21.4.2010 | Von:
Von Felix Hügel

Radio zum Sehen und Vorbeikommen

Seit Wochen gab es im Internet kleine, unspezifische Häppchen über eine neue Sendung bei MDR Sputnik. Am Sonntag, den 18. April um 14 Uhr, fiel endlich der Startschuss: "BuntFunk" heißt die neue Sonntagsshow, die gleichzeitig Radio- und Online-Fernsehsendung ist. Felix Hügel war für hoerfunker.de bei der Premierensendung dabei.

22.04.2010. - Bei der MDR-Jugendwelle Sputnik verschmelzen seit Sonntag mit der neuen Community-Show "Buntfunk" die Grenzen zwischen Radio und Web-TV. Die Sendung soll sowohl im Radio als auch im Netz unabhängig voneinander funktionieren.

Den Hörern muss Moderatorin Andrea Alic daher beschreiben, was sie nicht sehen können und auf die Zuschauer im Web-Stream muss die Radiosendung wie eine TV-Show wirken. Über ein Chat-Fenster können die Nutzer mit der Moderatorin und ihrem Team in Kontakt treten und ihnen Aufgaben stellen. Außerdem können sie sich per Anruf, SMS, E-Mail und über verschiedene Social-Media-Kanäle wie Twitter und Facebook am Programm beteiligen - oder einfach selbst im Studio vorbeikommen.
So sieht es aus, wenn man die neue interaktive Sendung "Buntfunk" im Netz verfolgt. Screenshot von MDR Sputnik am Sonntag, 18. April 2010So sieht es aus, wenn man die neue interaktive Sendung "Buntfunk" im Netz verfolgt. Screenshot von MDR Sputnik am Sonntag, 18. April 2010

Als Moderatorin Andrea Alic kurz vor Sendestart in das einer WG-Küche nachempfundene Sendestudio geht, rutscht ihr das Herz ein bisschen in die Hose. Wird mit der Technik alles klappen? Werden die Hörer mitmachen? Denn als roter Faden ziehen sich deren Gesuche durch das vierstündige Programm: Felix aus Halle sucht zum Beispiel Werkzeug für seine Fahrrad-Werkstatt, Edyta aus Leipzig jemanden, dem sie Polnisch beibringen kann. Neben der Moderatorin sind noch drei weitere Redakteure für den Ablauf der Sendung zuständig, mischen die Bilder der vier Studiokameras zusammen oder betreuen die Gäste im Studio und die Hörer im Netz. Bis zu 330 Nutzer waren während der vierstündigen Premiere-Sendung gleichzeitig im Chat und haben das Programm kommentiert.

"Buntfunk" ist eine Mitmach-Sendung

Aufgeregt ist auch der 22-jährige Clemens Jungbauer. Der Automechaniker und Hobby-Musiker war schon einmal bei einem Campussender zu Gast, der Auftritt bei Sputnik ist sein erstes großes Radio-Interview. Jungbauer sucht einen Bassisten für eine CD-Aufnahme und für Konzerte. Das hatte er schon in der Community mysputnik.de geschrieben, von der Redaktion wurde er daraufhin in die Sendung eingeladen. Dort kann er live singen und unter den Hörern einen Mitstreiter suchen. Die Sputnik-Community nutze er eigentlich vor allem, um seine Musik bekannter zu machen. Im Auto und auf der Arbeit höre er aber regelmäßig den MDR-Jugendsender.

Radio-Moderatorin Andrea muss sich nicht sorgen, ein fleiiges Team von Helfern kümmert sich um die richtigen Kameraeinstellungen. Foto: MDR Sputnik/Joachim BlobelRadio-Moderatorin Andrea muss sich nicht sorgen, ein fleiiges Team von Helfern kümmert sich um die richtigen Kameraeinstellungen. Foto: MDR Sputnik/Joachim Blobel (© MDR Sputnik/Joachim Blobel )
Während im Programm von "Buntfunk" Musik läuft, werden die Gesuche der Hörer eingeblendet oder Umfragen geschaltet. Demnächst sollen im Web-Stream zur Musik auch die passenden Videos laufen. Doch noch sei die Sendesteuerung dazu nicht ausgelegt und rechtliche Fragen mit den Plattenfirmen offen. Eine fünfte Kamera schaltet daher vor allem während der Lieder auf den Platz neben dem MDR-Funkhaus. Dorthin sind während des "Buntfunks" die Hörer eingeladen. Zur ersten Sendung hat die Redaktion einen Grill aufgebaut, Sputnik-Mitarbeiter und -Hörer sitzen gemeinsam in der Sonne. Studiogast Clemens Jungbauer an der Gitarre und Literaturredakteurin Lydia Herms an der Harmonika improvisieren zusammen das Lied "Ein Kompliment" von den Sportfreunden Stiller.

Reines Audioangebot ist nicht zukunftsfähig

Auch andere Radiosender nutzen Web-Cams und Chat-Funktionen. Sputnik-Programmchef Eric Markuse sagt aber, man habe sich nichts abgeschaut, sondern die schon vorhandenen Bausteine bei Sputnik zu etwas Neuem zusammengesetzt. Schon vor über drei Jahren sei mysputnik.de als erste Radio-Onlinecommunity in Deutschland mit dazugehörender Sendung gegründet worden. Über ein Pilotprojekt für Digital Multimedia Broadcasting habe man einen Bildmischer und eine Senderegie zum bestehenden Videostudio bekommen. Nur ein eigener Player, der Videostreaming und Chat miteinander verbinde, habe noch gefehlt.

Sputnik ist nur in einem Teil des MDR-Sendegebiets über UKW empfangbar. Das Internet sei perfekt, um neue Verbreitungswege zu finden, sagt Markuse. Ein reines Audio-Angebot würde jedoch nicht funktionieren: "Man muss auch eine visuelle Erlebniswelt schaffen, sonst hat man im Netz auf lange Sicht keine Chance." Mit der neuen Sendung will er die Bindung der Hörer an seinen Sender verstärken. Sputnik hatte auch als erster deutscher Radiosender eine iPhone-Applikation. Über die konnten die Nutzer vor einigen Wochen das Studiokonzert der Rockband Tocotronic live verfolgen. Der Buntfunk könnte demnächst ebenfalls auf dem iPhone zu empfangen sein. Programmchef Markuse kann sich sogar vorstellen, auch die Abendsendung Popkult als Web-TV-Show zu übertragen.

Nach der Sendung ist vor der Sendung

Sputnik-Moderatorin Andrea Alic weiß, wie man Radio macht. In ihrer "Buntfunk"-Küche fühlt sie sich aber auch schon heimisch. Foto: Felix HügelSputnik-Moderatorin Andrea Alic weiß, wie man Radio macht. In ihrer "Buntfunk"-Küche fühlt sie sich aber schon heimisch. Foto: Felix Hügel


Andrea Alic kommt nach der Sendung zu den Gästen neben dem Funkhaus. Sie habe sich vor allem darauf konzentriert, eine gute Radiosendung zu machen, erzählt sie. Die visuellen Elemente müssten nach und nach perfektioniert werden. Auch das Feedback der Hörer soll mit eingebaut werden. Im Chat sei zum Beispiel der Wunsch aufgekommen, die Gespräche des Teams während der Lieder hören zu können. Und auch die Redaktion hat Ideen, wie die Sendung weiterentwickelt werden könnte: Der VJ (Video-Journalist), der derzeit im Hintergrund die verschiedenen Bilder zusammenmischt, soll zum Beispiel zum Ko-Moderator werden. Bis Ende des Jahres soll das Radio-Experiment "Buntfunk" bei MDR Sputnik auf jeden Fall laufen, um die Möglichkeiten und den Nutzen des Projekts auszumachen. Danach sei die Finanzierung ungewiss. Denn Sputnik werde in Zukunft auf keinen Fall mehr Geld vom MDR bekommen als derzeit, so Markuse.