4.2.2009 | Von:
von Inge Seibel-Müller

Wahlen "on air"

Tipps für Radioredaktionen

Politik im Radio - langweilig? Im Gegenteil! Frische Ideen wehen durch den Äther. Der österreichische Privatsender "Life Radio" hat beispielsweise im vergangenen Jahr die "Wahl-Jukebox" erfunden. Nachahmen erlaubt!

2009 - das "Superwahljahr", nicht nur aufgrund der vielen Landtagswahlen. Am 7. Juni wählt Deutschland seine 99 Abgeordneten für das europäische Parlament. Ganz spannend wird es am 27. September, der Bundestagswahl. Dabei ist eines gewiss: An diesem Sonntag werden auch die Mainstreamwellen ihr Format brechen, mit Sondersendungen für die audiogerechte Begleitung der Wahl des neuen Bundestags.

An Wahltagen laufen Radioredaktionen regelmäßig zu Höchstleistungen auf, sitzt meist der Chefredakteur persönlich am Mikrofon, aus den Wahllokalen melden sich Chef vom Dienst oder Nachrichtenchef, die aktuellsten Hochrechnungen kommen als "Breaking News".

Das Diffizile sind die Wochen vor dem Ereignis. Hier konkurriert das Radio mit den Redaktionen der Tageszeitungen. Immer wiederkehrende Themen sind beispielsweise die Kandidatenportraits, Fragen an Politiker aus Kindermund, Straßenumfragen oder ein Tag im Leben eines Wahlplakateklebers.

Außerdem wächst die Konkurrenz im Internet. Für emotionale Nähe zum Hörer sorgen die Polit-Kandidaten mitunter inzwischen selbst. Begeistert von der multimedialen Wahlkampfstrategie des amerikanischen Präsidenten Barack Obama stellen sie selbstproduzierte Personality-Videos auf Youtube ein und nutzen das soziale Netzwerk Twitter zum Interview in 140 Zeichen. Der hessische SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel machte im Januar den Anfang.

Für Wolfgang Grossmann, Chef vom Dienst beim SWR1 in Mainz, Anlass genug, über die Rolle des Hörfunks im Wahlkampf differenzierter nachzudenken: "Verstehen wir uns selbst als Wahlhelfer oder als Wahlbeobachter? Wie ist die richtige Dosierung, damit die Berichterstattung in der heißen Wahlkampfphase nicht zum Overkill führt? Wie schützen wir uns davor, PR-strategisch inszenierten Aufregern auf den Leim zu gehen?" Für Grossmann liegt die Antwort in einer fundierten Wahlberichterstattung, die nicht nur auf Fun, Skandale und Sensationen ausgerichtet ist. "Wir müssen wissen, worüber wir reden", sagt Grossmann, "nur wer die politischen Prozesse und Wahlprogramme der Parteien kennt, kann sie für seine Hörer kritisch und verständlich aufbereiten, kann Floskeln und leere Versprechen enttarnen." Wer im Radio Wahlprognosen verkündet, sollte sich und seinen Hörern von einem Wahlforscher die Gesetze der Vorwahlumfragen und Hochrechnungen erklären lassen, meint Grossmann weiter.

In einem für den Mai geplanten zweitägigen Intensivworkshop "So tickt die Wahl" des Projektteams Hörfunk der bpb , will Grossmann im Kollegenkreis auch ausdiskutieren, wie sich Radiomacher der Gruppe der Wahlverweigerer nähern sollten, die offensichtlich immer größer wird.


Ullrich JelinekUllrich Jelinek (© privat )
Spielerisch ist das Thema Wahlen der österreichische Privatsender Life Radio aus Linz vor der Wahl zur Bundesregierung im vergangenen Herbst angegangen. Der Sender spielt im normalen Programm viel Musik - "was lag also näher, als die gute, alte Jukebox für eine außergewöhnliche Form der Wahlberichterstattung zu aktivieren?" sagt Programm-Geschäftsführer Ullrich Jelinek. Dafür nutzte der Sender seine Internetseite. Der Online-Verantwortliche entwickelte das Tool im Retro-Design. Die Funktionsweise war einfach: Der User wählt nach dem Start der Wahl-Jukebox den Kandidaten, der ihn interessiert. Danach gibt es nach dem Klick auf das jeweilige Thema zum Teil sehr persönliche Statements im Originalton zum Anhören. Die O-Töne waren zuvor von den Redakteuren des Senders eingeholt worden und wurden im Laufe der Wochen ständig ergänzt. Die Themen, zu denen die Kandidaten Stellung nahmen, waren sehr unterschiedlich: Zu politischen Fragen genauso wie zu privaten, wie "Was koche ich gern?". Das Angebot wurde zudem mit dem Radioprogramm verknüpft. Immer wieder wurden Hörer aufgefordert, beim Sender anzurufen und eine Frage zu stellen. Die Antwort wurde dann aus der Jukebox geholt. Jelinek: "Das Format ist gut gelungen und bei den Hörern angekommen."