18.11.2009 | Von:
Bio Stephan Schmitter

Radio goes Social Media

Das Gerangel um die digitalen Übertragungswege, neue Konkurrenten im Netz, boomende Webradios, sinkende Werbeeinnahmen - derzeit gibt es viele Baustellen für Radiomanager. Nach anfänglicher Skepsis sehen neuerdings immer mehr Radiomacher in der Kombination aus Radio, Internet und mobilen Kommunikatiosmitteln ein "Dreamteam". Die Zeit drängt. "Wir müssen uns jetzt in Startposition bringen", sagt Stephan Schmitter, Radiomanager aus Berlin, "um die Marke Radio so relevant zu machen, dass wir weiterhin eine wichtige Rolle im Alltag der Mediennutzer spielen." Jede Menge Tipps, wie sich die Radiobranche für die Zukunft rüsten sollte, hat Schmitter jedenfalls parat.

Nie war der Blick in die Zukunft für Medienmanager so schwierig wie heute. Während die Printmedien vor dem großen Zeitungssterben warnen und von der Politik ein neues Leistungsschutzrecht für Verlage fordern, stochern viele Radiostationen im "digitalen" Nebel. Unter dem Schlagwort "Social Media" ist das Netz auf dem Weg zum "Echtzeitmedium", ein Privileg, das bisher dem Radio vorbehalten war. Droht den Sendern damit Gefahr? Wohin soll der Weg gehen? Sowohl technisch als auch inhaltlich gesehen gibt es viele offene Fragen.

Stephan Schmitter ist seit zwei Jahren Geschäftsführer des "Radio Center Berlin" (RCB). Zu dem Unternehmen gehören neben der RTL Radiovermarktung auch die Sender 104.6 RTL Berlin und 105'5 Spreeradio. Von ihm wollten wir wissen, wie sich seine Radiostationen für die Zukunft, für das kommende Jahrzehnt, wappnen?




"10 Jahre ist eine lange Zeitspanne und sie wird entscheidend getrieben sein von der technischen Entwicklung", meint Schmitter. "Vieles", so befürchtet er, "haben wir nicht selbst in der Hand. Wir müssen daher versuchen, uns in die richtige Position zu bringen." Dabei denkt Schmitter vor allem an die Hörer der Zukunft, an die "Digital Natives". Sie kennen kaum noch Schallplatten und sind in einer Zeit aufgewachsen, in der digitale Technologien wie Computer, Internet, Handys und MP3-Player wie selbstverständlich verfügbar waren. Sie tummeln sich auf Facebook, Youtube, bei iTunes und in Netzwerken wie SchülerVZ und Myspace. Communitys, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab und die man heute unter dem Schlagwort "Social Media" zusammenfasst. Nebenbei hören viele aber immer noch Radio.

Eine starke Marke: Radio

"Das ist das Beste", freut sich Schmitter, "wir als Radio finden neben all diesen neuen Tools bei der jungen, computeraffinen Zielgruppe auch noch statt! Wir sind immer noch große starke Radiosender, die millionenfach gehört werden und dadurch etwas bewegen können." Besonders optimistisch stimmt den Radiomanager, dass nach einer Zeit der Abstinenz, die neuen iPods mittlerweile auch den Radiotuner wieder im Angebot haben. Unschätzbar sei das, auf einem modernen Gerät wieder mit dabei zu sein. So hofft Schmitter, dass die technische Entwicklung in den nächsten Jahren so weit sein wird, alle Aktivitäten der jungen Zielgruppe auf einem einzigen Gerät zu vereinen.

Die Morningshow von 104.6 RTL Berlin hat bei Facebook eine eigene "Fanseite".Die Morningshow von 104.6 RTL Berlin hat bei Facebook eine eigene "Fanseite". (© Screenshot )
"Und jetzt müssen wir die wenige verbleibende Zeit unbedingt nutzen, die Marke Radio so relevant zu machen, dass wir neben Facebook und Schüler- oder StudiVZ weiterhin eine wichtige Rolle im Alltag der Mediennutzer spielen." Leichter gesagt, als getan. Aber Stephan Schmitter will den Worten Taten folgen lassen. Dafür hat er eine Liste von "ToDos" angelegt und wünscht sich für die Zukunft Mitarbeiter, die die Wünsche der "Digital Natives" auch verstehen. Mitarbeiter, die sich selbst im Netz sehr gut auskennen, die Verständnis für andere Gattungen entwickeln und am besten noch ein eigenes Blog betreiben.


Radio-Zukunft: Stephan Schmitters "ToDo"- Liste

1. Wir müssen die rasanten technischen Entwicklungen als "Radiofreund" und nicht als "Radiofeind" betrachten.

Zu diesen rasanten Entwicklungen zählt Schmitter das Netzwerk "Facebook". Erst seit dem Frühjahr 2008 wird die Website in deutscher Sprache angeboten. Weltweit zählt die Plattform über 300 Millionen Nutzer. Erst wenige deutsche Radiostationen sind hier mit einer Fanseite vertreten. Mit dabei: der RCB-Sender RTL 104.6 Berlin. "Arno und die Morgencrew" haben bereits über 6000 "Fans".

Wandel der Verbreitungswege des Radios. (Länge: 57 Sek.)
2. Wir sind auf dem Weg in eine Audiowelt, in der sich das Wort Radio vielleicht gar nicht mehr wiederfindet. Da das klassische Radio, der einzelne Stream, in der Zukunft nicht mehr ausreichen wird, müssen wir ihn mit neuen Techniken wie dem Bewegtbild verbinden.

3. Wir müssen neue attraktive Angebote und Applikationen für mobile Kommunikationsmittel wie das iPhone entwickeln, die für Gespräche sorgen. Nur so können wir auch unser "klassisches" Radio wieder ins Gespräch bringen.

4. Wir müssen eigene neue Marken schaffen und groß machen, so lange wir noch die mediale Power dazu haben. Ich betrachte das als "flankierende Schiffe", die uns über Rückkanäle wieder Hörer bringen.

Warum das Radio Mitarbeiter auf Augenhöhe mit den "Digital Natives" braucht. (Länge: 56 Sek.)
5. Ausbildung: Wir brauchen in Zukunft Moderatoren und Inhalte auf Augenhöhe mit den "Digital Natives". Es bringt nichts, unsere alten Moderatoren, so gut sie auch sind, dazu zu zwingen, sich mit den neuen Gepflogenheiten auseinander zu setzen. Sie werden nicht mit voller Leidenschaft dabei sein. Wir müssen unsere Leute im Umgang mit den neuen sozialen Medien schulen, um entsprechend mit der Zielgruppe zu kommunizieren.

6. Um uns in die nächste Zeitschiene zu hieven, sollten die Radiosender ihre Kräfte bündeln, untereinander Synergien schaffen. Gemeinsam kreativ sein und neue Inhalte entwickeln.

7. Wir müssen die Stärke des Radios - echte Emotionen - noch besser nutzen und einsetzen. Das könnte uns gelingen, wenn wir Events schaffen, Orte, an denen sich die "Digital Natives" tatsächlich begegnen und emotional austauschen können. Aus den Communitys heraus über das Radio in gemeinsame (Party)erlebnisse.