27.5.2019 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Erwerbsarbeit und Erwerbslosigkeit

Zur Existenzsicherung ist Erwerbsarbeit erforderlich, da die zum Leben erforderlichen Güter und Dienstleistungen produziert und bereitgestellt werden müssen. Aber die Chancen auf de Arbeitsmarkt sind ungleich verteilt. Die Ausgestaltung der Arbeitsverhältnisse ist daher ein zentrales Merkmal für die Verteilung von Lebenslagen in der Gesellschaft.

Mutter und KindAuch wenn Frauen erwerbstätig sind, bleiben sie zumeist für die Erziehung der Kinder, die Erledigung der Hausarbeit und die Pflege von älteren Angehörigen verantwortlich. Diese Arbeitsteilung begründet eine ökonomisch fundierte Abhängigkeit vieler Frauen von Männern. (© picture-alliance/dpa)

Erwerbsarbeit, Sorgearbeit und Erwerbslosigkeit

Die eigene Existenzsicherung und gegebenenfalls auch die der Angehörigen setzt Erwerbsarbeit voraus, da die zum Leben erforderlichen Güter und Dienstleistungen produziert und bereitgestellt werden müssen. Arbeit ist allerdings nicht nur die Quelle allen materiellen Reichtums und gesellschaftlichen Wohlstands. Über die reine Sicherung der eigenen Existenz hinaus ist Arbeit immer auch von zentraler Bedeutung für die persönliche Entwicklung jedes einzelnen Menschen, seine soziale und gesellschaftliche Stellung und seine Lebenschancen im weitesten Sinne.

Die Bedeutung der Erwerbsarbeit beschränkt sich deshalb keineswegs auf ihre Einkommensfunktion. Sie erfordert die Verausgabung von Arbeitskraft, den Einsatz körperlicher, psycho-sozialer und intellektueller Kräfte und Fähigkeiten. Sie kann die Chance zur Einbringung und Weiterentwicklung der Kenntnisse und schöpferischen Fähigkeiten der Menschen bieten. Verfolgt man die Entwicklung der Erwerbsarbeit in den zurückliegenden Jahrzehnten fällt vor allem der starke Rückgang der Arbeitszeit ins Auge. Diese Ausweitung der nicht durch Erwerbsarbeit gebundenen Zeit hat die gesellschaftlichen wie die privaten Lebensbedingungen tiefgreifend verändert und den Menschen vielfältige neue Spielräume in ihrer individuellen Lebensgestaltung geschaffen.

Erwerbsarbeit entfaltet ihre Wirkung nicht nur im Arbeitsleben, sondern weit darüber hinaus. Auch die Lebenssituation der nicht Erwerbstätigen wird mittelbar davon berührt: So hängen die Entwicklungsmöglichkeiten und Entfaltungschancen von Kindern und Jugendlichen nicht zuletzt von den durch die Erwerbsarbeit ihrer Eltern gegebenen Handlungsspielräumen ab, und der Lebensstandard der alten Menschen spiegelt den eigenen, in ihrem früheren Erwerbsleben erworbenen oder den ihrer EhepartnerInnen wider.

Das Ausmaß der Teilhabe an Erwerbsarbeit sagt deshalb viel aus über die Verteilung von Lebenschancen und -bedingungen. Für die Menschen kommt es aber nicht nur darauf an, ob sie Zugang zur Erwerbsarbeit haben und ob das erzielte Einkommen ausreichend hoch ist. Entscheidend für die Unterschiede in den Lebenslagen ist darüber hinaus auch, welche Qualität die Erwerbsarbeit hat. Es kommt vor allem auf die Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten, die qualifikationsadäquaten Tätigkeitsprofile, die Aufstiegs- und Entwicklungschancen, die Stabilität der Beschäftigungsverhältnisse sowie auf die soziale und tarifliche Absicherung an. Erwerbsarbeit bietet Chancen zur persönlichen Sinnerfüllung, kann aber auch die Entfaltung der Menschen behindern und verstärkt durch physische und psychische Überbeanspruchungen zu gesundheitlichen Belastungen und einer insgesamt prekären Lebenssituation führen.

Die Ausgestaltung der Arbeitsverhältnisse ist deshalb ein zentrales Merkmal für die Verteilung von Lebenslagen in der Gesellschaft. Die Unterschiede in den Beschäftigungsformen haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich erweitert. Das Spektrum reicht vom gut bezahlten und gesicherten Vollzeitarbeitsverhältnis über die oft schlechter abgesicherte und bezahlte Teilzeitarbeit bis hin zur Leiharbeit oder nicht sozialversicherungspflichtigen (sogenannte geringfügige) Beschäftigung.

Erwerbsarbeit ist ohne ihr Gegenstück, die privat verrichtete, unbezahlte Arbeit, vorwiegend in Form der Sorge- und Familienarbeit, nicht zu denken. Über einen langen historischen Zeitraum hat sich eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung entwickelt und zum gesellschaftlich vorherrschenden Handlungsmuster verfestigt, nach dem Frauen für die Reproduktionsarbeit und Männer für den Erwerb des Lebensunterhalts zuständig sind. Das immer noch dominierende Muster männlicher Erwerbsarbeit als Vollzeitarbeitsverhältnis über ein ganzes Arbeitsleben hinweg war und ist nur auf dieser Grundlage möglich.

Auch heute noch prägt diese ungleiche Verteilung von Erwerbsarbeit einerseits und Haus-, Erziehungs- und Sorgearbeit andererseits die Gesellschaft. Denn auch wenn Frauen erwerbstätig sind, bleiben sie zumeist für die Erziehung der Kinder, die Erledigung der Hausarbeit und die Pflege von älteren Angehörigen verantwortlich. Diese Arbeitsteilung begründet eine ökonomisch fundierte Abhängigkeit vieler Frauen von Männern. Zwar haben sich in den vergangenen Jahrzehnten Position und Situation von Frauen im Erwerbsleben spürbar verbessert, denn nie zuvor war ein so großer Teil der Frauen gut ausgebildet und in qualifizierten Berufen tätig. Aber von einer Aufhebung der geschlechtsspezifischen Teilung der gesellschaftlichen Arbeit kann bei weitem noch nicht gesprochen werden.

Struktur der Erwerbstätigkeit

Eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn arbeitet vor den Monitoren der Leitstelle der Hamburger S-Bahn.Eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn arbeitet vor den Monitoren der Leitstelle der Hamburger S-Bahn. (© picture-alliance/dpa)

Erwerbstätige 1991 bis 2016Erwerbstätige 1991 bis 2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Im Jahr 2016 lebten 82,5 Millionen Menschen in Deutschland. Von ihnen gingen 43,4 Millionen einer Erwerbstätigkeit nach. (Vgl. Grafik 'Erwerbstätige 1991 bis 2016') Nie zuvor hatten so viele Menschen eine Arbeit. Knapp 1,8 Millionen Menschen waren erwerbslos. Erwerbstätige und Erwerbslose zusammen bilden – nach der Terminologie der amtlichen Statistik – die Gesamtheit der Erwerbspersonen. Bei 45,2 Millionen Erwerbspersonen und einer Wohnbevölkerung von 82,5 Millionen Personen ergibt sich eine Erwerbsbeteiligung bzw. Erwerbsquote von 54,8 Prozent, d. h. mehr als die Hälfte der Wohnbevölkerung ist erwerbstätig oder sucht eine Erwerbsarbeit.

Die andere Hälfte der Bevölkerung zählt zu den Nichterwerbspersonen. Dies sind zum einen Kinder und Jugendliche, die noch vor der Erwerbsphase stehen, sowie ältere Menschen, die ihre Erwerbstätigkeit beendet haben. Hinzu kommen die Hausfrauen und -männer, die zwar Arbeit leisten, nämlich gesellschaftlich notwendige Haus- und Erziehungsarbeit (Reproduktionsarbeit), diese Arbeit aber unbezahlt erbringen.

Frauenerwerbstätigkeit
Erwerbsquoten von Frauen und Männern im Alter von 15 bis unter 65 JahrenErwerbsquoten von Frauen und Männern im Alter von 15 bis unter 65 Jahren (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Der Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen und der Erwerbsquoten ist in erster Linie auf die gestiegene Erwerbsneigung von Frauen sowie von älteren Beschäftigten zurückzuführen. Zudem spielen die Veränderungen der Bevölkerungsstruktur (z.B. Zahl und Bevölkerungsanteile von Kindern, Jugendlichen und Rentnern) und des Lebensalters bei Eintritt in und Austritt aus dem Arbeitsmarkt eine Rolle.

Immer noch liegt die Erwerbsbeteiligung der Männer erheblich über der der Frauen. Während allerdings die Erwerbsneigung der Männer mit einer Erwerbsquote von 82,2 Prozent für 1991 und 82,0 Prozent für 2015 in den vergangenen 25 Jahren relativ konstant blieb, hat die Erwerbsquote der Frauen im gleichen Zeitraum − insbesondere seit Ende der 1990er Jahre − deutlich zugenommen und lag im Jahr 2015 bei 72,2 Prozent. Beachtenswert ist, dass die Erwerbsneigung der Frauen in den neuen Bundesländern auf einem höheren Niveau liegt als in den alten Bundesländern, während sich die Erwerbsquote bei den Männern in den neuen und alten Bundesländern auf dem gleichen Niveau befindet.

Die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen wird durch eine Reihe von sozioökonomischen Faktoren bedingt. Vor allem die Rolle der Frau in der Ehe hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert, indem der Mann nicht mehr automatisch der alleinige Versorger der Ehe bzw. der Familie ist. Des Weiteren hat sich die schulische und berufliche Ausbildung der Frauen verbessert, weshalb auch der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit, finanzieller Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung wächst, wodurch der Lebensunterhalt eigenständig gesichert werden kann.

Die familienbedingte Unterbrechung der Erwerbstätigkeit erfolgt im Durchschnitt später, sie fällt kürzer aus und der Anteil der Berufsrückkehrerinnen hat sich erhöht. Auch die Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben sich verbessert. Gleichwohl begrenzen die immer noch unzureichenden Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder eine durchgängige Erwerbsbeteiligung bzw. den raschen beruflichen Wiedereinstieg nach der Geburt der Kinder. Der Anstieg der Frauenerwerbsbeteiligung erfolgt deshalb nicht auf der Basis von Vollzeitbeschäftigung, sondern von Teilzeitarbeit.

Erwerbsbeteiligung und Qualifikation
Erwerbsquoten nach Alter und Bildungsstand 2014Erwerbsquoten nach Alter und Bildungsstand 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download) (© bpb)
Neben Geschlecht, Region und Alter spielt der Bildungsstand eine zentrale Rolle für das Ausmaß der Erwerbsbeteiligung: Die Qualifikationsstrukturen der Erwerbsbevölkerung entscheiden maßgeblich über die berufliche Entwicklung und die Arbeitsmarktchancen. Bezogen auf das Qualifikationsniveau von Beschäftigten im Alter von 25 bis 64 Jahren weisen Personen ohne beruflichen Abschluss (2014) eine Erwerbsquote von 69,3 Prozent auf. Personen mit einem hohen Bildungsstand hingegen sind zu 93,1 Prozent in den Arbeitsmarkt integriert. Bei den älteren Beschäftigten (55 bis unter 64 Jahre) fallen diese Unterschiede noch stärker aus.

Im Durchschnitt aller Erwerbstätigen hat sich das Ausbildungsniveau deutlich verbessert, allerdings in sehr unterschiedlichem Ausmaß. So ist der Anteil der Erwerbstätigen mit (Fach-)Hochschulabschluss seit Mitte der 1970er Jahre um das Dreifache gestiegen. Im Jahr 2015 stellten sie 19 Prozent aller Erwerbstätigen gegenüber 7 Prozent im Jahr 1976. Ein deutlicher Zuwachs ist auch bei den Fachschulabschlüssen zu beobachten. Die Lehrabschlüsse sind unter den Erwerbstätigen dagegen seit Mitte der 1990er Jahre leicht zurückgegangen. Stark vermindert hat sich der Anteil der Erwerbstätigen ohne jeglichen beruflichen Ausbildungsabschluss, er hat sich in den vergangenen 38 Jahren von rund einem Drittel (1976) auf knapp 17 Prozent (2015) fast halbiert.

Dahinter verbergen sich unterschiedliche Ursachen auf Seiten der Arbeitsnachfrage und des Arbeitsangebotes. So führt der wirtschaftliche Strukturwandel zu einer qualitativen Veränderung der betrieblichen Anforderungen an das Qualifikationsniveau und an die Tätigkeitsmerkmale. Auf Seiten des Arbeitsangebotes hat sich in langer Sicht vor allem das Ausbildungsverhalten der weiblichen Erwerbsbevölkerung stark verändert. Im Laufe der Zeit ist der Anteil der Ausbildungslosen unter den erwerbstätigen Frauen stark zurückgegangen. Insgesamt hat sich durch die Bildungsexpansion seit den 1960er Jahren das Qualifikationsniveau der jüngeren Generationen deutlich verbessert, indem mehr Schulabsolventen in den vergangenen Jahrzehnten ein Studium aufgenommen haben und die Zahl der Schulabgänger, die eine Berufsausbildung beginnen, langsam zurückgeht.

Abhängig Erwerbstätige nach höchstem beruflichen Bildungsabschluss 1976, 1991 und 2015Abhängig Erwerbstätige nach höchstem beruflichen Bildungsabschluss 1976, 1991 und 2015 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Der formale Bildungsabschluss sagt allerdings nicht zwingend etwas aus über das Qualifikationsniveau der Erwerbstätigen und über die Qualifikationsanforderungen am konkreten Arbeitsplatz. So lässt sich mithilfe von Befragungen ermitteln, ob die ausgeübte Tätigkeit der Erwerbstätigen mit den im Bildungssystem erworbenen Qualifikationen übereinstimmt, also ausbildungsadäquat ist, oder ob es sich um sogenannte unterwertige Arbeit handelt, die weder fachlich noch beruflich adäquat zur erworbenen Qualifikation ist.

Vor allem in Handwerksberufen besteht ein erhöhtes Risiko inadäquat eingesetzt zu werden, wohingegen Beschäftigte in der Pflege, medizinische Fachangestellte sowie Bank und Versicherungskaufleute weitgehend adäquat arbeiten. Generell sind Migranten, prekär Beschäftigte, gering Qualifizierte sowie Frauen einem erhöhten Risiko ausgesetzt, nicht gemäß ihrer fachlichen Qualifikation eingesetzt zu werden.

Bei Frauen stellen sich die Probleme insbesondere beim beruflichen Wiedereinstieg nach der Elternzeit. So befinden sich junge Mütter überproportional in unterwertigen Beschäftigungsverhältnissen, was mehrere Ursachen haben kann. Es stellt sich für sie häufig das Problem, dass Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit bei der alten Stelle eine Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung nicht zulassen. Wenn die familien- und erziehungsbedingte Erwerbsunterbrechung über einen längeren Zeitraum angedauert hat, besteht zusätzlich das Problem, dass Qualifikation und Kenntnisse nicht mehr dem aktuellen Stand entsprechen.

Atypische / prekäre Beschäftigung

Stellenanzeige in Bayern für Vollzeit und TeilzeitStellenanzeige in Bayern für Vollzeit und Teilzeit (© picture-alliance/dpa)
In einer modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft weist die Erwerbstätigkeit ein äußerst vielfältiges Gesicht auf. Zu unterscheiden ist nicht nur nach Geschlecht und Qualifikation sondern auch nach Branchen, Arbeitgebern, Betriebsgrößen, Berufen, Tätigkeitsfeldern, Arbeitszeiten sowie abhängiger und selbstständiger Beschäftigung. Für die Lebenslage der Menschen ist dabei von zentraler Bedeutung wie die Qualität der Arbeit ausfällt, dies nicht nur hinsichtlich des Einkommens sondern auch hinsichtlich der Arbeits- und Gesundheitsbelastungen, der Sicherheit des Arbeitsplatzes, der Absicherung durch Tarifverträge, der Aufstiegs- und Weiterbildungschancen, der sozialen Anerkennung, der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und nicht zuletzt der sozialen Absicherung bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und im Alter.

Bei den Beschäftigungsverhältnissen kann zwischen den Normalarbeitsverhältnissen und der atypischen Beschäftigung unterschieden werden. Üblich geworden ist es, Kriterien zu benennen, die erfüllt sein müssen, wenn von einem Normalarbeitsverhältnis die Rede ist:
  • ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis
  • in Vollzeit und
  • ohne Befristung,
  • ein existenzsicherndes, regelmäßiges Einkommen,
  • der Schutz durch die Systeme der Sozialversicherung und
  • die direkte Tätigkeit in dem Unternehmen, mit dem das Arbeitsverhältnis besteht.
Atypisch sind demnach Teilzeitarbeit, befristete Beschäftigung, Leiharbeit und geringfügige Beschäftigung.

Atypischen Beschäftigungsformen kommt auf dem Arbeitsmarkt eine wachsende Bedeutung zu. Eine Reihe von sich überlappenden Faktoren und Trends haben seit den 1980er Jahren auf der Nachfrage- wie auf der Angebotsseite des Arbeitsmarktes zur Ausbreitung neuer Beschäftigungsformen geführt: der Wandel hin zur Dienstleistungsökonomie, die zunehmende Frauenerwerbsbeteiligung, die Flexibilisierung der Erstellung von Produkten und Dienstleistungen und die Entwicklung entsprechender personalpolitischer Strategien der Betriebe, die Privatisierung weiter Bereiche des öffentlichen Dienstes, der steigende Kostendruck im internationalen Wettbewerb − um nur die wichtigsten Faktoren zu benennen. Die Politik − insbesondere durch die Deregulierungsmaßnahmen im Rahmen der sogenannten Hartz-Gesetze und der Agenda 2010 − hat die Ausbreitung atypischer Beschäftigung noch zusätzlich befeuert, aber nicht im engeren Sinne verursacht [1].

Strittig ist bei der Abgrenzung der atypischen von den "normalen" Arbeitsverhältnissen u.a., wie die Teilzeitarbeit eingeordnet werden soll. Denn eine vollzeitnahe Teilzeitarbeit (etwa von 32 Wochenstunden) ist sicherlich anders zu bewerten als eine Beschäftigung im unteren Stundensegment. Auf der anderen Seite garantiert auch eine Vollzeitarbeit noch keineswegs ein existenzsicherndes Einkommen, wie die Befunde zur Niedriglohnbeschäftigung zeigen (vgl. Abschnitt "Niedriglöhne"). Auch sollte die selbstständige Beschäftigung nicht außer Betracht bleiben, denn die wachsende Gruppe der selbstständig Beschäftigten ohne weitere Mitarbeiter, die sog. Solo-Selbstständigen, bewegt sich im Grenzbereich zwischen abhängiger und selbstständiger Beschäftigung und weist zu großen Teilen hoch problematische Arbeits- und Einkommensbedingungen sowie fehlende soziale Absicherung auf.

Das Statistische Bundesamt zählt zu den Normalarbeitnehmerinnen und -arbeitnehmern abhängig Beschäftigte mit einer unbefristeten und voll sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit, die eine wöchentliche Arbeitszeit von über 20 Stunden umfasst und direkt für den Arbeitgeber ausgeführt wird. Nur die "kurze" Teilzeitarbeit von unter 20 Stunden gilt also hier als atypisch. Für das Jahr 2014, also in einer Zeitpunktanalyse, wird ohne die Arbeitnehmer in langer Teilzeit ein Anteil von 20,9 Prozent atypisch Beschäftigten an allen Arbeitnehmern ermittelt [2]. Dazu zählen befristet Beschäftigte (6,9% aller Kernerwerbstätigen), Teilzeitbeschäftigte mit bis zu 20 Wochenstunden (13,6%), geringfügig Beschäftigte (6,5%) sowie Beschäftigte in Leiharbeit (1,9%).

In der Literatur finden sich viele Befunde, die zeigen, dass atypische Beschäftigungsformen negative Auswirkungen auf die Lebens- und Familienplanung, auf die Arbeitsbedingungen, die Zeitgestaltung, die physische und psychische Gesundheit und auf die soziale Teilhabe haben [3].

Abhängig Beschäftigte in Vollzeitarbeit und in atypischen Erwerbsformen
2000 bis 2016Abhängig Beschäftigte in Vollzeitarbeit und in atypischen Erwerbsformen 2000 bis 2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Entscheidend ist dabei, ob und unter welchen Bedingungen eine atypische Beschäftigung zu einer prekären Beschäftigung wird [4]. Dies ist im hohen Maße abhängig von den Einkommensverhältnissen des Haushaltes, von den Auswirkungen auf die Absicherung beim Eintreten sozialer Risiken und vor allem von der Dauer des Zustandes. Empirische Befunde über die Dynamik der einzelnen atypischen Beschäftigungsformen sind indes rar: Handelt es sich bei der Leiharbeit, bei der Befristung, bei der Teilzeitarbeit und bei der geringfügigen Beschäftigung um dauerhafte Arbeitsverhältnisse, die den gesamten Erwerbs- und Lebensverlauf prägen oder "nur" um eher kurzfristige Übergangs- bzw. Zwischenphasen in Richtung Einstieg in oder Ausstieg aus regulärer Beschäftigung?

Ein besonders hohes Prekaritätsrisiko weist der gesamte Bereich der irregulären, illegalen Erwerbsarbeit auf, über den naturgemäß keine amtlichen Daten vorliegen. Hier handelt es sich aber nicht etwa um einen kleinen Randbereich, denn allein im Bereich der pflegerischen und hauswirtschaftlichen Versorgung kann von bis zu 0,8 Mio. inländischen und ausländischen Beschäftigten ausgegangen werden, die zum Teil unter erbärmlichen Einkommens- und Arbeitsbedingungen zu leiden haben [5]. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, zu erwarten, dass die hohe Zuwanderung von Flüchtlingen dieses Problem noch verschärfen wird.

Teilzeitarbeit
Teilzeitquote insgesamt und nach Geschlecht 2000 bis 2015Teilzeitquote insgesamt und nach Geschlecht 2000 bis 2015 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Die Teilzeitbeschäftigung in Deutschland – gemeint sind alle abhängig Erwerbstätigen mit einer normalen Wochenarbeitszeit von höchstens 35 Stunden − hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Im Jahr 2014 waren nach der IAB-Arbeitszeitrechnung mit 14,8 Mio. Teilzeitbeschäftigten so viele abhängig Erwerbstätige (einschließlich Beamte und geringfügig Beschäftigte!) wie noch nie in einem solchen Beschäftigungsverhältnis. Der Anteil der Frauen an den Teilzeitbeschäftigten (Teilzeitquote) lag bei 57,8 Prozent, der der Männer bei 20,1 Prozent [6]. Teilzeitarbeit ist und bleibt damit eine Domäne von Frauen und ist alles andere als eine "atypische" Beschäftigung. Für die Frauen ist Teilzeitarbeit das "Normalarbeitsverhältnis".

Für die Expansion der Teilzeitarbeit sind nachfrage- und angebotsseitige Einflussfaktoren verantwortlich. Vor allem in den Dienstleistungssektoren nutzen Betriebe Teilzeitarbeit, um ihre Flexibilität zu erhöhen. Auf der Seite des Arbeitsangebots ist die Bereitschaft, die individuelle Arbeitszeit zu reduzieren, allgemein gesehen Ausdruck des Wunsches, Berufstätigkeit und private Lebensführung besser als bei einer Vollzeittätigkeit miteinander vereinbaren zu können [7]. Anlässe und Gründe für reduzierte Arbeitszeiten gibt es viele, dominant für die Erwerbs- und Arbeitszeitorientierung von Frauen ist und bleibt die Sichtweise, dass Teilzeitarbeit ein Weg ist, um nach der Geburt von Kindern die Erwerbstätigkeit fortsetzen und gleichzeitig die Anforderungen von Kindererziehung und Haushaltsführung bewältigen zu können. In nicht seltenen Fällen folgt der Phase der Betreuung und Erziehung von Kindern die Aufgabe, pflegebedürftige Angehörige zu versorgen und zu betreuen.

Diese Orientierung auf Teilzeitarbeit ist nicht allein Ausdruck einer "freien" Entscheidung, denn restriktive Rahmenbedingungen (vor allem hinsichtlich des Angebots an ganztätigen Kinderbetreuungseinrichtungen wie auch an ambulanten und teilstationären Pflegediensten) engen den Entscheidungsspielraum ein. Befragungen nach den Arbeitszeitwünschen von Frauen kommen immer wieder zu dem Ergebnis, dass viele teilzeitbeschäftigte Frauen ihre Arbeitszeiten in Richtung einer vollzeitnahen Teilzeitarbeit verlängern möchten [8]. Auch geben viele Frauen (vor allem in den neuen Bundesländern) in Befragungen an, dass eine Teilzeittätigkeit nur deshalb ausgeübt werde, weil eine Vollzeitstelle nicht zu finden war [9].

Im Ergebnis zeigt sich, dass Teilzeitarbeit von Ehefrauen und Müttern letztlich auf dem klassischen Ernährermodell basiert. Hauptverantwortlich für die familiäre Sorge- und Hausarbeit ist die Frau, während der Mann für den Einkommenserwerb zuständig ist. Modifiziert wird dieses Modell dadurch, dass die Frau mit einem "Zuverdienst" zum Haushaltseinkommen beiträgt. Problematisch ist diese geschlechtshierarchische Arbeitsteilung vor allem dann, wenn Teilzeitarbeit langfristig ausgeübt und zur beruflichen Sackgasse wird [10]. Teilzeitbeschäftigte konzentrieren sich auf bestimmte (frauentypische) Berufe und Wirtschaftszweige (siehe oben), erhalten Stundenlöhne im unteren Bereich, nehmen seltener an Weiterbildungsmaßnahmen teil und sind von betrieblichen Aufstiegswegen weitgehend ausgeschlossen. Teilzeitarbeit in Führungspositionen hingegen ist unverändert selten anzutreffen [11].

Ein Einkommen aus einer Teilzeitbeschäftigung im unteren Stundenbereich reicht in der Regel zur eigenständigen Existenzsicherung nicht aus. Erforderlich sind weitere Einkommen im Haushaltskontext oder durch aufstockende SGB II Leistungen. Teilzeitbeschäftigte sind damit im erheblichen Maße vom Einkommen des Partners bzw. von Sozialtransfers abhängig. Diese Abhängigkeit setzt sich fort bei der sozialen Absicherung. Wenn der Teilzeitlohn kaum das individuelle Existenzminimum sichert und der Lebensunterhalt nur im Partnerkontext gewährleistet werden kann, lässt sich keine Rente erwarten, die höher ist als die Grundsicherung.

Mini-Jobs
Eine große Gruppe der Teilzeitbeschäftigten übt lediglich eine geringfügige, steuer- und beitragsfreie Tätigkeit aus, bei der das monatliche Einkommen die Grenze von 450 Euro nicht überschreiten darf. Diese Einkommensschwelle führt dazu, dass ein Mini-Job alleine keineswegs den Lebensunterhalt sichern kann. Es handelt sich entweder um eine Nebenbeschäftigung oder um einen sog. "Zuverdienst" von Ehefrauen. Geringfügig Beschäftigte erwerben keine eigenständigen sozialversicherungsrechtlichen Ansprüche. Vor allem aber begrenzt die Schwelle von 450 Euro − im Zusammenwirken mit den Folgewirkungen des steuerlichen Ehegattensplittings und der beitragsfreien Krankenversicherung − das Arbeitsangebot von Frauen auf ein unteres Stunden- und Einkommenssegment.

Bei den Minijobs handelt es sich um eine Niedriglohnbeschäftigung, die realisierten Stundenentgelte liegen weit überwiegend unterhalb der Niedriglohnschwelle. Häufig werden arbeits- und tarifrechtliche Ansprüche nicht gewährt (Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, Feiertage, Urlaubsansprüche, tariflicher Grundlohn, tarifliche Zuschläge, Weihnachtsgeld), entweder weil Unkenntnis über die tatsächlichen Ansprüche besteht oder weil die prekäre Lage der Beschäftigten ausgenutzt wird [12].

Beschäftigte in Mini-Jobs 2003 bis 2016Beschäftigte in Mini-Jobs 2003 bis 2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Die Zahl der Mini-Jobs hat seit den Neuregelungen im Jahr 2003 stark zugenommen. Betrug die Zahl im März 2003 noch etwa 5,6 Millionen, so hat sie sich seitdem auf rund 7,8 Millionen (Juni 2016) erhöht. Die geringfügig Beschäftigten machen einen erheblichen Anteil an allen Arbeitsverhältnissen aus. Im Juni 2016 war es knapp ein Viertel. Auf etwa 4,0 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte kam ein Mini-Jobber.

Zu unterscheiden sind hierbei Personen, die ausschließlich einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen (etwa 5,1 Mio.) sowie im Nebenjob geringfügig Beschäftigte (etwa 2,6 Mio.). Vor allem die Zahl der im Nebenjob geringfügig Beschäftigten hat sich kontinuierlich erhöht, der Anteil an allen Mini-Jobs stieg von 17,5 Prozent im Juni 2003 auf 33,6 Prozent im Juni 2016. Die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten ist hingegen seit etwa 2007 nahezu konstant geblieben.

Leiharbeit
Beschäftigungsverhältnisse der Leiharbeit sind dadurch gekennzeichnet, dass ein Arbeitgeber (Verleiher) einen Arbeitnehmer (Leiharbeitnehmer) einem Dritten (Entleiher) zur Arbeitsleistung überlässt. In dieser Dreieckskonstellation ist die Leiharbeitsfirma als Verleiher de jure Arbeitgeber, während die Arbeitsleistung de facto jedoch beim Kundenunternehmen, also der entleihenden Firma, erbracht wird.

Leiharbeit vermeidet die für Arbeitgeber nachteiligen Aspekte von dauerhaften regulären Beschäftigungsverhältnissen, denn die Leiharbeitnehmer scheiden nach Ablauf des Vertrages automatisch aus dem Betrieb aus und haben keinerlei Weiterbeschäftigungsansprüche. Leiharbeit macht es schließlich möglich, gezielt bestimmte Aufgaben auszugliedern und nicht von der Stammbelegschaft erledigen zu lassen. Der Rekrutierungs- und Verwaltungsaufwand wird hierbei auf die Verleihbetriebe verlagert. Diese Vorteile gewinnen dann an Gewicht, wenn der Einsatz von Leiharbeit kostengünstig ist. Dies ist dann der Fall, wenn die Entlohnung der Betroffenen niedriger ausfällt als die der regulär Beschäftigten.

In der Folge ist Leiharbeit für die Beschäftigten mit sozialen Problemen und Risiken verbunden [13]: Sie sind jeweils kurzfristig in Betrieben tätig, zu denen sie nicht "gehören". Sie werden nach anderen und in der Regel niedrigeren Tarifen bezahlt, und der Betriebsrat ist für sie nicht oder nur sehr begrenzt zuständig. Der Einsatz von LeiharbeitnehmerInnen wirkt zugleich negativ zurück auf die Stammbeschäftigten des Betriebes: Da der Personalumschlag in den Entleihbetrieben selbst sehr hoch ist, kommt zu den Risiken, denen die Verleihkräfte in den Einsatzbetrieben ausgesetzt sind, noch die erhebliche Instabilität des Leiharbeitsverhältnisses selbst hinzu. Mehr als zwei Drittel (67,2 %) der Leiharbeitskräfte bundesweit sind von Niedriglöhnen betroffen. Das geringe Lohnniveau in der Leiharbeit führt nicht selten auch dazu, dass ergänzende Leistungen der Grundsicherung (Hartz IV) in Anspruch genommen werden müssen. Durch die geringere Entlohnung, hohe Fluktuation und häufige Befristung besteht für viele Leiharbeitnehmer schließlich die Gefahr einer prekären sozialen Absicherung, da beim Bezug von Leistungen der Sozialversicherung die Höhe und die Bezugsdauer des Erwerbseinkommens zentral sind.

Für Leiharbeitnehmer ergeben sich aber auch positive Aspekte, da die Zutrittsbarrieren bei Zeitarbeitsfirmen nicht so hoch wie bei regulären Betrieben sind und somit der (Wieder-) Einstieg von Arbeitslosen in das Erwerbsleben (als Leiharbeitnehmer) erleichtert wird. Auch besteht die Möglichkeit, von der Leiharbeit in ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis bei einem Entleihbetrieb wechseln zu können. Man spricht hierbei vom sog. "Klebeeffekt". Bislang jedoch erweist sich die Brückenfunktion der Leiharbeit in reguläre Beschäftigung als eher gering.

Überlassene Leiharbeitnehmer 1994 bis 2016Überlassene Leiharbeitnehmer 1994 bis 2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Die Zahl der Leiharbeitnehmer/innen hat sich seit Mitte der 1990er Jahre mehr als verfünffacht und betrug im Juni 2016 gut 1 Million. Auffällig sind der steile Anstieg in den Jahren seit 2003 sowie der Einbruch im Jahr 2009. Die Expansion lässt sich auf die mit den Hartz-Gesetzen eingeleitete Deregulierung der Leiharbeit im Jahr 2004 (Novelle des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes) zurückführen. Der abrupte Rückgang im Jahr 2009 steht im Zusammenhang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise, in deren Folge die Unternehmen ihre Produktions- und Auftragsrückgänge durch den Abbau der Leiharbeit überbrückt haben.

Befristete Beschäftigung
Bei einem befristeten Arbeitsvertrag endet das Arbeitsverhältnis durch Ablauf, ohne dass es gekündigt zu werden braucht. Demgegenüber ist ein unbefristetes Arbeitsverhältnis mit einem gewissen Bestandsschutz versehen, der insbesondere durch Kündigungsfristen, durch den Nachweis sozial gerechtfertigter Kündigungsgründe und durch Abfindungen bei Massenentlassungen (Sozialplan) geprägt ist. Von besonderer Bedeutung ist der Kündigungsschutz für schwerbehinderte Menschen, für Frauen im Mutterschutz, für Eltern in der Elternzeit und für Betriebsräte. Durch die Befristung von Arbeitsverträgen greifen diese gesetzlichen wie auch tarifvertraglich vereinbarte Schutzbestimmungen nicht. Endet das Arbeitsverhältnis, so findet schließlich auch ein Ausschluss von allen Sozial- und Entgeltleistungen statt, die auf die Dauer der Betriebszugehörigkeit abstellen (wie z.B. Betriebsrenten, Prämien, Weihnachtsgeld).

Weil das Arbeitsverhältnis automatisch endet und kein Kündigungsschutz besteht, ist das Arbeitslosigkeitsrisiko von befristet Beschäftigten höher als das der unbefristet eingestellten ArbeitnehmerInnen. Zugleich sind sie überproportional häufig im Niedriglohnsektor beschäftigt. Dabei sind kurzfristige Unterbrechungen sowohl für die aktuelle Lebenslage als auch die perspektivische (Alters-)Versorgung einfacher zu überbrücken, als längere oder sich wiederholende Phasen der Befristung. Neuere Auswertungen weisen darauf hin, dass die Chancen eines Übergangs in eine unbefristete Beschäftigung (Sprungbretteffekte) je nach Personengruppen variieren: Akademiker und Berufsanfänger mit abgeschlossener Berufsausbildung haben bessere Chancen auf eine Festanstellung als Beschäftigte ohne berufliche Qualifikationen [14].

Anteil der befristet Beschäftigten an allen abhängig Beschäftigten 1995 und 2015Anteil der befristet Beschäftigten an allen abhängig Beschäftigten 1995 und 2015 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Auch befristete Arbeitsverhältnisse haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die Befristungsquote (Anteil der befristet Beschäftigten an allen abhängig Beschäftigten) stieg zwischen 1995 und 2015 von 11,3 Prozent auf 13 Prozent. Eine Differenzierung nach Altersgruppen zeigt, dass traditionell der Anteil der befristeten Arbeitsverhältnisse bei den jüngeren Altersgruppen am höchsten und bei den älteren Altersgruppen wesentlich niedriger ist. In der Tendenz sind heute befristete Arbeitsverträge für Berufseinsteiger, insbesondere für Hochschulabsolventen die Regel. Etwa die Hälfte aller Neueinstellungen wird nur auf Zeit geschlossen (Datenbasis: IAB-Betriebspanel). Dabei weicht der Befristungsanteil bei Neueinstellungen zwischen Privatwirtschaft (39,9%) und öffentlichem Sektor (59,5%) erheblich voneinander ab. Besonders weit verbreitet sind befristete Neueinstellungen außerdem im Dritten Sektor (66,6%) und in der Wissenschaft (86,8%), wo sie quasi die Regel darstellen. Dabei kann es auch zu aufeinander folgenden Befristungen kommen (Kettenbefristungen).

Bei den hohen Befristungsquoten unter den Beschäftigten im Alter zwischen 15 und 20 Jahren ist allerdings zu beachten, dass sich hierunter viele Auszubildende befinden. Im Jahr 2015 waren dies 82,3 Prozent. Auch in der Altersgruppe 20 bis unter 25 Jahren liegt der Anteil der Beschäftigten in Ausbildung noch bei 60 Prozent.

Erwerbslosigkeit

Agentur für Arbeit Treptow KöpenickAgentur für Arbeit Treptow Köpenick (© picture-alliance/dpa)
Erwerbslosigkeit oder – wie es begrifflich unscharf heißt – Arbeitslosigkeit ist ein zentrales soziales Risiko in einer auf abhängiger Erwerbsarbeit basierenden Gesellschaft. Der Risikoeintritt entzieht sich weitgehend individueller Einflussnahme, sondern ist abhängig von der gesellschaftlichen Entwicklung. In Abhängigkeit vom Wirtschaftsprozess steigt bzw. schrumpft die Nachfrage nach Arbeitskräften, verbessern bzw. verschlechtern sich die objektiven Chancen für eine erfolgreiche Erwerbsbeteiligung und eigenständige Existenzsicherung.

Auch beste individuelle Voraussetzungen – wie hohe berufliche Qualifikation, Mobilität und Leistungsfähigkeit – sind keine Garanten für einen sicheren und womöglich gut bezahlten Arbeitsplatz. Erwerbslosigkeit bedeutet für die Betroffenen vor allem den Wegfall des Arbeitseinkommens und damit der oftmals einzigen finanziellen Existenzgrundlage. Hinzu kommen die psycho-sozialen Folgen für die Erwerbslosen selbst und ihre Angehörigen, aber auch die mittelbaren, gesellschaftlich wirksamen Konsequenzen. Anhaltend hohe Arbeitslosigkeit bedroht den Zusammenhalt der Gesellschaft und fördert soziale Spaltungs- und Ausgrenzungstendenzen.

Aus Sicht eines auf die realisierte Lebenslage bezogenen Armutsansatzes begrenzt der erzwungene Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt die Teilhabemöglichkeit in einem elementaren Bereich des gesellschaftlichen Lebens. Eine unfreiwillig niedrige oder gar fehlende Erwerbsteilhabe lässt sich deshalb als ein entscheidendes Merkmal von sozialer Ausgrenzung bezeichnen – neben materieller Deprivation und unzureichender Einkommenshöhe. Vor allem für die große Gruppe der Langzeitarbeitslosen, darunter werden in der Statistik Arbeitslose gefasst, die länger als ein Jahr ununterbrochen arbeitslos sind, wirkt sich der Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt belastend für ihre Lebenslage aus.

Das Risiko, arbeitslos zu werden und für längere Zeit zu bleiben oder überhaupt keinen Zugang zu einer regulären Beschäftigung zu finden, ist in der Gesellschaft nicht gleich verteilt. Es hängt zum einen ab von ökonomischen Rahmenbedingungen auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene, aber auch auf der Ebene der regionalen und lokalen Arbeitsmärkte sowie der Entwicklung von Branchen und beruflichen Tätigkeiten. Von Bedeutung sind zum anderen aber auch die Voraussetzungen der Personen selber: Der Grad der schulischen und beruflichen Bildung, das Lebensalter, das Geschlecht, die physische und psychische Konstitution, die Nationalität – diese und weitere Faktoren wirken sich nachhaltig auf die Erwerbschancen bzw. das Arbeitslosigkeitsrisiko aus.

Arbeitslosigkeit ist auch nach den Maßstäben eines ressourcenorientierten Armutskonzepts als zentrales Armutsrisiko zu bezeichnen. Da in Marktgesellschaften die Verfügung über Einkommen die wichtigste Ressource darstellt, und Arbeitslosigkeit zugleich immer mit dem Verlust des Markteinkommens verbunden ist, liegen die Verbindungen zwischen Arbeitslosigkeit und Einkommensarmut nahe. Allerdings handelt es sich nur um mögliche, aber nicht um zwingende Verbindungen. Denn Arbeitslosigkeit ist ein individuelles Risiko, das eine einzelne Person erfasst, während demgegenüber Einkommensarmut sinnvollerweise lediglich im Kontext des Haushaltes und des Haushaltseinkommens definiert und untersucht werden kann (vgl. Kapitel "Grundlagen").

Eine durch Arbeitslosigkeit bedingte Lebenslage, die durch Armut und soziale Ausgrenzung charakterisiert ist, lässt sich nicht allein durch finanzielle Transfers überwinden. So wichtig ein ausreichend hohes Einkommen für Arbeitslose auch ist; notwendig für eine – insbesondere dauerhafte – Überwindung der sozialen Ausgrenzung ist die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit (insbesondere der Langzeitarbeitslosigkeit) und soweit dies möglich ist die Eingliederung der Betroffenen in den regulären Arbeitsmarkt. Auch ein bedingungsloses Grundeinkommen in armutsvermeidender Höhe (einmal abgesehen von den Schwierigkeiten einer Finanzierung dieser Leistung) ist für die weit überwiegende Zahl der Arbeitslosen keine Alternative zur sozialen Teilhabe am Erwerbsleben und der dadurch vermittelten gesellschaftlichen Anerkennung.

Arbeitslose und Arbeitslosenquoten 1975 bis 2016Arbeitslose und Arbeitslosenquoten 1975 bis 2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland lässt erkennen, dass seit etwa 2005 die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken und zugleich die Zahl der Erwerbstätigen (und auch der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten) deutlich gestiegen ist [15]. Im Jahresdurchschnitt 2016 liegt die Zahl der registrierten Arbeitslosen im Bundesdurchschnitt bei 2,8 Millionen Personen und die Arbeitslosenquote beträgt 6,8 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2005 (4,9 Mio. Arbeitslose) ist dies ein markanter Rückgang. Gleichwohl kann aus mehreren Gründen nicht die Rede davon sein, dass Arbeitslosigkeit als Massenschicksal und Armutsrisiko gleichsam überwunden ist:
  1. Registrierte Arbeitslose und Stille Reserve 1998 bis 2016Registrierte Arbeitslose und Stille Reserve 1998 bis 2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
    Mit der Zahl der registrierten Arbeitslosen ist das gesamte Ausmaß der Unterbeschäftigung nur unzureichend erfasst. Zu berücksichtigen sind zusätzlich die nicht registrierten Arbeitslosen in der sogenannten Stillen Reserve (im Jahr 2016 rund 1.000.000 Personen).

  2. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist regional unterschiedlich ausgeprägt. Zwischen den extremen Werten (Gelsenkirchen: 14 %; Eichstätt: 1,3 % in 10/2016)
    Städte und Landkreise mit niedriger und hoher Arbeitslosigkeit, Oktober 2016Städte und Landkreise mit niedriger und hoher Arbeitslosigkeit, Oktober 2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
    gibt es ein breites Band in den neuen wie den alten Bundesländern regional bzw. lokal unterschiedlicher Arbeitslosenquoten. Die regional unterschiedlichen Arbeitsmarktrisiken sind in erster Linie strukturbedingt. Sie hängen stark ab von den jeweiligen ökonomischen Verhältnissen, die insbesondere durch den Branchenmix, die Firmengrößen und der Qualifikationsstruktur des Arbeitsangebotes bestimmt werden. Gerade Städte, Kreise und Regionen die stark vom Strukturwandel betroffen und wirtschaftlich schwach aufgestellt sind, weisen die größten Probleme am Arbeitsmarkt auf.

  3. Das Risiko, arbeitslos zu werden, wie auch das Risiko, für längere Zeit arbeitslos zu bleiben und keinen Abgang aus der Arbeitslosigkeit zu finden, sind sozial selektiv strukturiert: Nicht alle Personengruppen unterliegen der gleichen Gefahr, den Arbeitsplatz zu verlieren oder nach der Ausbildung keinen Arbeitsplatz zu finden. Und nicht alle Arbeitslosen haben die gleichen Chancen, wieder eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Vielmehr unterscheiden sich die Risiken und Chancen nach sozialen, personenbezogenen Merkmalen wie Alter, Nationalität, Wohnort, Dauer der Arbeitslosigkeit und Qualifikation. Man spricht hierbei von unterschiedlichen Verbleibsrisiken und Abgangschancen. Welche Merkmale und Merkmalskombinationen Arbeitslose vorweisen, hat für die betriebliche Einstellungspraxis eine Signalfunktion. Junge, gut qualifizierte und kurzfristig Arbeitslose haben in der Regel günstigere Chancen, eingestellt zu werden.

    Arbeitslosenquoten ausgewählter Personengruppen 2016 Deutschland, alte und
neue LänderArbeitslosenquoten ausgewählter Personengruppen 2016 Deutschland, alte und neue Länder (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
    Deshalb ist es erforderlich, bei den Arbeitslosenquoten nach einzelnen Personengruppen zu unterscheiden (soweit dies von der Datenlage her möglich ist): Im besonderen Maße sind Ausländer betroffen: Hier liegen die Quoten im Jahresdurchschnitt 2016 bei 15,3 Prozent (Deutschland) bzw. 22,4 Prozent (neue Länder) und 14,5 Prozent (alte Länder). Leicht überproportional betroffen sind auch die Älteren mit Quoten von 6,8 Prozent (Deutschland) bzw. 9,4 Prozent (Ost) und 7,0 Prozent (West). Geringere Risiken haben demgegenüber die Jüngeren.
Unterschiede beim Arbeitslosigkeitsrisiko zeigen sich nicht nur hinsichtlich des Lebensalters, des Geschlechts, der Nationalität und der Region sondern vor allem auch der hinsichtlich der Qualifikation. Personen, die keinen beruflichen Bildungsabschluss vorweisen können, haben das größte Risiko, von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein. Während die Arbeitslosenquote bei Personen mit einem beruflichen Bildungsabschluss im Jahr 2014 bei 4,9 Prozent lag, war sie bei Personen ohne Berufsausbildung mit 19,9 Prozent viermal so hoch.

Analysiert man die qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten im Zeitverlauf seit 1991, zeigt sich, dass sich die Situation der Geringqualifizierten verbessert hat, da die Arbeitslosenquote dieser Gruppe zwischen 1992 und 2010 stets über 20 Prozent lag und zwischenzeitlich Höchstwerte von knapp 27 Prozent (1997: 26,9 % und 2005: 26 %) erreichte. Die Zahl der arbeitslosen Geringqualifizierten ist, mit Ausnahme von 2009, seit 2005 rückläufig.

Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten 1991 bis 2014Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten 1991 bis 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download) (© bpb)
Im Vergleich zu den Vorjahren hat sich auch die Zahl der Arbeitslosen mit einer beruflichen Ausbildung leicht verbessert. Im Jahr 2011 konnte mit 5,1 Prozent erstmals die Ausgangsquote von 5,6 Prozent im Jahr 1991 unterschritten werden. Seit 1992 hatte die Arbeitslosenquote bei dieser Gruppe immer über 6 Prozent gelegen und lag noch im Jahr 2004 mit 9,9 Prozent fast doppelt so hoch wie 2014. Gerade bei dieser sogenannten mittleren Bildungsebene ist eine positive Entwicklung der Arbeitslosigkeit besonders wichtig, da sie mit knapp 55 Prozent den mit Abstand größten Anteil der abhängig Erwerbstätigen stellen. Nach wie vor haben die Hochschulabsolventen die besten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Deren Arbeitslosenquote betrug im Jahr 2014 2,6 Prozent. Hier handelt es sich um die einzige Beschäftigtengruppe, bei der fast von Vollbeschäftigung gesprochen werden kann. Zudem ist es die einzige Gruppe, deren Arbeitsmarktsituation relativ krisenresistent ist, wie etwa im Jahr 2009, als es lediglich einen minimalen Beschäftigungsrückgang zu verzeichnen gab.

Im langfristigen Trend haben sich die Arbeitsmarktchancen bei den oberen und unteren Qualifikationsebenen deutlich auseinander entwickelt. Der Wegfall von Einfacharbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe und der Beschäftigungsrückgang von An- und Ungelernten im Zuge des wirtschaftlichen Strukturwandels haben wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Beschäftigung auf Arbeitnehmer mit mittleren und höheren Qualifikationen und die Arbeitslosigkeit auf Arbeitnehmer ohne Qualifikationen konzentriert.

Langzeitarbeitslosigkeit
Langzeitarbeitslosigkeit stellt ein besonderes arbeitsmarkt- und sozialpolitisches Problem dar. Denn vor allem die Älteren, die Arbeitnehmer ohne Berufsausbildung sowie die Menschen mit Behinderungen und gesundheitlich Beeinträchtigungen haben ein hohes Risiko, über eine längere Zeit hinweg arbeitslos zu sein und zu bleiben. Eine Betrachtung der Arbeitslosenquoten nach Personengruppen zeigt, dass unter älteren ArbeitnehmerInnen, Menschen mit Behinderungen, Personen mit Migrationshintergrund, Personen aus strukturschwachen Gebieten sowie Personen ohne Berufsausbildung besondere Beschäftigungsrisiken bestehen. Zudem werden die Chancen auf eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit schlechter. Ein langer Verbleib in der Arbeitslosigkeit kann zu einer Einschränkung oder gar einem Verlust der Beschäftigungsfähigkeit führen. Langzeitarbeitslosigkeit wird damit selbst zu einem Ausgrenzungsmerkmal in der betrieblichen Einstellungspraxis. Leistungsfähigkeit, Lern- und Mobilitätsbereitschaft und Stabilität des Arbeitsverhaltens werden umso mehr angezweifelt, je länger der Kontakt zur Arbeitswelt zurückliegt.

Mit der Dauer der Arbeitslosigkeit verändern sich zugleich Art, Ausmaß und Qualität der sozialen Absicherung, weil die Bezugsdauer der Versicherungsleistung Arbeitslosengeld I auf maximal 12 Monate befristet ist (Ausnahmen bei Älteren) und die Betroffenen im Anschluss − soweit Bedürftigkeit vorliegt − auf die fürsorgeförmige Leistung Arbeitslosengeld II ("Hartz IV") verwiesen werden. Entsprechend findet sich die überwiegende Mehrzahl der Langzeitarbeitslosen im Rechtskreis des SGB II (vgl. dazu Abschnitt "Grundsicherung als gesetzliches Einkommensminimum").

Langzeitarbeitslose 1993 bis 2016Langzeitarbeitslose 1993 bis 2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (3pc)
Die Belebung auf dem Arbeitsmarkt hat die Gruppe der Langzeitarbeitslosen nur sehr begrenzt erfasst. Seit etwa 2009 stagniert die Zahl bei etwa 1 Million, die zu 90 Prozent in den Rechtskreis des SGB II fallen. Angesichts sinkender Arbeitslosenzahlen insgesamt hat sich der Anteil der Langzeitarbeitslosen seitdem schrittweise erhöht und liegt im Jahr 2016 bei etwa 37 Prozent.

Differenziert man auch hier nach Regionen, so zeigt sich, dass in den Gebieten, in denen die Arbeitsmarktlage schlecht ist, auch der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen besonders hoch ausfällt. Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass auch die SGB II-Quoten (in Prozent der Bevölkerung) regional stark differieren.
Empfängerquoten von Leistungen des SGB II in ausgewählten Städten und Kreisen,
02/2017Empfängerquoten von Leistungen des SGB II in ausgewählten Städten und Kreisen, 02/2017 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Während im Februar 2017 im Bundesdurchschnitt 9,4 Prozent der Bevölkerung zwischen 0 Jahren und der Regelaltersgrenze Arbeitslosengeld II bzw. Sozialgeld in Anspruch nehmen müssen, gibt es in den neuen wie alten Bundesländern Regionen, die mit bis zu 25 Prozent (Gelsenkirchen) deutlich stärker betroffen sind. In Süddeutschland hingegen, selbst in den Großstädten, liegen die Empfängerquoten weit unter dem Bundesdurchschnitt.

Schaut man sich die Gruppe der Langzeitarbeitslosen differenzierter an, so zeigt sich eine starke Verfestigungstendenz: Der Anteil der Personen, die bereits zwei oder mehr Jahre arbeitslos sind, hat sich seit 2010 kontinuierlich erhöht und liegt (2015) bei nahezu 60 Prozent. Dies ist vor allem damit zu erklären, dass innerhalb der Betroffenen vermehrt Arbeitslose mit ungünstigen Voraussetzungen zu finden sind und die als arbeitsmarktfern eingestuft werden können. Dies sind Personen, die zwei Jahre und länger (weitgehend) ununterbrochen arbeitslos waren und SGB II-Leistungen bezogen haben und die zugleich aufgrund ihres höheren Lebensalters, einer unzureichenden oder fehlenden schulischen wie beruflichen Qualifikation oder weiterer Merkmale (so insbesondere gesundheitliche Einschränkungen und mangelnde deutsche Sprachkenntnisse) besondere Vermittlungshemmnisse aufweisen.

Mehr als ein Viertel der Langzeitarbeitslosen ist älter als 54 Jahre, gut die Hälfte weist nur geringe Qualifikationen auf. Auf etwa 11 Prozent der Langzeitarbeitslosen trifft beides zu.

Verweildauern im SGB II Bezug, 12/2016Verweildauern im SGB II Bezug, 12/2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Verweildauer im SGB II Bezug über 4 Jahre und länger nach Bundesländern 12/2016Verweildauer im SGB II Bezug über 4 Jahre und länger nach Bundesländern 12/2016 (PDF-Icon Grafik zum Download)

Diese Verfestigungstendenz spiegelt sich auch in den Befunden über die Bezugsdauer von Leistungen des SGBII wider: Nahezu die Hälfte der Empfängerinnen und Empfänger (42,2 Prozent) befindet sich Ende 2016 länger als vier Jahre im Leistungsbezug. Wird der Anteil der Langzeitbezieherinnen und -bezieher nach Bundesländern unterschieden, zeigt sich dass der Langzeitbezug in den neuen Bundesländern besonders ausgeprägt ist. Wie bereits angemerkt, befinden sich unter den Betroffenen nicht nur Arbeitslose. Typisch ist aber, dass sich bei vielen kurze Phasen der Erwerbstätigkeit, der Teilnahme an arbeits-marktpolitischen Maßnahmen und der Arbeitslosigkeit abwechseln und überschneiden. Die sogenannten Drehtüreffekte sind hier im besonderen Maße verbreitet.

Insgesamt ergibt sich ein Bild einer sozial und regional hoch selektiven Exklusion aus dem Arbeitsmarkt, die sich trotz der allgemein positiven wirtschaftlichen Entwicklung nicht etwa verringert, sondern sogar noch verschärft hat.

Fußnoten

1.
Vgl. Bäcker u. a. 2011.
2.
Statistisches Bundesamt 2015.
3.
Vgl. u. a. Becker, Engel 2015; Galais u. a. 2012; Jürgens 2011 sowie die Beiträge in Eberling u. a. 2004.
4.
Vgl. Brehmer, Seifert 2008.
5.
Vgl. Böning, Steffen 2014.
6.
Wanger 2015, S. 2.
7.
Vgl. u. a. Klenner 2014.
8.
Klenner 2014; Holst, Seifert 2012; Holst 2009.
9.
Rengers 2015.
10.
Vgl. u. a. Wanger 2015; Brenke 2014; Brenke 2012.
11.
Möller, Kohaut 2013.
12.
Vgl. dazu Bäcker/Schmitz 2017.
13.
Vgl. Bäcker/Schmitz 2017.
14.
Vgl. Schmelzer u. a. 2015, S. 243.
15.
Zu den nachfolgenden Daten vgl. BA 2017, Arbeislosenstatistik.
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