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1.9.2009 | Von:
von Inge Seibel-Müller

"I vacationed with Obama"

Der erste Urlaub von US-Präsident Barack Obama samt Familie auf der noblen Ferieninsel Martha's Vineyard gehörte Ende August zu den Top-Themen amerikanischer Medien. Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Wochenmagazine, Radio- und Fernsehstationen haben Reporter, Fotografen und Kameraleute auf die Insel entsandt, auf der vor allem betuchte US-Bürger ihre Ferien verbringen.

Ob der Urlaub des Präsidenten auf Martha's Vineyard oder Edward Kennedys Tod in Hyannis - amerikanische Journalisten berichten häufig vom Ort des Geschehens und verzerren dabei nicht selten die Wirklichkeit.

TV-Reporter Bill Shields ganz konzentriert kurz vor der Live-Reportage aus Obamas Ferienort Martha's Vineyard.TV-Reporter Bill Shields ganz konzentriert kurz vor der Live-Reportage aus Obamas Ferienort Martha's Vineyard. (© is )
Bill Shields steht am späten Montagnachmittag an der Mole von Oak Bluffs auf Martha's Vineyard. Sichtlich nervös läuft der Mitfünfziger einige Schritte auf und ab, wirkt fast so wie ein Schauspieler, der vor einer Premiere noch einmal seinen Text rekapituliert. Der Kameramann vor ihm gibt Shields hin und wieder Zeichen. In wenigen Minuten wird sich der TV-Reporter "live" von Martha's Vineyard im Programm von "Channel 4 News" mit einem "Aufsager" melden. Thema ist der Urlaub von Präsident Barack Obama samt Familie auf der noblen Ferieninsel vor der Küste des US-Bundesstaats Massachusetts.

Obamas Urlaub gehört Ende August zu den Top-Themen amerikanischer Medien. Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Wochenmagazine, Radio- und Fernsehstationen haben Reporter, Fotografen und Kameraleute auf die Insel entsandt, auf der vor allem betuchte US-Bürger ihre Ferien verbringen. Das Preisniveau auf Martha's Vineyard soll immerhin 60 Prozent über dem US-Durchschnitt liegen, weiß ein Fremdenführer. Viele - und vor allem teuer wirkende Yachten, eine besonders lange schwarze "Streched Limousine", die an der Mole bereitsteht, sowie saftige Preise selbst für Snacks in den Imbissbuden von Oak Bluffs vermitteln den Eindruck, dass Pauschaltouristen hier eher die Ausnahme sind.

Keine Nähe zum Präsidenten

Der Präsident musste sich wegen der Wahl seines Ferienziels bereits im Vorweg reichlich Kritik gefallen lassen. Es sei unverständlich, dass er das teure Urlaubsdomizil in dem wohlhabenden Bundesstaat Massachusetts gewählt habe und nicht ins arme Kentucky oder Tennessee gereist sei, um damit seine Verbundenheit mit der "einfachen Bevölkerung" zu demonstrieren, nörgelten Kommentatoren großer US-Tageszeitungen. Stattdessen residiert Obama mit seiner Familie auf einem der nobelsten Anwesen auf Martha's Vineyard, weit abgeschirmt auch von den Journalisten, die nunmehr das Problem haben, vorgegebene Zeilen oder Sendeminuten mit Inhalten füllen zu müssen, ohne in die Nähe des Präsidenten zu gelangen.

Am Sonntagabend hatten Fernsehreporter behauptet, dass "Tausende Obama Fans" auf die Insel gekommen wären, um den Präsidenten willkommen zu heißen. T-Shirts mit Aufdrucken wie "I vacationed with Obama" seien "der Renner" in den Boutiquen und Souvenirläden von Oak Bluffs. Überhaupt befände sich die ganze Insel südlich von Boston im "Obama Fieber". Das muss allerdings schnell verflogen sein. Schon am Montag sind die Ausflugsschiffe vom Festland nach Martha's Vineyard nur mäßig besetzt. Obama-T-Shirts werden bereits als "Special Offers" zu deutlich reduzierten Preisen verschleudert.

Mischung aus Kommuniqué und Spekulationen

Bill Shields füllt seinen "Aufsager" von der Mole in Oak Bluffs an diesem Nachmittag mit einer Mischung aus dem offiziellem Kommuniqué, das der präsidiale Pressestab zwei Mal am Tag herausgibt und Spekulationen, die unter den anwesenden Journalisten kursieren: "Barack Obama hat heute so richtig mit seinem Urlaub begonnen und am Vormittag eine Stunde Tennis gespielt." Viel mehr weiß der TV-Reporter nicht zu berichten - und die Kollegen von der schreibenden Zunft auch nicht. Da ist es schon ein Glücksfall, dass der Präsident am folgenden Abend ein Thai-Restaurant in der kleinen Inselmetropole für das "Dinner" wählt. Damit auch alle Pressefotografen, TV-Kameras und ausreichend Schaulustige anwesend sind, wurden die Medien schon am Morgen über dieses "Ereignis" vorab informiert. Dafür gibt es reichlich Sendezeit in den "Late News" und zum Teil seitenlange Fotostrecken in den Tageszeitungen.

Am Mittwochmorgen ist dann der Wirbel um Obamas Urlaub plötzlich vorbei. Ganz in der Nähe von Martha's Vineyard ist in der Nacht Senator Edward Kennedy auf dem Anwesen der Familie in Hyannis auf der Halbinsel Cape Cod verstorben. Der jüngste der ehemals vier Kennedy-Brüder war nach über einjähriger schwerer Krankheit einem besonders aggressiven Gehirntumor erlegen. Für die US-Medien kam der Tod des 77jährigen nicht überraschend. Schon am frühen Morgen begannen Sondersendungen mit ausführlichen Dokumentationen über Leben, politische Leistungen und private Verfehlungen des Senators.

Mediale Trauer und fröhliche Urlauber

Als sich gegen sechs Uhr morgens die ersten Reporter "live" von der Zufahrt zum Familiengrundstück und aus dem Kennedy-Museum in der Main Street von Hyannis melden, entsteht der Eindruck, dass die ganze Region in tiefe Trauer verfallen sei und die Menschen zu Tausenden in den Ferienort pilgern würden, um Abschied von dem ebenso beliebten wie umstrittenen Politiker zu nehmen. Tatsächlich sind gegen Mittag jedoch nur etwa zwei Dutzend Menschen im Museum, um sich in die ausliegenden Kondolenzbücher einzuschreiben. Dabei hatte die Museumsleitung schon am Morgen den Eintritt für "Trauergäste" - wie an diesem Tag die Besucher bezeichnet werden - fallen gelassen.
Die Presse postiert sich vor dem Kennedy-Museum in Hyannis.Die Presse postiert sich vor dem Kennedy-Museum in Hyannis. (© is )


Mehr Betrieb herrscht auf dem kleinen Platz vor dem Kennedy-Museum. Dort haben sich Kamera-Leute und Reporter postiert. Passanten werden interviewt. Regelmäßig melden sich Fernseh- und Radioreporter mit Live-Berichten vom Ort des Geschehens. Gleich nebenan geht das bunte Ferientreiben munter weiter. So werben "Duck Tours" mit ihren kunterbunten nostalgischen Amphibien-Fahrzeugen für Rundfahrten durch die Stadt und den Hafen. Urlaubsspaß pur mit der gut gelaunten Reiseleiterin Emily, die ihre Fahrgäste regelmäßig dazu bringt, lauthals "Quark, Quark" zu rufen. Nur kurz vor Ende des Ausflugs am Kennedy-Museum bittet sie um Ruhe. Fröhliche Touristen würden auch nicht in das mediale Bild von der Trauer um Edward Kennedy passen