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9.2.2011 | Von:
von Inge Seibel-Müller

"Hass-Schleudern aus dem Äther"

Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut. So lange sie nicht mißbraucht wird. Wenn objektive Berichterstattung durch Meinungsmache ersetzt wird, demagogische Parolen Wahlen beeinflussen sollen und für hohe Einschaltquoten sogar vor Mordaufrufen über den Radioäther nicht mehr zurück geschreckt wird - dann haben Sie vielleicht ein amerikanisches Talkradio eingeschaltet. Rechtspopuläre Talk-Radio-Moderatoren wie Glenn Beck und Rush Limbaugh erreichen mit ihren Hasstiraden täglich Millionen von Amerikanern und sind in den Vereinigten Staaten mittlerweile populärer als jeder Musiksender.

Sie sind "Scharfmacher am Mikrofon". Erzkonservative und rechtspopuläreTalk-Radio-Moderatoren wie Glenn Beck, Bill O'Reilly und Rush Limbaugh, die bis zu 50 Millionen Dollar im Jahr verdienen, erreichen mit ihren Hasstiraden Millionen Amerikaner. Ihre Einschaltquoten bei Clear Channel rangieren mittlerweile weit über denen der Musiksender. Rund 8,25 Millionen Zuhörer sollen es bei Glenn Beck sein, doppelt so viele schalten Rush Limbaugh täglich ein. Vehement und wortreich wehrten sie sich tagelang gegen Vorwürfe, ihre hasserfüllte Rhetorik stehe im Zusammenhang mit dem Attentat von Tucson.

Meinungsmache um jeden Preis, Schadenfreude auf Kosten anderer. Selbst Anschlägen auf die Pressefreiheit kann der Talkmoderator etwas Positives abgewinnen. Belustigt zeigte sich Rush Limbaugh über die Inhaftierung zweier Reporter der New York Times beim Aufstand der Jugend in Kairo. "Es scheint ihm Freude zu bereiten", resümierte der "National Examiner" und stellte zum Beweis eine Audiodateiins Netz.
Journalisten beim Aufstand in Kairo. Foto: Richard GutjahrJournalisten beim Aufstand in Kairo. Foto: Richard Gutjahr (© Richard Gutjahr )


Glenn Beck nahm den "Super Bowl Sunday" zum Anlass, Aufmerksamkeit mit einer gewaltigen Worttirade gegen die Football-Spieler zu erheischen, schreibt "USA Today". Sein patriotisches Herz sei beleidigt, hätten sie es doch versäumt, beim Abspielen der Nationalhymne ihre Hand aufs Herz zu legen. Der Super Bowl, das weltweit beachtete Finale der amerikanischen Football-Profiliga am ersten Sonntag im Februar, erzielt regelmäßig die höchsten TV-Einschaltquoten des Jahres in Amerika.

Die "Neue Züricher Zeitung" (NZZ) resümiert, der Erfolg der "Hassschleudern aus dem Äther" in breiten Bevölkerungsschichten basiere auf einer Mischung aus echter Verzweiflung über die eigene Misere und blanker Unwissenheit über deren politische Komplexität". Was in westeuropäischen Demokratien als Volksverhetzung gelte, sei in den USA das Resultat einer quotenbesessenen Medienlandschaft. Extrempopulismus, der nicht selten unterfüttert sei von Aufrufen zur Gewalt, verspreche hohe Einschaltquoten.

Seine Protagonisten stützen sich auf "The freedom of speach" und einen Verfassungszusatz namens "First Amendment", der den Amerikanern eine weit gehende Meinungsfreiheit garantiert. Die eindeutigen Äußerungen gegen Julian Assange, Gründer der Internetplattform "WikiLeaks", sind nur ein Beispiel . "Back in the old days when men were men and countries were countries, this guy would die of lead poisoning from a bullet in the brain," echauffierte sich Rush Limbaugh im Radio und reihte sich ein in eine Vielzahl eindeutiger Mordaufrufe in den amerikanischen Medien. Ein "Panoptikum des Grauens", wie "Zeitonline" schreibt.

"Ohne Zweifel schaffen sie eine Atmosphäre, in der es angemessen zu sein scheint, den Mord an Andersdenkenden zumindest in Erwägung zu ziehen", lautet die Analyse des Deutschlandfunks in einem Audiobeitrag über die "Rolle der rechten Radioszene beim Tucson-Attentat", der auch als Podcast zum Nachhören bereit steht.

In Deutschland gibt es bisher keine vergleichbaren Talk-Radio-Formate.