27.5.2019 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Wohnen

Die Wohnsituation wird maßgeblich durch die soziale und ökonomische Lage der Menschen bestimmt. Personen bzw. Haushalte mit einem hohen Einkommen können sich Wohnungen leisten, die für Bezieher niedriger und mittlerer Einkommen unerschwinglich sind. Im ländlichen Raum kommt es zu Bevölkerungsrückgängen und Wohnungsleerständen.

Wohnen und soziale Ungleichheit

Eingerüstetes Mietshaus in Frankfurt am Main.Eingerüstetes Mietshaus in Frankfurt am Main. Ein selbstbestimmtes, autonomes Leben von älteren Menschen und von Menschen mit Behinderungen hängt entscheidend von der barrierefreien Ausstattung der Wohnung sowie vom Wohnumfeld ab. (© picture-alliance/dpa)

Das Grundgesetz verpflichtet Staat und Gesellschaft, die Lebensbedingungen aller Menschen so zu gestalten, dass ein Leben in Würde gewährleistet ist. Die Verfügung über eine Wohnung ist eine grundlegende Voraussetzung für ein Leben in Würde, denn Wohnen zählt zu einem Grundbedürfnis der Menschen.

Die Wohnung ist ein geschützter und schützender Raum, sie ermöglicht Individualität, Selbstverwirklichung, Partnerschaft, Familienbildung und Teilhabe an der Gesellschaft. Gerade für die Entwicklungschancen der Kinder ist die Qualität der elterlichen Wohnung, und hier insbesondere die Verfügung über ein eigenes Zimmer, wichtig. Und ein selbstbestimmtes, autonomes Leben von älteren Menschen und von Menschen mit Behinderungen hängt entscheidend von der barrierefreien Ausstattung der Wohnung sowie vom Wohnumfeld ab.

Konkret stellt sich deshalb die Frage, ob die Wohnverhältnisse und auch das Wohnumfeld so gestaltet sind, dass sie den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden – dies hinsichtlich der Wohnungsgröße, der Wohnungsausstattung, der Lage, Zugänglichkeit und Erreichbarkeit und nicht zuletzt der Kostenbelastung. Zu unterscheiden ist beim Bedarf dabei nach der Personenzahl und deren Alter, nach Regionen, Städten und Quartieren und vor allem nach dem zur Verfügung stehenden Einkommen.

Es ist offensichtlich, dass die Wohnsituation maßgeblich durch die soziale und ökonomische Lage der Menschen bestimmt wird. Personen bzw. Haushalte mit einem hohen Einkommen und Vermögen können sich Wohnungen leisten, die für Bezieher niedriger und auch mittlerer Einkommen unerschwinglich sind. Das Wohnen ist deshalb ein Bereich, in denen gesellschaftliche Ungleichheit und Einkommensunterschiede unmittelbar spür- und sichtbar werden [1].

Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn nach dem Verhältnis von selbstgenutztem Wohneigentum und Mietwohnungen gefragt wird. Erwartungsgemäß ist die Eigentumsquote nicht gleich verteilt. Sie steigt mit steigendem Einkommen: So wohnt nur etwa jeder Zehnte mit einem Äquivalenzeinkommen von weniger als 60 Prozent des Durchschnitts im Wohneigentum. Auf der anderen Seite sind es bei einem hohen Äquivalenzeinkommen gut drei Viertel. Zugleich hängt das Ausmaß des Wohnens in einem selbstgenutzten Einfamilien- bzw. Reihenhaus oder in einer Eigentumswohnung stark von der Siedlungsstruktur ab:
  • Im (groß)städtischen Raum, insbesondere in den Innenstädten, fällt die Eigentumsquote deutlich geringer aus als am Stadtrand oder im ländlichen Raum.
  • Hinzu kommt, dass das Wohneigentum stark mit dem Lebensalter variiert. Es konzentriert sich auf Menschen/Paare bzw. Haushalte im mittleren und höheren Lebensalter, wobei die Vererbung von Wohneigentum eine wichtige Rolle spielt.
Wohneigentumsquote nach Höhe des Einkommens 2013Wohneigentumsquote nach Höhe des Einkommens 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Wohnkostenbelastung

Mit Graffiti beschmierte Hauswand in Berlin-NeuköllnMit Graffiti beschmierte Hauswand in Berlin-Neukölln. In vielen Städten wird es vor allem für Familien mit geringem Einkommen schwierig eine ausreichend große und zugleich bezahlbare Wohnung zu finden.

Bevölkerung und Haushalte 1991 und 2016Bevölkerung und Haushalte 1991 und 2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
In den letzten Jahren hat sich die Nachfrage nach Wohnungen stark erhöht. Da die Versorgung mit Wohnraum seit der Abschaffung der Wohnungsgemeinnützigkeit und der Privatisierung öffentlicher Wohnbestände (von Kommunen, Bundesländern, Rentenversicherung) weitgehend marktgesteuert erfolgt und der Wohnungsneubau nicht mit der Nachfrage Schritt gehalten hat, kommt es zu einem kontinuierlichen Anstieg der Mieten wie auch der Immobilienpreise.

Insbesondere in den prosperierenden urbanen Regionen wird es für Menschen mit geringerem bis hin zu mittlerem Einkommen und hier insbesondere für Haushalte mit mehreren Personen bzw. Kindern schwierig, zu einem angemessenen und zugleich bezahlbaren Wohnraum zu kommen. Hingegen sieht die Lage auf dem Wohnungsmarkt im ländlichen Raum oder in den strukturschwachen vormaligen Industrieregionen anders aus. Hier kommt es zu Bevölkerungsrückgängen und sogar zu Wohnungsleerständen.

Bevölkerung in Ein- und Mehrpersonenhaushalten
1991 und 2016Bevölkerung in Ein- und Mehrpersonenhaushalten 1991 und 2016 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Der Nachfrageanstieg ist zum einen Folge einer wachsenden Bevölkerungszahl in den Metropolen, Großstädten und Randgemeinden, die Binnenwanderung wie auch die Zuwanderung von außen haben stark zugenommen. Zum anderen übersteigt der Zuwachs der Zahl der Haushalte die Zahl der Bevölkerung. Denn die durchschnittliche Haushaltsgröße sinkt kontinuierlich. So hat zwischen 1991 und 2016 die Bevölkerungszahl in Deutschland um 2,6 Prozent auf 82,3 Millionen zugenommen, die Zahl der Haushalte hingegen um 15,9 Prozent auf 40,9 Millionen. Mittlerweile sind nahezu 55 Prozent aller Haushalte Einpersonenhaushalte (20,4 %) oder Zweipersonenhaushalte (33,8 %).

In der Folge müssen viele Haushalte einen wachsenden Teil ihres Einkommens aufwenden, um eine Wohnung zu finden und zu bezahlen. Von einer Überbelastung durch Wohnkosten (Miete einschließlich Nebenkosten) kann dann gesprochen werden, wenn der Anteil der Wohnkosten 40 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens erreicht und übersteigt. Dies betrifft vor allem Alleinlebende und Alleinerziehende sowie einkommensschwache Haushalte, deren verfügbares Einkommen im besonderen Maße durch die Wohnungskosten geschmälert wird.
Überbelastung durch Wohnkosten in Abhängigkeit von Haushaltstyp und
EinkommenslageÜberbelastung durch Wohnkosten in Abhängigkeit von Haushaltstyp und Einkommenslage (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


So wurden im Jahr 2015 die 40-Prozent-Überbelastungsquoten von 32 Prozent des Haushaltstyps "Alleinlebend" überschritten. Haushalte mit einem Einkommen unterhalb der Armutsrisikoschwelle mussten zu fast 52 Prozent mehr als 40 Prozent des Einkommens für die Wohnkosten aufwenden. Drastisch fallen auch die Unterschiede aus, wenn die Haushalte nach Einkommensquintilen aufgefächert werden: Die unteren 20 Prozent der Haushalte mit dem niedrigsten Einkommen werden zu 48,3 Prozent überbelastet, die oberen 20 Prozent hingegen nur zu 2,9 Prozent.

Hierbei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass auch die Wohnungsgröße (pro Kopf der Haushaltsmitglieder) sowie die Wohnungsausstattung und -lage bei Niedrigverdienerhaushalten schlechter ausfallen als bei Haushalten im höheren Einkommenssegment.

Quellentext

Wohnkostenbelastung

"Diese Entwicklung bezieht sich allerdings lediglich auf den bundesweiten Durchschnitt, dahinter verbergen sich sehr unterschiedliche regionale Entwicklungen. Einerseits nimmt der Druck auf die Wohnungsmärkte wirtschaftsstarker Zuzugsräume und verschiedener Groß- und Universitätsstädte zu, wodurch deutliche Mietsteigerungen und spürbare Wohnungsmarktengpässe entstehen. Die lokalen Einkommen stiegen aber zumeist nicht in gleichem Maße an, sodass die dortige Bevölkerung einen deutlich höheren Teil ihres verfügbaren Einkommens für das Wohnen einsetzen musste als noch zehn Jahre zuvor.

Andererseits müssen in von Abwanderung betroffenen und strukturschwachen Regionen weniger Einkommensanteile für das Wohnen aufgewendet werden als zehn Jahre zuvor. Die Belastungen sind in den unterschiedlichen Regionen also deutlich unterschiedlich ausgeprägt. Besonders bei armutsgefährdeten Haushalten steigt nach Berechnungen des IWU auf Basis der EVS die Wohnkostenbelastung mit dem Mietenniveau sehr deutlich an, während das verfügbare Einkommen nach Abzug der Wohnkosten deutlich sinkt. Als Alternative zu den ansteigenden Kosten müssen sich diese Haushalte beim Wohnraum einschränken oder in günstigere, meist entlegenere und weniger attraktive Quartiere umziehen. Daraus folgende Segregationstendenzen sind für das Überwinden von Armut auf vielfache Weise hinderlich."

Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017, S. 365.

Segregation und Wohnumfeld

Flugzeug beim Anflug auf Berlin-Tegel. Menschen, die in sozial benachteiligten Stadtquartieren wohnen, sind oft stärker durch Umweltprobleme, wie Lärm oder Luftschadstoffe, belastet.Flugzeug beim Anflug auf Berlin-Tegel. Menschen, die in sozial benachteiligten Stadtquartieren wohnen, sind oft stärker durch Umweltprobleme, wie Lärm oder Luftschadstoffe, belastet. (© dpa, Report)

Zu reden ist von einer sozialräumlichen Segregation, da Wohnort und Wohnregion einen engen Bezug zur Armutsbetroffenheit ausweisen und Auswirkung auf Aufstiegschancen und andere Teilhabedimensionen haben. Überlagert werden diese Effekte durch Tendenzen der ethnischen Segregation; die Zugewanderten suchen häufig die Nachbarschaft von Menschen aus ähnlichen Kulturkreisen, aber vor allem spielt hier das Mietpreisniveau eine zentrale Rolle, da sozialer Status und Einkommenslage dieser Personengruppe in der Regel niedrig sind. Verstärken sich diese Prozesse kann es dazu kommen, dass Personen aus der Mittelschicht in andere Stadtteile oder ins Umland abwandern.

Viele dieser Stadtquartiere weisen nicht nur Mängel in der baulichen Qualität der Gebäude sondern auch Defizite hinsichtlich der privaten und öffentlichen Infrastruktur auf. Soziale und schulische Einrichtungen und Dienste sind schwerer zu erreichen – wie Kitas, Schulen, Spiel- und Sportplätze, Grünflächen usw. Beispiele der Unterversorgung finden sich aber auch hinsichtlich des Einzelhandels, von Haus- und Fachärzten.

Verschärfend kommt hinzu, dass die Menschen, die in sozial benachteiligten Stadtquartieren wohnen, im besonderen Maße durch Umweltprobleme belastet sind. Lärm und Luftschadstoffe, verursacht durch Industrie sowie Straßen- und Flugverkehr, treten vermehrt auf. So sehen sich Mieter (zu 10,5%) deutlich stärker belastet als Wohneigentümer (7,3%), Arbeitslose (13,8%) stärker als Erwerbstätige (8,8%) und Personen mit einem geringen Einkommen (12,2%) stärker als Personen mit einem hohen Einkommen (6,6%).

Personen, die sich durch Lärm oder Luftverschmutzung stark oder sehr stark
beeinträchtigt sehenPersonen, die sich durch Lärm oder Luftverschmutzung stark oder sehr stark beeinträchtigt sehen (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Fußnoten

1.
Vgl. Abstiens u. a. 2017, S. 2.
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