Farbfoto: Viele Menschen mit Kindern halten rote, blaue und weißen Pappschilder in die Luft, um daraus die russische Flagge nachzubilden.

3.2.2020 | Von:
Johannes Heilmaier

Marina – Die traurige Schauspielerin

Blick in die Moskauer U-Bahn Station "Sokolniki Uliza".Blick in die Moskauer Metro-Station "Sokolniki Uliza". Lizenz: cc publicdomain/zero/1.0/deed.de (Ivangricenko / Wikimedia Commons)

Moskau, ein trockener Herbsttag im Oktober 2019, relativ warm für russische Verhältnisse, dennoch der Winter kündigt sich langsam an. Das Laub fiel bereits von den Bäumen, dadurch sieht man 20-stöckige Hochhäuser, ringsum. Unsere Metro hält an der Station Sokolniki Uliza im nördlichen Osten Moskaus. Wenige Leute steigen aus. Es ist Nachmittag. Viele Moskauer sind zur Arbeit, ebenso viele verstecken sich in den tausenden Wohnungen der massiv gebauten Hochhäuser. Bauten aus den 70ern. Ein Hauch von kommunistischer Wohnbaupolitik der Breschnew-Zeit ist zu spüren.

Mit dem Aufzug, der maximal 3 Personen fasst, geht’s in den 7. Stock. Eine schrillende Glocke kündigt unseren Besuch an, wir werden bereits erwartet. Marina Ganach, eine 30 jährige, jugendlich wirkende, schlanke Frau mit einjährigem Kind auf dem Arm öffnet uns. Das Baby macht große Augen. Ungewöhnlich, dass so viele fremde, neue Menschen sich über das brave Kind beugen. Der Junge heißt Lew, der Löwe. Er hat das Sternzeichen Löwe, und die Kraft des Löwen soll er bekommen, erklärt uns die nachdenkliche Mutter später. In der geräumigen 3-Zimmer Wohnung halten sich zeitweise bis zu 6 Personen auf.

Die Antwort auf die Frage wo Lew´s Vater sei, bekommen wir ohne dass wir fragen. Im Sommer 2018 kämpfte er noch auf den Straßen Moskaus für die Rechte der Demokratie, nun ist er ein reicher Student in den USA, vom Vater finanziert. Dieser schrieb vor anderthalb Jahren diese eine SMS, dass sein Sohn die Beziehung beendet. Seither ist kein Kontakt mehr da. Das Kind interessiere ihn nicht, finanzielle Unterstützung auch nicht. Gesetzlich ist nichts geregelt, so dass die eigene Familie versucht sich über Wasser zu halten. Nachdenklich und wehmütig spricht die hübsche Mutter über den "Verrat" an ihr und dem kleinen Lew.

Ihre Augen und die Stimmung hellen sich auf, als sie beginnt über ihre Leidenschaft, dem Theater zu sprechen. Die im klassischen Ballett ausgebildete Tänzerin hat immer wieder ein Engagement im "teatr.doc". Einem Dokumentationstheater im Untergrund – unabhängig und eigenfinanziert. Politische Themen werden inszeniert und kritisch auf die Bühne gebracht. Manchmal zu kritisch. Das teatr.doc hat sich darauf spezialisiert, die alltägliche Lebensrealität in Russland in ihren vielfältigen Facetten möglichst ungeschminkt darzustellen. Die Gruppe war bereits mehrmals im Ausland (Boston, Berlin,…) engagiert. Diese Bekanntheit hilft, der Staatsmacht nicht wehrlos ausgeliefert zu sein. Denn die Darsteller werden beobachtet, unscheinbar, aber man spürt es. Aktiver Widerstand auf der Straße wäre richtig aber sehr gefährlich, und das Kind braucht seine Mutter resümiert die hübsche Mutter mit traurigen Augen.


Buergerhaushalt.org ist die zentrale Anlaufstelle in Deutschland für alle Interessierten zu Fragen rund um den Bürgerhaushalt. Neben Basisinformationen zum Thema Bürgerhaushalt können Sie sich hier über aktuelle Bürgerhaushaltsprojekte im deutschsprachigen Raum und weltweit informieren, praktische Tipps und Material zur Umsetzung finden und von den Erfahrungen anderer Experteninnen und Experten aus der Bürgerhaushaltspraxis profitieren.

Mehr lesen auf buergerhaushalt.org