19.3.2008 | Von:
Inge Seibel-Müller

Regionale Kompetenz als Überlebensstrategie

Ob Handy-News, Web-TV oder Podcasts - viele Verlage sind dabei, die Marke Zeitung auf verschiedenen Kanälen zu etablieren. Die Stärke gegenüber allen Wettbewerbern sehen sie in ihrer lokalen und regionalen Kompetenz. Das Lokalradio sollte aufpassen, dass es crossmedial nicht ins Hintertreffen gerät!

Wenn die lokale Zeitung "rund um die Uhr auf allen Kanälen funken" will - dann spätestens wird es Zeit, dass die Lokalradios aufwachen und sich für die crossmedialen Aktivitäten der Printkollegen interessieren. Ein aufschlussreicher Seminarreader des bpb-Modellseminars "Erfolg auf allen Kanälen" steht jetzt bei www.drehscheibe.org als pdf-Datei zum Download bereit.

"Was wir zu bieten haben, ist regionale Kompetenz, damit müssen wir wuchern", unterstrich erst kürzlich Ralf Uwe Heer, Chefredakteur der Heilbronner Stimme, die Position seiner Zeitung. Das war Anfang März beim Crossmedia-Modellseminar der bpb für Printjournalisten. In Klink an der Müritz tauschten Blattmacher und Chefredakteure aus rund 40 Lokalredaktionen eine Woche lang ihre Erfahrungen mit der neuen crossmedialen Arbeitswelt aus.
Ausschnitt aus dem Journalistenreader für crossmediale Arbeitstechniken.Ausschnitt aus dem Journalistenreader für crossmediale Arbeitstechniken.


In Arbeitsgruppen entwickelten die Printprofis Rezepte, wie neue mediale Arbeitsfelder im lokalen Tagesgeschäft umsetzbar und welche Schulungen nötig sind. Zentrale Fragestellung: Wie kann es gelingen, die internetaffine Jugend zur Marke Zeitung zu bringen? Klare Erkenntnis: Der crossmediale Auftritt im Internet spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Es gibt Prognosen, wonach in wenigen Jahren das Internet das zentrale Nutzungs- und Werbemedium sein wird. Im Vergleich zu den Zeitungen sind die Lokalradios in punkto Internetpräsenz zweifelsohne im Nachteil. Zeitungsverlage investieren zur Zeit wesentlich stärker in ihre Onlineauftritte als die Kollegen vom Hörfunk.

"Traut Euch" - wie Lokalzeitungen mit Crossmedia experimentieren

Der "Kölner Stadtanzeiger", die "Heilbronner Stimme" oder der "Südkurier" aus Konstanz experimentieren bereits erfolgreich crossmedial. Ihre gesammelten Erfahrungen und ausbaufähigen Geschäftsmodelle stellten sie während des Seminars an der Müritz vor. Vieles davon könnte auch für Lokalradios adaptierbar sein.

Knapp ein Jahr alt ist "Stimme TV", das Web-TV-Angebot der "Heilbronner Stimme". Drei Absolventen der Hochschule für Medien in Stuttgart hat der Verlag dafür eigens eingestellt. "Traut Euch" heißt beispielsweise eine Serie, in der sich Hochzeitspaare vorstellen. Den Gewinnern winkt eine Traumhochzeit. Sponsoren finanzieren das Projekt. Für Eishockey-Fans werden die Pressekonferenzen der "Heilbronner Falken" ins Netz gestellt.
Podcast LOGO GTPodcast LOGO GT

i

Podcast beim Göttinger Tageblatt

Das Göttinger Tageblatt bietet wöchentlich aktualisierte Podcasts an. Die Redaktion verzeichnet bis zu 1000 Abrufe pro Tag. Die Beiträge werden von den Redakteuren gesprochen und in einem eigens dafür eingerichteten Aufnahmeraum produziert. Unter anderem gibt es einen Mundart-Podcast, ein moderiertes Stammtischgespräch und eine Kochsendung.

Beim Kölner Stadtanzeiger gestaltet die Lokalredaktion ihre Online-Seiten teilweise selbst. Ein neu eingeführter Frühdienst ab 7 Uhr stellt die Aktualität des Angebotes sicher. Auch reine Online-Angebote wie das "Hauptstadtblog" aus Berlin setzen auf regionale Kompetenz. Im Jahr 2005 gingen die Blogger, die aus allen Bezirken der Hauptstadt berichten, an den Start. Inzwischen ist die Berichterstattung der virtuellen Zeitung detaillierter und ausführlicher als die etablierten Blätter.

Redaktionen müssen vernetzt denken

Bei aller Euphorie und Aktionismus, manch einem Verlagsmanager gehen die Internetaktivitäten noch nicht weit genug. So warnte Raimondo Sanna, Chef der Munich Online GmbH, einem Tochterunternehmen der Verlagsgruppe Münchner Zeitungsverlag, dass Fehler aus den 90er Jahren schon wieder begangen würden. Damals verloren die Verlage ihre einträglichen Rubrikenmärkte an neue Anbieter im Internet wie eBay, mobile.de und immobilienscout24.

Um inhaltlich einen erfolgreichen crossmedialen Kurs einzuschlagen, sieht Sanna jedoch noch andere Probleme: "Redaktionell gibt es bei vielen Regionalverlagen nach wie vor die Schwierigkeit, dass die Redaktionen in Print denken und Online als Konkurrenz sehen - obwohl die Gegner im Netz die Googles und tageszeitungsfremden Anbieter sind."

Der Seminarreader zum crossmedialen Arbeiten in den Lokalzeitungen ist auch für Radioredakteure spannend und erkenntnisreich.Der Seminarreader zum crossmedialen Arbeiten in den Lokalzeitungen ist auch für Radioredakteure spannend und erkenntnisreich. (© bpb )
Wer sich für die strategische Ausrichtung der Internetaktivitäten der Printkollegen interessiert, findet bei drehscheibe.org aufschlussreiches Material. Volker Dick hat im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung das Modellseminar redaktionell begleitet und einen ausführlichen Seminarreader erstellt. Im Reader sind kompakt die Podiumsdiskussionen, die Vorträge und die Berichte der Arbeitsgruppen zusammengestellt. Hier geht es zum Download: http://www.drehscheibe.org/weblog