15.1.2008

El Dorado für die Recherche

Nachrichtenmagazine und "Die ZEIT" schalten Archive frei

Recherchieren vor dem heimischen PC wird immer einfacher. "Die ZEIT" und das Nachrichtenmagazin "Focus" stellen ihr gesamtes Printarchiv kostenlos online. Der Spiegel arbeitet fieberhaft an der umfassendsten frei zugänglichen Recherche-Plattform im deutschsprachigen Internet. Beim Stöbern in den Archiven kann man auch viel Interessantes über die Geschichte des Hörfunks in Deutschland erfahren.

"Der einzige Spiegel, den ich bekämpfe, ist der Cholesterin-Spiegel", soll Focus-Übervater Helmut Markwort einst gesagt haben, als er zusammen mit Verleger Hubert Burda das neue Nachrichtenmagazin für Deutschland plante. Nachzulesen ist dies in der ersten Ausgabe des "Focus", die im Januar vor genau 15 Jahren erschien.
Die erste Ausgabe des "Focus" erschien am 18. Januar 1993.Die erste Ausgabe des "Focus" erschien am 18. Januar 1993. (© Cover )


Pünktlich zum Jubiläum schenkt das Blatt seinen Lesern nun das, was der Spiegel seit Monaten bereits ankündigt: "Focus" stellt ab sofort sein gesamtes Printarchiv kostenlos online. "Ein halbes Jahr haben wir daran gearbeitet, diese und viele weitere Schätze fürs Internet zu heben", sagt "Focus-Online"-Chefredakteur Jochen Wegner und kündigt an, in den kommenden Wochen zusätzliche Recherche-Funktionen frei zu schalten, um die Suche noch einfacher zu gestalten.

Bereits im Juni 2007 öffnete "Die ZEIT" ihr seit 1995 entstandenes Archiv, seit Dezember sind auch alle seit 1946 in der "ZEIT" erschienenen Texte frei zugänglich.

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" bereitet derweil sein Rechercheportal "Spiegel Wissen" vor, das vom Frühjahr an den kostenlosen Zugriff auf alle "Spiegel"-Artikel seit Gründung des Blattes 1947 ermöglichen soll. Bei www.wissen.spiegel.de stehen dann auch die Inhalte der Bertelsmann-Lexika und -Wörterbücher zur Verfügung. Nur die jeweils aktuelle "Spiegel"- Ausgabe bleibt kostenpflichtig. Acht Mitarbeiter arbeiten daran, dass "Spiegel Wissen" die umfassendste frei zugängliche Recherche-Plattform im deutschsprachigen Internet wird.

Vorsicht! Online-Archive bergen auch Fehler

Bei aller Euphorie sei Vorsicht geboten, meint Thomas Mrazek von "Onlinejournalismus.de" und zitiert aus einem Artikel der Zeitschrift "Message" (Ausgabe 1/2008, S. 80-83, "Die Tücken des Googelns", nicht online abrufbar) den Autor und Rechtsanwalt Endress Wanckel: "Informationen aus Online-Archiven müssen nicht zwangsläufig richtig oder vollständig sein."

Interessantes, manchmal Kurioses, erfährt man auch über die Geschichte des Radios, wenn man durch die Chroniken der Zeitungs- und Zeitschriftenarchive surft.Interessantes, manchmal Kurioses, erfährt man auch über die Geschichte des Radios, wenn man durch die Chroniken der Zeitungs- und Zeitschriftenarchive surft. (© Screenshot )


Suchbegriff: 'Radio'

In Zukunft können nicht nur Politiker und Parteien in den Online-Archiven von "Focus", "ZEIT" und "Spiegel" recherchieren, wie politisch ausgewogen Nachrichtenmagazine über sie berichten, auch für Hörfunker ist es interessant, in den Annalen zu stöbern. So protestierten laut einem "Focus"-Artikel aus dem Jahr 1998 noch die meisten Privatradiosender gegen die Digitalisierung. Digital Audio Broadcasting (DAB) hielten sie für überflüssig. Heute sind die meisten Pilotprojekte eingestellt, ein endgültiger digitaler Übertragungsstandard noch immer nicht gefunden und Millionen an Euros "versenkt".

Bei Focus liefert der Suchbegriff "Hörfunk“ 133 Ergebnisse, "Radio" wird 3080 mal erwähnt, "Rundfunk" bringt eine Trefferquote von 727 und das "Privatradio" gerade einmal 21.

"Das Comeback des Radios" anno 1976

Noch mehr Spaß - da ausführlicher und hintergründiger als die Focus-Sammlung - macht das Stöbern nach Hörfunkgeschichte in den Archiven der "ZEIT" und fordert Erstaunliches zu Tage: "Das Comeback des Radios" feierte beispielsweise 1976 Autor Peter Gödeke, denn der Hörfunk berichtete von den Olympischen Spielen in Montreal schneller und aktueller als das Fernsehen.

"Wozu ist dieses Medium gut?" fragte allerdings drei Jahre zuvor Michael Radtke in seinem Beitrag "Zur Situation des Hörfunks in der Bundesrepublik". Und was er vor 35 Jahren schrieb, dürfte sich bis heute höchstens noch zu Ungunsten des Radios verändert haben:

"Der Hörfunk kommt nicht vor. Innerhalb von zwei Novemberwochen im letzten Jahr konnten zwar unter 3000 Kritiken aus etwa 110 Tageszeitungen über 700 Fernsehrezensionen vermerkt werden; Hörfunkkritiken gab es ganze achtzehn. Die Programm-Illustrierten referieren die Sendungen der einzelnen Anstalten so klein gedruckt, daß man es gerade noch wahrnehmen kann. Dabei hören immer mehr Leute Radio"...