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Farbfoto: Viele Menschen mit Kindern halten rote, blaue und weißen Pappschilder in die Luft, um daraus die russische Flagge nachzubilden.

31.1.2020 | Von:
Cornelia Gerhard

Russland will die Kontrolle, ist aber nicht totalitär

Zu Besuch im Sacharow-Zentrum Moskau

Farbfoto: Ein Saal mit Stühlen und mehreren Schautafeln im Sacharow-Zentrum in Moskau.Ein Saal im Sacharow-Zentrum in Moskau. Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (Birulik / Wikimedia Commons)

Andrej Sacharow: Kernphysiker, Erfinder der russischen Wasserstoffbombe, Kämpfer gegen Atomwaffen, Friedensnobelpreisträger, Dissident, Staatsfeind. Die Biographie des zu den bekanntesten Russen der Gegenwart zählenden Mannes ist beeindruckend und verstörend zugleich.

1921 in Moskau geboren, wird er wegen seiner Beteiligung an der Entwicklung der Wasserstoffbombe 1953 jüngstes Mitglied in der Akademie der Wissenschaften und mit dem Stalinpreis geehrt. Doch der "Held der sozialistischen Arbeit", der die Folgen seiner Arbeit zunehmend kritisch sieht, wird bald zum Regimegegner, setzt sich für politisch Verfolgte ein und die Umwelt, wird eine Leitfigur im Kampf für Menschenrechte. Dafür erhält er 1975 den Friedensnobelpreis – und wird 1979 in die für Besucher geschlossenen Stadt Gorki (heute Nischni Nowgorod) verbannt - ohne Prozess. Sein Vergehen: Protest gegen den russischen Einmarsch in Afghanistan. Erst Ende Dezember 1986 lässt Gorbatschow ihn nach Moskau zurückkehren. Er gründet eine Bürgerrechtsbewegung, wird Parlamentsabgeordneter, aber lebt nur noch drei Jahre.

Das Europäische Parlament benennt seinen jährlich vergebenen Preis für geistige Freiheit nach ihm, in vielen Ländern gibt es Sacharow-Denkmäler, -Straßen oder -Plätze. Seine Dokumente hütet die Harvard Universität, sein Gedenken erhält auch das Sacharow Zentrum in Moskau aufrecht, 1996 als NGO gegründet auf Betreiben seiner Witwe Yelena Bonner. Das schöne Gebäude nahe des Kursker Bahnhofs ist Museum, Kulturstätte, Archiv, Bibliothek, Veranstaltungsort. Es will an die Millionen Opfer des Sowjetregimes erinnern und für das eintreten, was Andrej Sacharow wichtig war: also Menschenrechte, intellektuelle Freiheit, offener Meinungsaustausch der Zivilgesellschaft, demokratische Werte. Und da ist nach wie vor viel zu tun.
Nach Ansicht des Leiters des Sacharow-Zentrums, Sergej Markowisch Lukaschewski, ist Russland noch sehr weit von einer Demokratie entfernt. Mehr als 300 politische Gefangene würden derzeit vom Zentrum unterstützt. Und drakonische Haftstrafen würden schnell verhängt. Er reiche oftmals an Demonstrationen teilzunehmen. Sechs Jahre hätten zwei junge Frauen beispielsweise bekommen für eine nicht genehmigte Aktion. Gerichte seien nicht unabhängig, es gebe hunderttausende unfaire Verfahren, Willkür und fundamentale Menschenrechtsverletzungen. Haftanstalten seien hoffnungslos überfüllt, Folter und grundlose Gewalt von Aufsehern an der Tagesordnung.

Die Aufgaben des Zentrums sind vielfältig. Schulungen sind wichtiger Bestandteil. So werden Wahlbeobachter ausgebildet, es gibt Trainings, wie Menschenrechte unter schwierigen Bedingungen verteidigt werden können und solche, wie man als Unabhängiger bei Wahlen gewinnen kann und auch Angebote für Schulen. Allerdings, ergänzt Polina Filippova, die auch für das Sacharow Zentrum aktiv ist, sei Bildung in Russland komplett staatlich und anderen Anbietern drohten Strafen, daher würden sie eher von Aufklärung reden. Dem Zentrum komme eine große Bedeutung zu, sagt Sergej, denn auch die meisten Medien in Russland seien staatlich orientiert. Damit Fragen aber offen gestellt und diskutiert werden können, brauche es einen Begegnungsort auch außerhalb des Internets.

Die Arbeit wird den Aktivisten nicht leicht gemacht: russische Bildungseinrichtungen arbeiten nicht mit ihnen zusammen, weil sie staatliche Sanktionen fürchten, russische Unternehmen spenden ihnen nichts, weil sie den Ruf einer oppositionellen Organisation haben und die Firmen Angst vor Repressionen haben, auch staatliche Stiftungen geben nichts, allenfalls einige einfache Bürger. Den Großteil des Geldes erhält das Zentrum aus dem Ausland, vor allem von der Sacharow-Stiftung in den USA und auch aus Deutschland, zum Beispiel von den Stiftungen der politischen Parteien.

Deswegen würden sie stärker kontrolliert, denn wer Geld aus dem Ausland bezieht und dann noch politisch diskutiert, erfüllt die Kriterien für Auslandsspionage. Derzeit spürten sie allerdings keinen allzu großen Druck. Das Gebäude, in dem sich das Sacharow-Zentrum befindet, gehört der Stadt Moskau, die es den Aktivisten mietfrei überlässt, was erstaunt. Das gegenwärtige russische Regime wolle zwar die Kontrolle, sei aber nicht totalitär, erklärt Sergej, deswegen könnten Dinge koexistieren, die widersprüchlich erscheinen. Er glaubt, dass es zu aufwändig wäre, ein totalitäres System aufzubauen. Und doch könne es jederzeit geschehen, dass das Zentrum unter einem Vorwand geschlossenen werden könnte, zum Beispiel aus mangelndem Brandschutz.

Sergej gibt sich trotz aller Schwierigkeiten optimistisch, sieht Anzeichen für ein wachsendes Zivilbewusstsein. Demonstrierende seien jünger geworden, Kompetenzen im Bürgerengagement steigen, die Bereitschaft Polizeigewalt und die Zustände in der U-Haft zu tolerieren, sinke. Es gebe eine Wertedifferenz zwischen Bürgerrechtlern und denen auf der anderen Seite, die aber nicht im Einklang mit der Zeit stünden und er glaubt, dass eine neue Zivilgesellschaft in Russland entsteht.


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