Ein Jahrhundert Religionsverfassungsrecht: Säkularität und Gesellschaft im Wandel

Der Umriss eines Kreuzes ist am Mittwoch (17.02.2010) an der Wand des Schwurgerichtsaals L111 im Landgericht Düsseldorf zu sehen. Das Mosaik-Kreuz wurde, wie alle übrigen Kreuze im Land- und Amtsgericht, abgenommen. (© picture-alliance/dpa)

Vom 28.-30.1.2020 fand die Konferenz "Ein Jahrhundert Religionsverfassungsrecht: Säkularität und Gesellschaft im Wandel" im Umweltforum Berlin statt. Das Programm gliederte sich in drei inhaltliche Schwerpunkte:
  1. konzeptuelle Reflexionen zum Verhältnis von Staat und Religion, Säkularität und Post-Säkularität mit einem Impulsvortrag von Prof. Jose Casanova;
  2. internationale und interreligiöse Perspektiven auf Religionsfreiheit mit Prof. Heiner Bielefeld und
  3. Geschichte und Gegenwart des Religionsverfassungsrechts mit Input von Prof. Riem Spielhaus und Dr. Hendrik Munsonius.
Jeder Themenschwerpunkt wurde neben den Impulsvorträgen, die das Thema aufrollten und einen kurzen Überblick zu Geschichte und aktuellen Kontroversen gaben, in fünf anschließenden Workshops vertieft. Die Workshops gaben den Teilnehmenden die Möglichkeit, zusammen mit ExpertInnen Einblicke in verschiedene Facetten des Themas zu erlangen. Umrahmt wurde die Konferenz von einer Podiumsdiskussion, Performances und Gesprächen mit Künstler*innen, die sich mit Musik, Satire, bildender Kunst oder im medialen öffentlichen Raum im Spannungsfeld von Religion und Säkularität bewegen.

Die Tagung wurde am 28.1. durch eine Podiumsdiskussion zu Religion im öffentlichen und digitalen Raum eröffnet. Die Gesprächspartner/-innen Theresa Brückner, Pfarrerin für Kirche im digitalen Raum im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg, Nemi El-Hassan, Journalistin, Poetry Slammerin, Assaf Levitin, jüdischer Kantor und die Moderatorin Anne-Francoise Weber, Deutschlandfunk Kultur ermöglichten einen persönlichen und alltagsnahen Einstieg in das Thema, der viele der im Laufe der Konferenz aufgegriffenen Kontroversen veranschaulichte und aufzeigte, welche Zuschreibungen, Projektionen und Haltungen Religion im öffentlichen Raum prägen.

Der erste Teil "Reflexionen zum Verhältnis von Religion und Staat" führte in den post-säkularen Diskurs ein und zeichnete die komplexer werdende religiöse/weltanschauliche gesellschaftliche Situation nach. Die Diversifizierung von Religion und entsprechend von Säkularität, ein komplexes Gefüge von Zugehörigkeit(en), diversen religiösen Praxen und neue Formationen religiöser und nicht-religiöser Gemeinschaften, legen eine sich verändernde Rolle, Bedeutung, Funktion und Formation der Religion nahe. Dies hat verschiedene Implikationen für das Verhältnis von Religion und Staat und die Ausgestaltung von Religionsfreiheit sowie Religionsverfassungsrecht, welchen im zweiten und dritten Teil nachgegangen wurde. So wurden am Nachmittag des 29.1. im Zuge des zweiten Programmschwerpunktes Fragen nach gesellschaftlichen Grenzen und Gelingensbedingungen der Religionsfreiheit aus religiöser und staatlicher Perspektive aufgeworfen, das Irritationspotential von Religionsfreiheit für staatliche und religiöse Akteure beleuchtet und Migration und religiöse Vielfalt im Kontext von Religionsfreiheit diskutiert. Am 30.1. diskutierten die Teilnehmenden mit ExpertInnen, ob das Religionsverfassungsrecht, das in Deutschland als Kooperationsverhältnis fungiert, noch zeitgemäß ist, ob das Gesetz die Vielfalt seiner (nicht-)religiösen Akteure adäquat vertreten und repräsentieren kann und ob es die vermeintliche Neutralität des Staates gewährleistet oder bestimmte lang- etablierte Gemeinschaften und Institutionen, die sich in diesem Rechtssystem besonders "beheimatet" fühlen, privilegiert.

Die Teilnehmenden repräsentierten ein breites Spektrum an Akteuren aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Bildung und Religion-/ Weltanschauung. Dies ermöglichte perspektivenreiche Diskussionen und Gespräche in den interaktiven Workshop-Phasen sowie in den Gesprächen nach den Impulsvorträgen. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass trotz der vielen Perspektiven und Meinungen eine konstruktive, wertschätzende und respektvolle Gesprächsatmosphäre vorherrschte, die dazu ermutigte, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und sich neues Wissen anzueignen.

Nachfolgend finden Sie Videoaufzeichnungen von Inhalten der Konferenz.

Zudem sind Gespräche mit den Impulsredner/-innen in Form kurzer Podcasts hier verfügbar.

Videos von der Veranstaltung

Ein Jahrhundert Religionsver-
fassungsrecht: Warum ist das wichtig?

Mahyar Nicoubin eröffnet die Konferenz

Mahyar Nicoubin beschreibt, wie sich Gesellschaft, Recht und unser Verhältnis zu Religion verändert haben und warum wichtige Fragen zum Zusammenleben neu gestellt und anders beantwortet werden müssen.

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Ein Jahrhundert Religionsver-
fassungsrecht: Vortrag von Prof. Dr. José Casanova

Prof. Dr. José Casanova spricht über Säkularität und Religion

Prof. Dr. José Casanova, der das Konzept der Post-Säkularität maßgeblich geprägt hat, spricht darüber, wie sich Säkularität wandelt, was an ihrer Stelle stehen könnte und an welchen Stellen verbreitete Narrative zu kurz greifen.

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Ein Jahrhundert Religionsver-
fassungsrecht: Religionsfreiheit

Prof. Dr. Heiner Bielefeldt spricht über das Irritationspotential der Religionsfreiheit

Warum ist Religionsfreiheit so ein umstrittenes Menschenrecht? Wer ist dadurch am meisten irritiert und warum? Prof. Dr. Bielefeldt erläutert, was die Religionsfreiheit zu einem fundamentalen Menschenrecht macht und warum sie so fragil ist.

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Ein Jahrhundert Religionsver-
fassungsrecht: Religionsverfassungsrecht damals und heute

Prof. Dr. Riem Spielhaus und Dr. Hendrik Munsonius

Prof. Dr. Riem Spielhaus und Dr. Hendrik Munsonius beschreiben, woher unser Religionsverfassungsrecht kommt, welche Fragen es beantworten will, wie sich die Auslegung im Laufe des Jahrhunderts verändert hat und ob es noch zeitgemäß ist.

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Ein Jahrhundert Religionsver-
fassungsrecht: Ein Rückblick

Dr. Vanessa Rau und Mahyar Nicoubin blicken auf die Konferenz zurück

Dr. Vanessa Rau und Mahyar Nicoubin resümieren die Konferenz und fassen die Hauptgedanken aus Vorträgen und Workshops zusammen.

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