28.5.2008 | Von:
Dietmar Timm

Glänzende Zukunft

Podcasting belebt den Hörfunkjournalismus

Gefährdet Podcasting den Hörfunkjournalismus? Dietmar Timm, der das gesamte Internet-Angebot von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur verantwortet, meint: "Nein, es belebt und befördert ihn." Warum? Das lesen Sie hier.

Impulsvortrag des Leiters Zentrale Aufgaben/Multimedia Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur, Dietmar Timm, anlässlich einer Fachkonferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Deutschen Welle zum Thema "Neue Öffentlichkeit? Was Videojournalismus, Bloggen und Co. für Gesellschaft und Auslandsrundfunk bedeuten".

Können Sie sich noch an die Zeit vor dem Internet erinnern? Und an das gute alte Radio? Sagen wir mal an die Zeit vor zwanzig Jahren. Da hörten Sie Radiosendungen - zuhause oder im Auto - und mussten ganz schön aufpassen, dass Sie nichts verpassten, vielleicht mal auf eine Wiederholung hoffen. Oder: Sie hatten Ihr Tonband- oder Kassettengerät immer startbereit. Ansonsten hatte es sich versendet, blieb vielleicht in der Erinnerung haften.


Und heute? Radiohören am Computer oder per Handy ? Kein Problem. Sie haben eine Sendung oder einen Beitrag verpasst? In vielen Fällen kein Problem. Audio on demand oder Podcasts - ich hoffe, Sie haben sich allmählich an die neuen Sprachschöpfungen gewöhnt - geben Ihnen die Möglichkeit, Radioinhalte oder -sendungen - vom Fernsehen will ich hier nicht reden, davon verstehe ich zu wenig - nachzuhören oder überhaupt zu hören, wann immer und wo immer Sie wollen. In den meisten Fällen per Internet übrigens auch nachzulesen. Schöne neue Radiowelt? Oder: Der beginnende Niedergang des guten alten Rundfunks?

Aber es ist ja noch schlimmer. Heutzutage kann nicht nur potentiell jeder eigene Inhalte produzieren - das ging übrigens schon lange -, er oder sie kann sie dank Internet verbreiten und jedermann zugänglich machen. Über die eigene Webseite oder per Podcasting. Wer braucht denn eigentlich noch das Radio?

Offenbar noch immer rund 50 Millionen Menschen in Deutschland. Das ist die Zahl der täglichen Radiohörer ausweislich der letzten Media-Analysen. Allerdings mit leicht abnehmender Tendenz. Das Radio ist also noch ganz lebendig. Im Vergleich dazu gibt es derzeit nach der ARD/ZDF-Online-Studie gerade einmal rund 40 Millionen sogenannte Onliner, also solche Menschen, die das Internet nutzen und darunter gibt es rund 3 Millionen sporadische und knapp 1,3 Millionen regelmäßige Podcastnutzer. Die nun wiederum mit weiterhin steigender Tendenz.

Müssen wir Radiomacher uns also Sorgen machen? Ja. Aber nicht in Panik verfallen. Und das tun wir ja auch nicht. Was ist denn in den letzten Jahren passiert?

Seit ungefähr zehn Jahren können Sie in zunächst annehmbarer, mittlerweile immer besserer Qualität Radioprogramme über das Internet empfangen, sogenannte Live-Streams. Ein neuer Übertragungsweg für Radioprogramme also. Der Unterschied zur guten alten Zeit: Sie stehen in Konkurrenz zu tausenden von Radioprogrammen weltweit. Aber die Konkurrenz belebt ja bekanntlich. Und das ist ja auch nur Radiohören auf anderen Wegen.

Dann aber kam es knüppeldick. Den nächsten Schritt, Audio on demand, zeitunabhängiges Hören von Radioinhalten am Computer haben wir noch selbst getan. Auch das Deutschlandradio. Seit dem Mai 2004 bieten wir alle Inhalte von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur - damals hieß das noch DeutschlandRadio Berlin -, an denen wir über die entsprechenden Nutzungsrechte verfügen, zum Nachhören an. Und das mindestens drei Monate zurück. Unsere Hörer waren und sind begeistert. Aber wir haben ja auch wortgeprägte Programme.

Musikprogramme wurden da in Ansätzen schon eher gebeutelt. Musik-Downloads per Internet, zunächst illegal dann legal, wurden möglich und genutzt. Wer brauchte da noch Musikprogramme im Radio. Nur noch die Älteren? Aber damit nicht genug. Nun fingen sie auch noch an, ihre eigenen Wortprogramme zu verbreiten. Podcasting wurde im Jahr 2005 zur Mode und das alte Radio mal wieder totgesagt.

Aber hatte es nicht auch den Tritt verdient? Podcasting war und ist ja ein Mittel zur Verbreitung von Wort. Da haben diejenigen, die von klassischen Radioprogrammen nicht mehr bedient wurden, weil die Massenprogramme meinten, den dummen Hörern zwischen der Musik nur noch Wortbeiträge von höchstens einer Minute dreißig zumuten zu können - das nennt man Formatierung -, eben zurückgeschlagen. Das, was die Menschen im Radio vermissten, haben einige nun eben selbst produziert und per Podcasts verbreitet. Das ging und geht ja auch ganz einfach.

Nun wurde es gefährlich. Aber: Das gute alte Radio hat die Signale verstanden. Es dauerte nicht lange, da boten auch die Radioprogramme ihre eigenen Podcasts an, wir vom Deutschlandradio seit drei Jahren, heute haben wir rund 80 Podcasts aus beiden Programmen im Angebot. Und die werden auch genutzt. Gut 300 000 Abonnements hatten unsere Nutzer im November 2007, mehr als zwei Millionen Audio-Dateien wurden bei uns auf diesem Weg im gleichen Monat abgerufen. Und das ist Radio. Schließlich wollen wir ja, dass unsere gebührenfinanzierten Inhalte gehört werden. Auf welchem Weg ist doch fast egal.

Das gute alte Radio hat sich also bisher ganz gut auf diese neue Entwicklung eingestellt. Und noch ein gutes hatte die Podcast-Mode. Plötzlich wurde im Zusammenhang mit Radio wieder über Wortinhalte geredet. Plötzlich haben auch private Rundfunkveranstalter überlegt, wieder mehr Wort ins Programm zu nehmen.

Aber: Wie geht es weiter? Und damit sind wir bei Frage: Gefährdet Podcasting den Hörfunkjournalismus? Meine Antwort lautet: Nein, es belebt und befördert ihn. Warum? Das Radio hat sich längst verändert. Es werden nicht nur die neuen Verbreitungswege wie Internet oder Handy genutzt. Audio on demand, Podcasting, Blogs, User generated content, die Radiosender sind dabei. Und dabei werden nicht nur ihre eigenen Inhalte erfolgreich genutzt, Inhalte der Nutzer selbst fließen auch in die klassischen Hörfunkprogramme ein. Ein Beispiel von Deutschlandradio Kultur. Mit dem "Blogspiel" wurden die Nutzer aufgefordert, eigene Audio-Inhalte zu erstellen, sie ins Netz zu stellen und über den Blog der Woche abzustimmen. Der kam dann auch ins Radioprogramm, übrigens - wie es sich gehört - mit dem üblichen Honorar.

Ein Wagnis, denn zum ersten Mal gaben wir an dieser Stelle die Programmverantwortung in der Auswahl von Beiträgen aus der Hand. Ein erfolgreiches Wagnis aber. Denn es hat sich gelohnt. Mittlerweile wurde das Blogspiel von der neuen Sendung "Breitband" abgelöst, das Prinzip wurde beibehalten.

Insgesamt also hat sich das Radio den Herausforderungen gestellt und sich weiter entwickelt. Übrigens scheinen die erwähnten Pocastnutzer das auch zu würdigen. Im letzten Jahr hat House of Research die dritte Paneluntersuchung zur Podcastnutzung vorgelegt. Und da heißt es:"Podcastangebote von Hörfunk- und Fernsehsendern genießen eine hohe Akzeptanz - und diese gerade bei Zielgruppen, die sich tendenziell von klassischen Medien und tradierten Nutzungsmustern entfernen. Die Hörfunk- und Fernsehsender haben - zu Recht und mit gutem Erfolg - die Chance ergriffen, diese Zielgruppen auf neuen Vertriebskanälen anzusprechen und in Teilen auch wieder zu binden."

Wir haben also gute Chancen auch in der Zukunft, wir müssen sie aber nutzen. Und das ist bitter nötig. Bereits heute gibt es eine Riesengruppe junger Menschen, die überhaupt kein Radio mehr hören. Die müssen wir zurück- oder überhaupt erst einmal gewinnen. Und wenn nicht auf den klassischen Vertriebswegen, dann auf den neuen. Das geht aber nur mit Qualitätsangeboten. Und damit komme ich zum letzten und auch wichtigsten Punkt. Vorhersehen kann man heute angesichts der rasanten Entwicklung nicht mehr viel, eines aber sehr wohl: Das Angebot an Radioinhalten, übrigens natürlich auch an bewegten Bildern und verschriftetem Wort, wird in der Zukunft immer unüberschaubarer. Radioanbieter konkurrieren längst nicht mehr nur mit Radioanbietern, sondern bei bereits existierenden und künftigen Empfangsgeräten mit TV, Video on demand, Audio on demand, Podcasts und Vodcasts, Spielen etc. Da kann sich dann - hoffentlich - nur Qualität durchsetzen, die mit einer starken Marke verbunden wird. Und Qualität heißt für mich noch immer journalistische Qualität.

In einem unüberschaubaren Angebot sind Orientierung und Einordnung gefragt. Und das ist und bleibt eine klassische Aufgabe seriösen Journalismus. Wer diese Aufgabe nicht ernst nimmt, hat hoffentlich verloren. Zu Recht.

In diesem Sinne hat der Hörfunkjournalismus eine glänzende Zukunft. Übrigens haben Hörfunk und Fernsehen, wenn sie den Qualitätsauftrag ernst nehmen, gegenüber den ach so schnellen neuen Verbreitungswegen immer noch einen Vorteil, der nach allen heutigen Erkenntnissen wohl auch bleiben wird: In der Live-Berichterstattung. Schneller als Live geht nun einmal nicht.