Farbfoto: Viele Menschen mit Kindern halten rote, blaue und weißen Pappschilder in die Luft, um daraus die russische Flagge nachzubilden.

3.2.2020 | Von:
Angelika Staudinger

Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in einem "anderen" Land

Russische Schüler beim Spielen auf dem Flur einer Schule während einer Pause.Russische Schüler beim Spielen auf dem Flur einer Schule während einer Pause. (© picture-alliance/dpa, Sputnik)

Wer wirken möchte, drückt sich heute nicht mehr in Thesen und Geboten aus, sondern nutzt ganz "Kind der Zeit" die Inszenierung, den Auftritt! Zwei Momentaufnahmen aus dem Oktober 2019 versuchen zu beschreiben, wie dies auf die Teilnehmenden der MOE-Studienreise wirkte. Die beiden "Inszenierungen einer gelungenen Kinder- und Jugendbeteiligung" jedenfalls, die im Rahmen "Bürgerhaushalt in Russland" geboten wurden, hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Die eine ereignete sich in Balaschicha, einem Vorort im Osten Moskaus, die andere in einer nordöstlich vor Jaroslavl gelegenen kleinen Dorfgemeinde. Hier entstand mit durchaus auch bei uns gängigen Methoden der Kinder- und Jugendbeteiligung - gemeinsam besprechen, um was es geht, planen, Malwettbewerb und Modelle bauen - ein kleiner Bürgerpark mit großem Spielplatz, etwas Kunst, Sitzplätzen, Teich und die Sanierung einer Gedenkstätte für die Opfer des 2. Weltkriegs. Wohl nicht die vordringlich zu lösenden Probleme der Gemeinde, aber sicher die "Unpolitischsten". Die Arbeit der Initiativgruppe aus Jung und Alt, die 2017 startete, wurde mit so authentischer Freude vorgetragen, das sehr gut herauskam, welchen Gewinn es bringt, etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen. Verwirklicht werden konnte das Projekt auch und gerade wegen des Engagements der Einwohner, die die Kofinanzierung über Papiersammlungen lösten und beim Pflanzen der Gehölze und Stauden vor Ort mithalfen.

In einer Schule in Balaschicha erwartete uns "eine der ersten Schulen mit Schülerhaushalt". Schüler/innen luden zum Empfang ein Samen für den neuen Schulgarten zu säen. Das sich dieser, eines der beiden Schülerhaushalt-Projekte, dann als ökologisch zweifelhafter Steingarten nebst 3 konventionellen Grünstreifen entpuppte, war eher traurig. Das zweite Schüler-Projekt: ein Aufzug für Rollstuhlfahrer verstimmte die Gruppe zunehmend. Nicht das die Schüler/innen diesen berechtigten Wunsch gehabt hatten, sondern, das sie ihn für eine Schule haben mussten, die erst vor kurzem "inklusiv ausgelegt" gebaut worden war, wie uns die Direktorin anpries.
Dazu kam der schlecht inszenierte Ausschnitt der öffentlichen Sitzung des Landrates (Duma-Sitzung), in den Schüler/innen wie Lehrkräfte, stumme Zaungäste und ein Teil der Stadtduma wie der kommunalen Ämter verwickelt waren. Der zur Projektpräsentation angetretenen Schülerin und einer Lehrkraft jedenfalls schenkten die Kommunalpolitiker und Verwaltungsleute keinerlei Aufmerksamkeit. Zudem wurde angedeutet, dass ohne das die Schüler/innen bzw. die Schule zusätzliche "Finanzen findet", nichts weiter passieren kann. Der Staat lässt sich so staatliche Pflichtausgaben aus den Geldern der Einwohner einer Kommune direkt zu finanzieren.

Bereits vormittags erläuterte das Forschungsinstituts des Finanzministeriums (nifi), das das staatliche Programm "Bürgerhaushalt in Russland" begleitet, die unterschiedliche Handhabung der Bürgerhaushalt-Projekte. So sollten - und müssen wohl, weil das Geld oft nicht ausreicht - die Gemeinden für ihre Projekte der Bürgerbeteiligung zusätzliche Finanzierungen generieren, sofern es nicht Straßenbau betrifft.

Ein Traum daher für die Schule wie Stadtduma, dass in einigen deutschen Kommunen die Mittel einer Jugendjury oder eines Schüler/-innenhaushaltes für die Projektideen von Kindern und Jugendlichen in den laufenden Haushalt eingestellt sind, inklusive der Regiekosten dafür. Es wäre deshalb eine Vermessenheit die heutigen Errungenschaften zur Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland mit den sehr eingeschränkten Möglichkeiten in der bestehenden Autokratie Russlands zu vergleichen. Unrühmlicher weise hat es in Deutschland ja auch fast 40 Jahre gedauert bis die Bürgerbeteiligung und damit letztendlich die Kinder- und Jugendbeteiligung den jetzigen Stellenwert in Politik und Verwaltungshandeln erreicht hatte. Und auch in deutschen Kommunen ist nicht alles Kinder- und Jugendbeteiligung, auf dem dieses Etikett klebt, geschweige denn gelungene.

Zunehmend querschnittsorientiertes Verwaltungsdenken sowie die neuen Jugendförder- und -beteiligungsgesetze und die Aufstellung von Jugendförderplänen, aber auch die Furcht vor dem Verlust der Demokratie bei jungen Menschen mögen allerdings in den letzten 5 Jahren diesen Qualitätssprung herbeigeführt haben. Dennoch ist auch bei uns der Weg zur gelungenen Kinder- und Jugendbeteiligung oft ein noch sehr steiniger.


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