23.10.2009 | Von:
von Inge Seibel-Müller

Recherche versendet sich nicht

Qualitätsjournalismus ist essentiell für die Demokratie. Doch seit die Krise die Medien erreicht hat, dreht sich alles um sinkende Werbeumsätze, um Personalabbau und düstere Zukunftsprognosen. "Gerade in diesen Zeiten ist hochwertiger Journalismus wichtiger denn je", sagt NDR Intendant Lutz Marmor und investiert antizyklisch in ein Mehr an unabhängiger Berichterstattung. "Die Menschen suchen nach Orientierung, nach verlässlichen Informationen und kritischer Berichterstattung", ist Marmor überzeugt. Alles das bietet nachweislich die Welle NDR Info.

NDR Info setzt auf fundierte Recherche und das mit großem Erfolg. Allein im Oktober veröffentlichten Redakteure des Nachrichtenkanals drei exklusive Beiträge, die allesamt aufmachertauglich waren.

23.10.2009. - Im Norden der Republik empfiehlt sich eine öffentlich-rechtliche Infowelle regelmäßig mit solide recherchierten Exklusivmeldungen zu brisanten Themen: NDR Info. Im Oktober beispielsweise deckten die Redakteure des Nachrichtenkanals schwere Datenpannen beim Finanzdienstleister AWD auf, berichteten als erste über den Schwarzmarkthandel mit Bundeswehrpistolen in Afghanistan und brachten die durch Staatshilfen in Milliardenhöhe gestützte HSH Nordbank in schwere Erklärungsnöte. Nach Erkenntnissen von NDR Info ist Bankchef Dirk Jens Nonnenmacher tief in hochriskante Wertpapiertransaktionen der Landesbank verstrickt. Die Recherchen der NDR-Reporter Peter Hornung und Jürgen Webermann verbreiteten sich in Windeseile über Nachrichtenagenturen, Fernsehen und Tageszeitungen.

Im Studio von NDR Info. Foto: NDR/Gita MundryIm Studio von NDR Info.
Foto: NDR/Gita Mundry (© NDR )
Das war kein spontaner Glücksgriff. Schon seit Monaten deckt das Reportertandem zweifelhafte Geschäftsgebaren bei der Landesbank auf. Peter Hornung und Jürgen Webermann gehören zum 2005 neu gegründeten Reporterpool des NDR. Sechs festangestellte Kollegen und drei wechselnde freie Hörfunkredakteure, angesiedelt bei der Infowelle des Norddeutschen Rundfunks, recherchieren täglich redaktionsübergreifend für Radio, Tagesschau und die Onlineredaktion des NDR. Wider den Verlautbarungsjournalismus sollen sie nachfragen, Gesagtes in Zweifel ziehen, Skepsis bewahren und bereit sein, die eigene Meinung zu korrigieren. Da darf auch mal mit langem Atem recherchiert werden, ohne jeden Tag etwas abliefern zu müssen.

Mut zur Investition

"Qualitätsoffensive" nennt der NDR seinen hohen Anspruch an journalistische Kompetenz und sieht seine Investitionen in glaubwürdigen, verständlichen und kompetenten Journalismus als Zukunftssicherung. Beim Jahrestreffen des "Netzwerk Recherche" in Hamburg forderte NDR-Intendant Lutz Marmor von Medienmanagern mehr Mut zur Investition in hochwertigen Journalismus: "Nur durch Recherche entsteht ein echter Mehrwert für die, die uns lesen, hören oder sehen."

Offensichtlich wird der Mehrwert vom Publikum erkannt. Die Zahlen sprechen für sich: In der MA 2009/II, der zuletzt veröffentlichten Reichweitenuntersuchung für Radioprogramme, erreichte die Infowelle aus dem Norden mit rund zwei Millionen Zuhörern im weitesten Hörerkreis einen neuen Bestwert. Täglich schalten 462.000 Menschen NDR Info ein.

Die Arbeit im Reporterpool von NDR Info

Peter Hornung arbeitet im Reporterpool der NDR Infowelle.Peter Hornung arbeitet im Reporterpool der NDR Infowelle. (© Hornung_privat )
Peter Hornung bringt alles mit, was man als Redakteur in dem journalistischen Prestigeprojekt "Reporterpool" von NDR Info braucht: langjährige Erfahrung als Hörfunkjournalist im aktuellen und politischen Bereich, eine gehörige Portion Neugierde und Hartnäckigkeit, sowie ein "Netzwerk", aus dem er Tipps und Hintergrundinfos bezieht. Seit Anfang des Jahres arbeitet der ehemalige Leiter des ARD Hörfunk- und Fernsehstudios in Prag bei der Infowelle des Norddeutschen Rundfunks. Seit wenigen Monaten gehört er zum festen Stamm der Journalisten im Reporterpool.

Die Mitarbeiter sind auf die Recherche und Präsentation von exklusiven Geschichten spezialisiert. Sie arbeiten intensiv mit anderen Redaktionen im NDR zusammen, zum Beispiel mit den Kollegen des Fernsehmagazins "Panorama". Morgens um halb Zehn trifft sich die Recherchemannschaft im Funkhaus zur informellen Konferenz: ein Reportageplaner, ein aktueller Reporter, zwei Wochenreporter, von denen, so Hornung salopp, "nicht jeden Tag ein Ei erwartet wird" sowie die festen freien Mitarbeiter. Entscheidend für die Themenauswahl ist der Grad der Relevanz für Hörer und Öffentlichkeit; gerne - aber nicht zwingend - mit norddeutschem Bezug. "Wir sind sozusagen die 'informelle Taskforce'", sagt Hornung, "unser Privileg ist es, dass wir auch ergebnisoffen recherchieren dürfen. Wir versuchen unter die Oberfläche zu dringen. Aus welchem Blickwinkel könnte man dieses und jenes Thema noch betrachten."

Generalisten mit Steckenpferd

Den Blick schärfen zahlreiche Hintergrundgespräche mit Experten und nicht zuletzt die Diskussionen im eigenen Team. "Im Prinzip", so Hornung, "sind wir alle Generalisten, wenn auch jeder mit einem gewissen Steckenpferd. Der eine kennt sich besser aus im Umgang mit Themen zum Rechtsradikalismus, der andere im Datenschutz." In der Regel aber arbeiten die Reporter an einer Story im Tandem. "Der Erfolg ist niemals der Erfolg eines Einzelnen", unterstreicht Hornung die Bedeutung des Teamgeistes. Dazu gehören auch die enge Kooperation mit dem Landesfunkhaus, mit den Kollegen im Wirtschaftsressort und der aktuellen Redaktion.

Und Schattenseiten der Recherche? - sieht Hornung wenige. Gelegentlich kämpft er als investigativer Journalist mit Auskunftsverweigerung. "Aber da helfen dann meist Hinweise auf die relevanten Gesetze", weiß der 42-Jährige. Ihm gefällt die tägliche Herausforderung, die seine Arbeit mit sich bringt. Das gilt auch für das Thema HSH Nordbank: Hier wollen Hornung und sein Kollege Webermann natürlich dran bleiben.