Farbfoto: Viele Menschen mit Kindern halten rote, blaue und weißen Pappschilder in die Luft, um daraus die russische Flagge nachzubilden.

3.2.2020 | Von:
Johanna Böhme und Andrea Seeger

Hinter Gittern

Ruslan Vahapov.Ruslan Vahapov. (© Elena Kuch)

Die Vahapovas: eine ganz normale russische Familie. Mutter, Vater, zwei Kinder, Wohnung, Job, einmal im Jahr Urlaub am Meer. Doch das war einmal – in einer guten Vergangenheit. Die Gegenwart ist weniger gut.

Ruslan Vahapov, Jahrgang 1981, arbeitete als Fahrer bei einem Bauunternehmer. Dann kam der Tag, als er am Straßenrand pinkelte. Gegenüber war ein Kindergarten, Mädchen und Jungen schauten ihm dabei zu. Es kam zu einem Konflikt. Die Polizei tauchte auf. Der junge Familienvater kam in Haft. Kinderschänder nannten sie ihn. Das Urteil: gut fünfeinhalb Jahre Haft.

Vahapov, ein Kerl wie ein Baum, fast zwei Meter groß, verbrachte wertvolle Jahre seines Lebens in U-Haft, einer Strafkolonie, einer Arbeiterkolonne und anderthalb Jahre in einer Isolierzelle. Im Gefängnis in Jaroslawl müssen sich 170 Männer zwei Räume teilen. Es gibt vier Duschen für 1500 Häftlinge. Wer sich waschen darf, bestimmt das Wachpersonal. Folter ist an der Tagesordnung, Korruption auch.

Vor einem Jahr ist Ruslan Vahapov entlassen worden. Frei ist er nicht. Denn drei Jahre lang wird er überwacht. Er muss um 22 Uhr zu Hause sein, darf das Haus vor 6 Uhr nicht verlassen. "Ich kann noch nicht einmal ins Kino gehen", erklärt er. Wenn er den Ort verlässt, muss er sich abmelden. Er trägt eine Fußfessel, jeder seiner Schritte kann beobachtet werden. Alkohol meidet er, aus Angst, dass die Polizei ihn erwischt.

Die Familie wohnt in einem neunstöckigen Haus. Fährt er mit dem Aufzug und Kinder befinden sich in seinem Umfeld, bekommt er Panikattacken.

Was ihm geholfen hat während der schweren Jahre im Gefängnis? "Meine Frau und meine Familie", sagt er. Die Familie stammt aus dem Nordkaukasus, umfasst 70 bis 80 Mitglieder, ist über das ganze Land verteilt und hält zusammen. Ehefrau Julija ist eine starke Frau. Sie kämpft um die Ehre ihres Mannes. Sie engagiert sich unter anderem in der Wohltätigkeitsstiftung "Russland hinter Gittern". Die Stiftung bietet juristischen Beistand, Sachspenden aller Art und offene Ohren für die vielen Probleme der Inhaftierten und ihrer Angehörigen.

Haben die Kinder, heute 15 und 17 Jahre alt, Nachteile in Kauf nehmen müssen? "Nein", erwidert die Mutter, "sie haben nie etwas gesagt." Vielleicht, weil sie ihre Eltern schützen wollen.

Zwei Mithäftlinge von Ruslan Vahapov sind ausgewandert, der eine nach China, der andere in die USA. Die Vahapovs würden auch gerne weg – aber ohne Pass ist das unmöglich. Fragt sich, wie ihre Zukunft aussehen wird!


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