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27.5.2015

Logbuch Forum Lokaljournalismus, 27. Mai: "Es muss süchtig machen"

Drei Tage, über 200 Teilnehmer, über 50 Referenten, und ein gemeinsames Ziel: Den Lokaljournalismus weiterdenken und ihn in eine neue Ära der Zeitung 4.0 führen. Von selbstbewussten, qualitativen Lokalzeitungen profitiert nicht zuletzt unsere Pressefreiheit. Und so startete das Forum Lokaljournalismus 2015 mit denkwürdigem Input aus den USA, Tiflis, Berlin und dem Sauerland.

Eröffnungsrunde Forum Lokaljournalismus 2015. Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-AnzeigerEröffnungsrunde Forum Lokaljournalismus 2015. Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-Anzeiger

Lokaljournalismus hat einen gesellschaftlichen Auftrag – den haben aber auch Unternehmen. Oder etwa nicht? Beim Eröffnungspodium mit Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, im Gespräch mit Bernhard Mattes, Vorsitzender der Geschäftsführung der Ford-Werke, Dr. Dieter Steinkamp, Vorstandsvorsitzender RheinEnergie und Robert Heusinger, Vorstand der Mediengruppe M. DuMont wurde heiß diskutiert. Über Pegida, TTIP, Flüchtlinge, gerechte Löhne, Entlassungen, technische Innovationen und bürgerliches Engegament. „Wir sind gezwungen zu mehr Ehrlichkeit. Wenn wir unter Generalverdacht stehen, nicht ordentlich zu arbeiten, müssen wir eben ordentlicher arbeiten", sagte von Heusinger zum Vorwurf der Lügenpresse. Rechenschaft abzulegen, sich verteidigen zu müssen, Shitstorms auszuhalten sei gerade heute im Netz ganz normal – und "würde dem Journalismus gut tun". Auch Unternehmen stünden in der Verantwortung, den Bürgern die Grundlagen unserer Marktwirtschaft immer wieder zu erklären.Und andere Bereiche? Sowohl der Ford- als auch der RheinEnergie-Vertreter machten klar: "Wir sind keine Sozialeinrichtung. Wir stellen keine Betten für Flüchtlinge auf", die großen politischen Diskussionen überlassen sie der nationalen und europäischen Politik. Dennoch gestalten sie den lokalen Raum als große Arbeitgeber mit, sind an der Infrastruktur beteiligt und verändern ganze Regionen. Transparenz ist daher gefragt, gerade gegenüber den Medien, damit diese ihrem gesellschaftlichen Wächteramt nachkommen können. "Jeder sollte seinen Auftrag ausfüllen. Komm! Ins Offene, Freund!", beendete bpb-Präsident Thomas Krüger das Podium mit einem Zitat von Friedrich Hölderlin. Und so wurde der Appell für das Landleben zum Appell für die Öffnung und Ehrlichkeit von Unternehmen, und gleichsam an Medien, ihre Unabhängigkeit zu bewahren.

Der Frage, in welchen Formaten dieser Qualitätsjournalismus erfolgreich sein kann, ging Christoph Keese nach. Der Executive Vice President der Axel Springer SE, dessen Buch "Silicon Valley" hohe Wellen schlug, gab Einblicke in journalistische Best-Practice aus aller Welt. Er beschäftigte sich mit "disruptivem Wandel", Veränderungen, die alles Dagewesene in Frage stellen. Diese Veränderungen haben ganz simple Grundideen und würden anfangs häufig belächelt, doch später den ganzen Markt umkrempeln und die "Unternehmen zu Geiseln der Kunden" machen. Das gebe es auch im Journalismus, erklärte Keese und führte Dutzende Beispielen für innovative Strategien im Journalismus an: Die amerikanische Lokalzeitung Politico, die mehr als nur eine Website, sondern auch eine Pro Version und zugespitzte Formate wie das "Playbook" anbiete. Die Idee hinter dem Playbook sei, dass es "süchtig machen muss, die Leute das Gefühl haben es als erstes nach dem Aufstehen lesen zu müssen." Politico Pro sei "zwölf mal so teuer als die durchschnittliche Lokalzeitung, zehn Mal so viele Leute arbeiten an einem Thema". Dennoch habe sie "die journalistische Führerschaft in Washington übernommen" und "50.000.000 Pageviews" im Monat. Mit Print werden nur noch 17% des Umsatzes bestritten. Weitere Beispiele: Vox.com, mit nur einem Artikel pro Thema, einer top mobilen Optimierung und vielen Karten. Forbes, das sehr auf Blogger aufbaut und somit viel mehr Autoren hat, die aber auch angemessen bezahlt würden. "Kombi-Modelle mit Journalisten und Bloggern sind in Zukunft am erfolgreichsten", sagte Keese.

Das Wichtigste für die politische Bildung: Eine hohe journalistische Qualität und Tiefe habe Zukunft. Es gebe eine Gegenbewegung zum schnellen, boulevardesken Journalismus, wie qz.com und ozy.com zeigten. "Long- form Journalism at its best", sagte Keese zu letzterem. Ozy.com könne mit mehreren Millionen Views nach weniger als zwei Jahren glänzen. Auch "das Erlebnis von Abgeschlossenheit" beim Lesen wie in der App "Kompakt" mit einer vorgegebenen Anzahl von Beiträgen sei für die Leser wichtiger geworden. Profil und Identifizierung zählen, und davon könne gerade der Lokaljournalismus profitieren, denn dieser biete exklusive Berichterstattung. Lokalredaktionen empfiehlt er, sich zu überlegen, "welcher Journalismus, welche Leistungen ihrer Meinung nach zehn Euro im Monat wert sind – und dann genau das zu liefern."
Zuschauer beim Votrag von Christoph Keese. Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-AnzeigerZuschauer beim Votrag von Christoph Keese. Foto: Stefan Worring, Kölner Stadt-Anzeiger

Um sich eine treue Leserschaft aufzubauen und Experimente zu wagen, muss eine Lokalzeitung nicht groß sein. Einen motivierenden Impuls gab das Süderländer Tageblatt aus Plettenberg, die kleinste Lokalzeitung NRWs. Das vielleicht "älteste Start-up" liefert seit 1837 Nachrichten aus der Region. "Jede Generation hat ihre Not, und jede Generation macht das Beste daraus", sagte CvD Aschauer-Hundt. Den Markt analysieren und das Beste daraus machen: Dieser Unternehmergeist ist ein Kennzeichen von Start-ups. Was können Medienhäuser von ihnen lernen? Bernd Ziegenbalg, Geschäftsführer von Raufeld Medien, stellte eine neue App und Website vor: GO.Berlin ist eine Karte, die zeigt, was in Berlin passiert, und zwar nur mit journalistisch aufbereiteten Inhalten und Einordnungen. Ob es der aktuelle Film im Kino nebenan plus Bewertung ist, oder das neue Restaurant drei Straßen weiter. Inhalte redaktionell zu bewerten sei eine große Stärke, sagte Ziegenbalg. Wichtigste Erkenntnis: "Orte, die auf der Karte nicht bewertet werden, sind nichts wert."

Mit Florian Swoboda, Gründer von Barzahlen.de, machten die Teilnehmer einen Ausflug in den Vertrieb."Viele Deutschen haben keine Kreditkarte, viele hinterlassen nur ungern Daten im Netz, die Hälfte bezahle gerne bar", sagte er. Das Geschäftsmodell für Barzahlen.de: Die Rechnung bekommt einen Barcode, oder der Käufer bekommt einen Code per SMS und bezahlt wird dann in einer von 6.000 Einzelhandelsfilialen in Deutschland, darunter auch dm und Penny, die wiederum Barzahlen.de entlohnen. Eine Botschaft, die auch die nicht-Vertriebsexperten mitgenommen haben: Es lohnt sich, sich mit den Marktrealitäten auseinanderzusetzen.

Auch Sebastian Pranz hat ein efolgreiches Start-up zu verantworten. Er hat innerhalb von zwei Wochen ein neues Magazin aus dem Boden gestampft: FROH! mit mittlerweile elf Ausgaben, die vor allem über Spenden finanziert werden. "Für uns entsteht Journalismus aus der Idee heraus, engagiert zu sein", sagte er. Es geht ihm um Longreads und visuelle Experimente. "Der Leser muss ein Spieler sein, um das Heft zu verstehen". Bald erscheint das Heft "Transit". Es sieht aus wie ein Buch und erscheint zweisprachig in Deutsch und Englisch. Sein persönliches Erfolgsdreieck beinhaltet neben dem Magazin auch Diskursplattformen und "Publish yourself". Pranz ermutigt gerade junge Menschen dazu, Self-Publisher zu werden. In Georgien und Moldau zum Beispiel. "In manchen Städten schafft man mit einer Auflage von 2.000 schon eine ernstzunehmende Öffentlichkeit", sagte er. Gerade Studenten aus Moldau, die das Heft "Nova" auf die Beine gestellt haben, hätten schnell die Verantwortung übernommen."Es gibt ein neues Interesse am Journalismus". Der große Unterschied zu Google sei nämlich, dass der Journalismus "ethische Größe habe, und Recherchewege transparent machen kann."

Im KölnSky und im Kölner Dom klang der Abend aus. Gesprächsthema Nummer Eins? Guter Journalismus.