Farbfoto: Viele Menschen mit Kindern halten rote, blaue und weißen Pappschilder in die Luft, um daraus die russische Flagge nachzubilden.

3.2.2020 | Von:
Christoph Dieckmann

Pasternak in Peredelkino

Russische Reisenotizen

Farbfoto: Die braune Datscha von Boris Pasternak in Peredelkino umgeben von Wald.Die Datscha von Boris Pasternak in Peredelkino. (© picture-alliance/dpa)

Nicht die Kunst – die russische Zivilgesellschaft stand im Zentrum dieser dicht getakteten Studienreise der Bundeszentrale für politische Bildung. Zwei Ausnahmen gab es. Im Moskauer Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater erlebten wir "Schwanensee": l´art pour l´art in Vollendung. Das klassische Ballett erzeugte den größtmöglichen Kontrast zu unserem Besuch der dreitausend herrenlosen Tierheim-Hunde, mit dem der Tag begonnen hatte. Am Schlußtag fuhren wir nach Moskau-Peredelkino, in die Schriftsteller-Waldsiedlung, die 1934 auf Initiative von Maxim Gorki eingerichtet wurde. Wir suchten und fanden auf dem allgemeinen Friedhof den weißen Grabstein von Boris Pasternak, belegt mit roten Blüten. Sodann beschauten wir das doppelstöckige Holzhaus, in dem Pasternak bis zu seinem Tod 1960 lebte. Seine Witwe Sinaida und ihr Sohn wohnten hier bis 1984, dann mußten sie ausziehen. In den neunziger Jahren gelang es, das schlichte Haus als Literaturmuseum zu etablieren.

Man sieht Pasternaks Heim, wie er es bewohnte. An den Wänden hängen Zeichnungen seines Vaters Leonid – Pasternaks Schwestern Josefina und Lidija, bukolische Szenen, Illustrationen zu Tolstois "Auferstehung". Das eindrücklichste Bild ist eine Photographie vom 24. Oktober 1958: Boris Pasternak im Kreise der Familie, mit erhobenem Glas. "In seinem Gesicht", schrieb Marina Zwetajewa, "liegt etwas von einem Araber und seinem Pferd zugleich, überwach lauschend …" Soeben wurde er aus Stockholm angerufen und erfuhr, daß ihm für seinen Roman "Doktor Shiwago" der Literatur-Nobelpreis zuerkannt worden ist.

Empfangen hat er ihn nicht. Er wies die Ehrung ab, aus Angst. Niemals hätte Pasternaks Epochenepos über die Schrecken der oktoberrevolutionären Machtergreifung in der Sowjetunion erscheinen können. Die Erstausgabe verlegte 1957 Feltrinelli, auf Italienisch. Daheim wurde Pasternak als "räudiges Schaf" und antisowjetischer Verleumder angeprangert. Man warf ihn aus dem Schriftstellerverband. Er sandte eine Entschuldigung an den Kreml-Gebieter Nikita Chruschtschow. Er fürchtete seine Ausbürgerung. Er schrieb (übersetzt von Rolf-Dietrich Keil):

Bin am End: ein Tier im Netze

Fern gibt's Menschen, Freiheit, Licht

Hinter mir der Lärm der Hetze

Und nach draußen kann ich nicht


Pasternaks Gedicht "Der Nobelpreis" schließt (übersetzt von Elke Erb):

Mit dem Hals schon in der Schlinge
Wünsche ich noch unverwandt,
Daß die Tränen mir wie immer
Trockne meine rechte Hand


Den Nobelpreis bekam dann 1965 der regimetreue Michail Scholochow. Erst 1989 nahm Jewgeni, Pasternaks Sohn aus der ersten Ehe mit Jewgenija Lourié, bei einer postmortalen Zeremonie in Stockholm den Preis für seinen Vater in Empfang.

"Doktor Shiwago" war meine Reiselektüre. Wie seltsam, daß mein Buch den Raum besuchte, in dem es geschrieben worden war. Die vorzügliche Führerin schilderte uns Pasternaks wechselvolles Leben, seine frühe Hinwendung zur Musik (inspiriert und gefördert durch Alexander Skrjabin), dann zur Philosophie (während des Studiums in Marburg bei Hermann Cohen und Nicolai Hartmann). Als existentielle Lebensprägung, ja als zweiten Geburtstag empfand Pasternak den 6. August 1903, als er, dreizehnjährig, unter die Hufe einer Herde von Pferden geriet. Er überlebte mit knapper Not. Nach langem Siechtum blieb sein rechte Bein verkürzt. Das, so Pasternak, habe ihn zeitlebens vor dem Krieg bewahrt. Die Führerin reproduzierte Pasternaks elegische Stimme: "August", jenes Gedicht aus dem Anhang des "Doktor Shiwago", das den Unfall mythisiert.

An unserem ersten Moskauer Abend begegneten wir in der Künstlerkneipe "Biber und Enten" fünf Polit-Aktivisten, die uns von staatlichen Schikanen und Manupulationen bei den Wahlen zur Stadt-Duma im Sommer 2019 berichteten. Zu später Stunde erschien ein umraunter Gast: der oppositionelle Dichter Andrej Orlow. Den Heldenpoeten verkörperte er ideal, ließ sich von seiner Muse hochprozentig tränken und posierte in einem T-Shirt, laut dessen Aufdruck die Krim den Krim-Tataren gehört. "Doktor Shiwago" nannte er ein mittelmäßiges Werk, das seinen Ruhm keineswegs verdiene. "Orluscha" übertrieb lustvoll, doch die Mäkelei war nicht ganz unbegründet. Pasternak, wesenhaft Lyriker, wollte Prosa ohne Hochkunst-Aura erschaffen, alltagssprachlich schlicht. Er leistete sich dramaturgische Sprünge, manch hölzernen Dialog und etlichen Schwulst, aber in den Rissen des Romans nistet die stalinistische Tragödie. Sie läßt auch die Herkunft des heutigen Rußland begreifen. Überall in Moskau begegnet man der sowjetischen Geschichte, geradezu bautragend in der Metro. Wie empfinden Russen im Jahr 2019 die Ideologie-Kathedralen der Stationen Komosomolskaja, Kiewskaja, Ploschtschadj Revoljuzii? Sakral? Museal? Ich hörte: Viele Ältere verehren Lenin noch immer, der mittleren Generation ist er egal, die Jugend weiß nicht, wer Lenin war.

Unsere Expedition war aufregend und erschöpfend; gewiß klingt sie in uns allen lange nach. Defizitär verliefen nur die ohnehin limitierten Besichtigungen. Die stadtgeschichtliche Führung durch Pereslawl-Salesski fiel der Zeitnot zum Opfer, die durch Kolomna wurde ins Abenddunkel verlegt. Im großartigen Jaroslawl war keinerlei Anschauung geplant. Frühaufsteher und Frühstücksverzichter ergatterten dennoch manche Impression. Natürlich reisten wir nicht als Touristen. Doch jeder Ort erschließt sich besser, wenn man selber sieht und spürt.


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