27.5.2019 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Bildung – ein Schlüsselfaktor für Teilhabechancen

Mit einem besseren Bildungsabschluss sinkt das Risiko der Arbeitslosigkeit und steigt das Erwerbseinkommen. Aber nicht nur für Wohlstand und Wohlergehen des Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt ist Bildung ein Schlüsselfaktor. Bildung wird als wichtigster "Rohstoff" in der modernen Wissensgesellschaft bezeichnet

Fliegende Barette vor dem Universitätsgebäude nach der Feier zum 9. Universitätsfest der Rheinische-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.Fliegende Barette vor dem Universitätsgebäude nach der Feier zum 9. Universitätsfest der Rheinische-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. (© picture-alliance, Ulrich Baumgarten)

Eine qualifizierte schulische und berufliche Ausbildung ist ein zentrales Element im Prozess der Persönlichkeitsentfaltung und umfasst insofern mehr als nur die Vermittlung unmittelbar zweckgerichteten Wissens und die Steigerung ökonomischer Verwertungschancen. Der Zugang zu und der Erwerb von Bildung ist Voraussetzung der Teilhabe nicht nur am Arbeitsmarkt sondern auch am gesellschaftlichen Leben insgesamt. Bildung kann deshalb als Bürgerrecht gelten.

Wer über eine fundierte Qualifikation verfügt, hat bessere Chancen, eine inhaltlich interessante und gut bezahlte Tätigkeit auszuüben. Wer in seinem Berufsleben vielseitige und anspruchsvolle Aufgaben zu erfüllen hat, wird auch außerhalb der Erwerbsarbeit eher ein breites Spektrum an persönlichen Interessen entfalten und realisieren können. Und wer dank seiner Qualifikation über ein höheres und gesichertes Einkommen verfügt, ist eher in der Lage, seine Lebensbedingungen – wie Wohnen, Freizeit, kulturelle Teilhabe – entsprechend seinen Wünschen zu gestalten.

Für jeden Einzelnen zahlt sich insofern eine bessere Bildung aus. Mit einem besseren Bildungsabschluss sinkt das Risiko der Arbeitslosigkeit und steigt das Erwerbseinkommen. Aber nicht nur für Wohlstand und Wohlergehen des Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt ist Bildung in seiner Funktion als "Humankapital" ein Schlüsselfaktor für Wachstum, Produktivität, Innovationen und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bildung wird als wichtigster "Rohstoff" in der modernen Wissensgesellschaft bezeichnet.

Bildung ist allerdings kein Allheilmittel zur Lösung aller Probleme. Ein hohes Bildungsniveau lässt sich als notwendige, nicht aber als hinreichende Voraussetzung für einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz, gute Lebensbedingungen und wirtschaftliche Prosperität bezeichnen. Ob das gängige Versprechen, dass sich hohe Leistungen und bessere Bildungsabschlüsse "lohnen", tatsächlich eintritt, hängt auch davon ab, wie die Arbeitsmarktlage insgesamt aussieht, welche Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt eingefordert und wie diese bewertet werden.

Quellentext

Patentrezept Bildung?

Wenngleich Bildung unter günstigen Umständen fraglos zum individuellen beruflichen Aufstieg taugt, versagt sie als gesellschaftliches Patentrezept. Denn die Vorteile, die ein höherer Bildungsabschluss dem Einzelnen auf dem Arbeitsmarkt einbringt, beruhen gerade darauf, dass andere Mitbewerber den entsprechenden Abschluss nicht vorweisen können.

Wenn es der Bildungspolitik tatsächlich gelänge, sämtliche benachteiligten Jugendlichen zu höheren Bildungsabschlüssen zu führen, was ihnen sehr zu wünschen wäre, würde dies nicht unbedingt größere Berufs- und Einkommenschancen für alle bedeuten. Vielmehr würde sie um die wenigen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätze womöglich nur auf einem höheren Bildungsniveau, nicht aber mit größeren individuellen Erfolgschancen konkurrieren. Eine bessere (Aus-)Bildung erhöht die Konkurrenzfähigkeit eines Heranwachsenden auf dem Arbeitsmarkt, Erwerbslosigkeit und (Kinder-)Armut vermag sie jedoch nicht zu beseitigen.

Quelle: Butterwegge 2017a.

Bildungsniveau und Qualifikationsstruktur der Bevölkerung

Bibliothek der Fachhochschule Magdeburg.Bibliothek der Fachhochschule Magdeburg. Fast die Hälfte der Bevölkerung im Alter zwischen 25 und 29 Jahren verfügt über einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. (© picture-alliance/dpa)

Wer nach dem Bildungsniveau der Bevölkerung und dessen Entwicklung fragt, findet in der Statistik zwei unterschiedliche Antworten: Die eine bezieht sich auf die Verteilung der allgemeinen Schulabschlüsse. Die andere schlüsselt die beruflichen Ausbildungsabschlüsse auf. In Bezug auf beide Aspekte zeigt sich, dass sich der Bildungsstand und die Bildungsbeteiligung in den zurückliegenden Jahrzehnten nachhaltig verbessert haben.

Allgemeiner Schulabschluss der Bevölkerung 2015 nach AltersgruppenAllgemeiner Schulabschluss der Bevölkerung 2015 nach Altersgruppen (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Je jünger die Befragten, umso verbreiteter sind "höherwertige" Schulabschlüsse: So verfügt (2015) fast die Hälfte der Bevölkerung im Alter zwischen 25 und 29 Jahren über einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. In der Altersgruppe 60 Jahre und älter sind es gerade einmal 17,6 Prozent. Diese Menschen, die in den Nachkriegsjahren ihren Bildungsabschluss erreicht haben, weisen zu 58,1 Prozent einen Volks- bzw. Hauptschulabschluss auf. Im Unterschied zu diesem fundamentalen Wandel hat sich der Kreis derjenigen, die angeben, über keinen allgemeinbildenden Schulabschluss zu verfügen, kaum verändert: Hier schwankt über die Altersgruppen hinweg der Anteil zwischen 3 und 4 Prozent.

Beruflicher Bildungsabschluss der Bevölkerung 2015 nach AltersgruppenBeruflicher Bildungsabschluss der Bevölkerung 2015 nach Altersgruppen (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Bei den beruflichen Ausbildungsabschlüssen überwiegt über die Altersgruppen hinweg die Gruppe der Menschen, die eine Lehre absolviert haben (einschließlich Berufsfachschule). Allerdings ist der Bedeutungsverlust der beruflichen Bildung im dualen System nicht zu übersehen. In der Altersgruppe 30 bis 39 Jahre liegt der Anteil bei knapp 49 Prozent, in der Altersgruppe 40 bis 49 Jahre demgegenüber noch bei 55 Prozent. Deutlich zugenommen haben hingegen die Absolventen einer Fachhochschule oder Hochschule: In der Altersgruppe 30 bis 39 Jahre haben 23,7 Prozent der Bevölkerung einen akademischen Abschluss.

Recht stark besetzt ist der Kreis der Bevölkerung, die ihren Lebens- und Berufsweg ohne einen beruflichen Abschluss bestreiten müssen. In der Altersgruppe 30 – 39 Jahre sind dies immerhin 16,7 Prozent. Da für viele Menschen in der Altersgruppe 25 bis 29 Jahre der Bildungsweg noch nicht abgeschlossen ist, geben die Werte in dieser Altersgruppe noch kein abschließendes Bild und sind deswegen zurückhaltend zu interpretieren.

Schüler/-innen der Sekundarstufe nach Schularten 2015Schüler/-innen der Sekundarstufe nach Schularten 2015 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Wie die Schulstatistik zeigt, setzt sich der Trend zu höheren Abschlüssen fort. Mittlerweile (2015) besucht mit einem Anteil von 38,6 Prozent der weitaus größte Teil der Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen der Sekundarstufe das Gymnasium. Die Hauptschule hat eine nur noch untergeordnete Bedeutung.

Ein nach wie vor großer – aber in der Tendenz sinkender – Teil der Jugendlichen wechselt nach dem Verlassen der allgemeinbildenden Schulen in eine berufliche Ausbildung im Rahmen des dualen Systems oder in die schulische Berufsausbildung (so vor allem Berufsfachschulen und Schulen des Gesundheitswesens). Hinzu kommen jene, die im Übergang Schule-Beruf an speziellen Maßnahmen der Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik teilnehmen. Auffällig ist dabei, dass das schulische Ausgangsniveau beim Einstieg in die berufliche Bildung ständig gestiegen ist. Von den Jugendlichen, die im Jahr 2015 einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen haben, können mehr als ein Viertel (28 %) das Abitur oder die Fachhochschulreife vorweisen und 43 Prozent verfügen über einen Realschulabschluss (mittlere Reife).

SchülerInnen, deren Abschlüsse unter diesem Niveau liegen oder überhaupt keinen Schulabschluss aufweisen, haben deshalb Schwierigkeiten einen ihren Vorstellungen und Neigungen entsprechenden Ausbildungsplatz zu finden. Dies gilt vor allem für Berufssegmente, die hinsichtlich der Entwicklungsmöglichkeiten und Einkommensperspektiven (so kaufmännische, verwaltende, IT- und Medienberufe) besonders gefragt sind.

Zwar hat sich in den zurückliegenden Jahren der Ausbildungsstellenmarkt deutlich entspannt und kann von einem Angebotsüberhang bis hin zu einem punktuellen Nachwuchsmangel im unteren Berufssegment gesprochen werden. Doch gilt dies nur im Bundesdurchschnitt. Denn nach wie vor gibt es strukturschwache Regionen, in denen die Nachfrage der Jugendlichen nach Ausbildungsplätzen das Angebot der Betriebe deutlich übersteigt. Auch entsprechen viele SchulabsolventInnen mit maximal Hauptschulabschluss nicht immer den hohen, wenn nicht überhöhten Leistungsanforderungen der Betriebe.

Im Ergebnis bleiben nach wie vor viele Jugendliche unterversorgt. Laut Berufsbildungsbericht [1] waren dies 2015 bundesweit etwa 21.000 Personen, die weder in eine berufliche Ausbildung noch in eine Alternative eingemündet sind.

Zugleich gab es knapp 100.000 junge Menschen, die keine weitere Hilfe bei der Bundesagentur für Arbeit bei der Ausbildungssuche mehr nachfragten, für die keine Vermittlungsbemühungen mehr liefen und für die keine Informationen zum Verbleib vorlagen [2]. Darunter befinden sich überproportional häufig Jugendliche mit Migrationshintergrund. Da diese Jugendlichen auch bei gleichen Bildungsabschlüssen schlechtere Chancen haben, muss hier von Diskriminierung gesprochen werden. Die unversorgten Jugendlichen stehen vor großen Problemen im Erwerbssystem und unterliegen dem Risiko von Mehrfach- und Dauerarbeitslosigkeit und eingeschränkter gesellschaftlicher Teilhabe.

Personen mit hoher und mit geringer Bildung 2015Personen mit hoher und mit geringer Bildung 2015 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Fragt man abschließend nach den Merkmalen der Bevölkerung (alle Altersgruppen) mit einer höheren oder geringeren Bildung, so zeigt sich, dass auch hier der Migrationshintergrund eine zentrale Bedeutung hat: Gut ein Fünftel der Personen mit Migrationshintergrund verfügen über keine berufliche Ausbildung (= geringe Bildung). Schlechter gestellt sind auch Frauen, Arbeitslose sowie – erwartungsgemäß – Personen mit einem niedrigen Erwerbseinkommen.

Bildung und soziale Herkunft

Gymnasiasten  in Weingarten (Baden-Württemberg)Gymnasiasten in Baden-Württemberg. Der Bildungserfolg hängt nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab. (© picture-alliance/dpa)

Wie skizziert sind in der Bevölkerung die Schul- und Ausbildungsabschlüsse ungleich verteilt. Es gibt nicht "das" Bildungsniveau, sondern vielfältige Abstufungen, die wiederum zu unterschiedlichen beruflichen Positionen sowie Einkommens- und Lebenschancen führen. Sicherlich zeigt sich ein kontinuierlicher Fortschrittsprozess: Immer weniger Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss, der Anteil der jungen Menschen, die an Fachhochschulen und Universitäten studieren und mit einem akademischen Abschluss in den Beruf einmünden, hat deutlich zugenommen. "Bildungsarmut" im Sinne von fehlenden oder unzureichenden Bildungsabschlüssen (gemessen an den Anforderungen einer modernen Wissensgesellschaft) ist zwar nicht überwunden, aber doch zurückgedrängt worden.

Was jedoch nicht gelöst worden ist: Der Bildungserfolg hängt nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Sozialstatus, der Qualifikation, dem Einkommen und auch dem Wohngebiet der Eltern einerseits und der Bildungsteilnahme sowie den Bildungsabschlüssen der Kinder andererseits.

Auch bei gleichen oder gar besseren Leistungen und Begabungen schaffen es die Kinder und Jugendlichen aus Elternhäusern mit einem geringeren Bildungsniveau deutlich seltener einen qualifizierten Schul- und Berufsausbildungsabschluss zu erwerben als ihre Altersgenossen, deren Eltern einer höheren sozialen Schicht angehören. Im besonderen Maße benachteiligt sind dabei Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund.

Quellentext

Bildung und Herkunft

Der Bildungserfolg eines jungen Menschen hängt in Deutschland nach Angaben des OECD-Bildungsberichts stärker als in den meisten anderen Industriestaaten von der sozialen Herkunft ab. Gerade für Schüler aus ärmeren Familien bleibe das Versprechen "Aufstieg durch Bildung" häufig in weiter Ferne, kritisierte der Leiter des Berliner OECD-Center, Heino von Meyer.

Deutschlandradio 2014.
Dieser soziale Selektionsprozess, der prägend auf den späteren Berufs- und Lebensweg einwirkt, widerspricht den Prinzipien einer liberalen Leistungsgesellschaft ("Chancengerechtigkeit"), bei der die Bildungsunterschiede allein abhängig sein sollen von den individuellen Potenzialen. Er steht zugleich im Gegensatz zu der zentralen Norm des Grundgesetzes, dass niemand aufgrund seiner sozialen Herkunft, seines Geschlechts, seiner ethnischen Zugehörigkeit oder Behinderung benachteiligt werden darf.

Betreuungsquoten von Kindern unter 3 Jahren, 2007 bis 2016, Deutschland,
alte und neue BundesländerBetreuungsquoten von Kindern unter 3 Jahren, 2007 bis 2016, Deutschland, alte und neue Bundesländer (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Eine Betrachtung der einzelnen Stufen des deutschen Bildungssystems belegt dies mehr als deutlich [3]. Dies beginnt bereits in der Phase der frühkindlichen Erziehung und der Betreuung in Tagesstätten für Kinder bis zu drei Jahren. Zwar wurde das Angebot an Krippenplätzen im Verlauf der letzten Jahre nachhaltig ausgebaut, so dass im Jahr 2016 in Deutschland eine Betreuungsquote von 32,9 Prozent erreicht worden ist. Aber bereits bei dieser ersten Stufe institutioneller Betreuung von Kindern fällt die herkunftsspezifische Beteiligung auf: Kinder aus Haushalten mit einem geringen Einkommen und einem niedrigen Bildungsniveau sowie Kinder mit Migrationshintergrund besuchen Kindertageseinrichtungen unterproportional häufig.

Daten aus 2012 belegen, dass in diesem Jahr 31,4 Prozent der Kinder aus Familien, in denen die Eltern eine Hochschulreife erworben haben, aber nur 19,0 Prozent derer, deren Eltern lediglich über einen Hauptschulabschluss verfügten, Krippen oder die Kindertagespflege nutzen [4]. Dies ist umso problematischer, da gerade Kinder von Eltern mit niedriger Bildung und/oder ausländischer Herkunft einen besonderen Förderungsbedarf haben, vor allem hinsichtlich der sprachlichen Entwicklung.

Zusammenhang zwischen Elternhaus und Wahl der Schulart in Klasse 5Zusammenhang zwischen Elternhaus und Wahl der Schulart in Klasse 5 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
In der Grundschulzeit ist auffällig, dass die Kompetenzen und Schulleistungen der Kinder in einem deutlichen Zusammenhang mit ihrer sozialen Herkunft stehen. "Ungleichheiten im familiären kulturellen Kapital werden in der Grundschule nicht kompensiert, sie werden vielmehr – wie Ländervergleiche zeigen – stärker für den Kompetenzerwerb von Kindern relevant als in Bildungssystemen anderer Länder" [5].

Empirisch gut belegt ist auch, dass beim Übergang von der Grundschule zu einer weiterführenden Schule der Bildungsstand der Eltern eine entscheidende Rolle spielt. Noch immer gehen Kinder von Eltern mit Hochschulreife häufiger auf das Gymnasium als Kinder aus bildungsschwächeren Elternhäusern. So wechseln 84 Prozent der Kinder, deren Eltern beide eine Hochschulzugangsberechtigung haben, in ein Gymnasium. Auf der anderen Seite besuchen Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten und/oder die bei einem alleinerziehenden oder arbeitslosen Elternteil aufwachsen, mehrheitlich eine Haupt- oder auch Realschule – nicht aber das Gymnasium. Auch wird trotz der verbesserten, allerdings keineswegs vollständigen Durchlässigkeit zwischen den Schulformen die Chance, im Verlauf der Sekundarstufe I noch aufzusteigen, seltener genutzt.

Bildung mit Hindernissen: An jedem Übergang entscheidet auch das ElternhausBildung mit Hindernissen: An jedem Übergang entscheidet auch das Elternhaus (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Schließlich wirkt sich die soziale Herkunft auch auf den Hochschulzugang aus. Denn nach wie vor sind Kinder aus Familien mit geringem Bildungsniveau oder mit Migrationshintergrund nur selten an Fachhochschulen oder Universitäten zu finden. Soziale Disparitäten werden nicht nur hartnäckig von der Kita über die Grundschule bis zum Studium bzw. bis zur Berufsausbildung weitergeschleppt, sie verstärken sich sogar von Bildungsstufe zu Bildungsstufe.

Quellentext

Soziale Herkunft und Hochschulbildung

"Von einer sogenannten leaky pipeline sprechen Stifterverband und McKinsey in ihrer Analyse, einem "leckenden Rohr". Aus jedem Leck fließen die Arbeiterkinder ab. Von hundert Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil beginnen 74 ein Studium, von denen wiederum 63 einen Bachelorabschluss machen, 45 noch einen Master dranhängen und schließlich 10 eine Promotion absolvieren.

Von hundert Kindern, deren Eltern keine Hochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium, schaffen nur 15 einen Bachelor, machen nur 8 bis zum Master weiter – und nur eine einzige Person erlangt den Doktorgrad.

Noch deutlicher wird dieses Missverhältnis, wenn man sich die tatsächlichen Größenverhältnisse anschaut. Die Studie vergleicht zur Anschauung 100 Akademiker- mit 100 Nichtakademikerkindern. In der Realität aber gibt es deutlich mehr Familien, in denen die Eltern nicht studiert haben; das Verhältnis liegt bei fünf zu eins. In der Grundschule sitzen also eine Million Nichtakademikerkinder neben 200.000 Akademikerkindern – am Ende tragen aber 20.000 Akademikerkinder und nur 10.000 Nichtakademikerkinder pro Jahrgang einen Doktorhut.

'Es gibt noch immer eine starke Selektion', sagt René Krempkow vom Stifterverband, der zusammen mit Julia Klier von McKinsey die Studie betreut hat. Klier betont: 'Ein akademischer Abschluss ist nicht für alle gleich erstrebenswert, und natürlich muss nicht jeder promovieren. Aber die familiäre Herkunft sollte nicht das Kriterium sein, das darüber entscheidet.'"

Quelle: Die Zeit vom 23. 05.2017.


Fußnoten

1.
Bundesministerium für Bildung und Forschung 2017, S. 16.
2.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017, S. 293.
3.
Vgl. dazu ausführlicher Klemm/Rolff 2015.
4.
Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2014, S. 56.
5.
Solga, Dombrowski, 2009, s. 13f.