Abstraktion des rationalen Universalismus überwinde, der Grundlage des westlichen Kapitalismus sei." Lateinamerikas neue Konzepte zum "buen vivir" – dem guten Leben – sind dem westlichen Denken in vieler Hinsicht fremd; in der gegenwärtigen Werte- und Klimakrise könnten sie aber auch für Industrienationen Denkanstöße geben.

Dies ist nur ein Beispiel, es gibt viele andere. Viel zitiert wird das kleine Land Bhutan im Himalaya mit seinem "Glücksindex" bzw. dem "Bruttonationalglück". Auch wenn uns das Leben dort völlig unvereinbar mit dem unseren erscheint, so ist es doch wichtig festzuhalten, dass unsere Art zu leben nicht die einzig mögliche und vor allem nicht die allein seligmachende ist. Es gibt einen Fächer der Optionen. Dies wird uns gerade angesichts des Arabischen Frühlings schmerzhaft bewusst. Wir haben die Revolutionen dort mit großer Sympathie begleitet. Aber wenn wir ehrlich sind, haben viele von uns ganz selbstverständlich angenommen, dass die Sehnsucht nach Freiheit, die sich dort Bahn brach, sich unserer westlichen Werte und Vorstellungen bedienen wird. Und nun ist von Scharia die Rede und von islamischen Banken, die keinen Zins nehmen dürfen. Unsere Enttäuschung entspringt unserer Naivität, ist unseren kulturellen Scheuklappen geschuldet. Angesichts der Entwicklung kommt auch Angst auf. Die sollte uns aber nicht davon abhalten, zu erkennen, dass es mehr Möglichkeiten gibt, als wir denken.

Erstaunlich erschien uns auch das kleine Land Norwegen in seiner Reaktion auf den Terrorangriff eines Rechtsextremen am 22. Juli diesen Jahres. Da wurde nicht nach Vergeltung gerufen wie nach 9/11 in den USA, auch nicht nach mehr Sicherheit auf Kosten der Freiheit, wie bei uns. Dort stützte und tröstete man sich gegenseitig und hielt zusammen und demonstrierte mit Millionen von Rosen, dass man dem Terror keinen Raum geben wollte. Eine reife, eine zukunftsfähige Reaktion, die wohl nur in einer Kultur der Offenheit und Solidarität möglich ist. In Oslo manifestierte sich ein Wir, das keinen Gegner braucht, ein Wir, das zusammensteht für ein gemeinsames Projekt. So ein Wir brauchen wir auch für das große gemeinsame Zukunftsprojekt einer Nachhaltigen Entwicklung. Wie können die jetzt 7 Milliarden Menschen auf einem endlichen Planeten ein gelingendes Leben führen? Für dieses Projekt müssen wir Menschen weltweit alles zusammennehmen, was wir wissen – aus allen Kulturen, aus der Vergangenheit; mit dem Wissen und den Möglichkeiten von heute, mit aller verfügbaren Kreativität für die Zukunft. Das darf und soll nicht heißen, die eigene Kultur über Bord zu werfen. Im Gegenteil: nur wer in der eigenen Kultur verwurzelt ist, kann sich anderen angstfrei öffnen. Auch unsere eigene Kultur ist Teil der weltweiten Vielfalt, von der die UNESCO-Konvention spricht, und verdient es, geschützt und bewahrt zu werden. Wenn diese Konvention die Vielfalt der Kulturen eine "Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität" nennt, dann regt sie auch an, in der Vielfalt die Einheit zu erkennen, das gemeinsame Interesse des globalen Wir. Das zu lernen und zu spüren, das eigene Unverwechselbare in Wechselwirkung mit dem großen Ganzen, das ist eine zentrale Aufgabe für die Zukunft. Das ist die Kulturleistung, die wir erbringen müssen.

Die Rolle der Kulturellen Bildung

Was hat das alles mit unserem Thema zu tun - "Kulturelle und politische Bildung für nachhaltige Entwicklung"? Natürlich alles, wir sind schon mitten drin. Die Aufgabe ist formuliert, die Frage ist nun, wie wir sie umsetzen. Konkret, heute, hier bei uns. Dazu müssen wir den ganz großen Horizont wieder ein bisschen auf unser Land fokussieren. Und auf uns hier auf dieser Tagung. Was kann - oder auch muss – die Kulturelle Bildung tun, um die Nachhaltige Entwicklung zu befördern? Am Freitag wird es hier mit Sicherheit sehr interessante konkrete Beispiele geben. Heute möchte ich nur kurz einige Schlussfolgerungen aus dem vorher Gesagten ziehen.

Bei der letzten Sitzung der vorhin erwähnten Enquete-Kommission des Bundestages "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" am 7. November gab der Präsident der Deutschen UNESCO-Kommission, Walter Hirche, einen Bericht. Darin betonte er, dass Bildung "eine der zentralen Strategien zum Erreichen von Nachhaltigkeit" sei und dass sich "die Ausrichtung am Prinzip der Nachhaltigen Entwicklung zwingend auch in den Bildungssystemen niederschlagen" müsse. Eine solche Bildung fördert Gestaltungskompetenz; sie "versetzt Menschen in die Lage, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und dabei abzuschätzen, wie sich das eigene Handeln auf künftige Generationen oder das Leben in anderen Weltregionen auswirkt." (www.bne-portal.de).

Gut und richtig; aber wie lassen sich derart komplexe Lernziele vermitteln? Das ist ja gar nicht so einfach. Im März 2011 wurde im Auftrag des Umweltbundesamtes eine Studie erstellt mit dem Titel: "Einblick in die Jugendkultur. Das Thema Nachhaltigkeit bei der jungen Generation anschlussfähig machen". Wesentliche Ergebnisse der Studie: Jugendliche fühlen sich durch die Komplexität der globalen Probleme und die Fülle der Fakten überfordert. Verbunden mit dem Gefühl der Ohnmacht führt dies oft zu Resignation und Rückzug in den privaten Bereich. Nachhaltige Verhaltensweisen und Ideen sind bislang nicht in die jugendlichen Lebenswelten integriert. Es fehlt an Bildern, Leitbildern, an positiven, mobilisierenden Emotionen. Mit der Ratio allein ist die Kluft zwischen Wissen und Handeln nicht zu überbrücken.

Die Studie bestätigt: Will man Jugendliche (und das gilt auch für Kinder und Erwachsene) für die Mitarbeit bei der Nachhaltigen Entwicklung gewinnen, dann darf die kulturelle Dimension nicht fehlen. Alle Sinne müssen einbezogen werden, das Emotionale, das Schöpferische. Die Frage der Werte, der Einstellungen, der Haltung zur Welt. Nur dann lassen sich Vorstellungen und Lebensstile tatsächlich verändern. Es geht ja, wie vorhin gesagt wurde, darum, auch einmal die kulturelle Brille zu wechseln. Sich aus den übermächtigen Bildern der Konsumkultur zu befreien, andere Kulturen als Bereicherung zu erfahren. Es geht um eine positive Zukunftsvision: nämlich ein gutes gelingendes Leben für sich selbst zu entwerfen, und zwar so, dass es das gute gelingende Leben der anderen nicht beeinträchtigt. Und auch den Erhalt der Ökosysteme für zukünftige Generationen mit einschließt. Für einen solchen Lebensentwurf – der für jeden Einzelnen unterschiedlich aussehen wird - ist in der Tat Kreativität gefragt, die Fähigkeit, sich immer wieder neuen Bedingungen anzupassen. Das eigene Projekt ist dabei Teil des großen, gemeinsamen Projektes. Es bietet die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und dies auch als Chance für die eigene Entfaltung und Erfüllung zu erleben; es bietet die Erfahrung, ein sinnvoll mitgestaltender Teil der Gesellschaft zu sein, sich auch als Teil eines weltweiten Menschheits-Wir zu erleben, das den Einsatz aller Kräfte lohnt. Und keiner muss sich dabei ohnmächtig fühlen und vor der Größe der Aufgabe in die Knie gehen. Derzeit diskutierte Vorstellungen von kollektiver oder Schwarmintelligenz können hilfreiche Bilder bieten. Auch wenn der Einzelne als kleiner Teil des großen Ganzen nicht den vollen Überblick hat, kommt es trotzdem darauf an, was er tut. Jeder kann mithelfen, und sei sein Beitrag noch so klein. Vielleicht ist das ja gerade der entscheidende Schmetterlingsflügelschlag.