10.10.2007 | Von:
Sebastian Halm

Langzeitreportagen mit Arbeitslosen

Der Lokalfunk in NRW kann mehr als dudeln

Eine schöne Skulptur, eine Urkunde und für den Vollpreis 2.500 EUR: Bereits zum 16. Mal honorierte die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen journalistische Qualität im Lokalfunk mit begehrten Hörfunkpreisen.

Hauptsächlich Musik, spektakuläre Gewinnspiele, ein bisschen Comedy und wenig Worte. So lautet seit Jahren das Erfolgsrezept vieler "durchhörbarer" Popwellen im deutschen Radio. Harte Fakten gelangen bestenfalls in die Nachrichten, Reportagen und gebaute Beiträge kennen Volontäre oft nur vom Hören-Sagen.

Begehrte Hörfunkpreise

Eine Sichtweise, die vielen Sendern nicht gerecht wird. Denn auch im Lokalfunk gibt es Journalisten, die mit investigativen Recherchen und aufwändigen Reportagen immer wieder für Gesprächsstoff sorgen.
Die LfM-Preisträger erhalten die von der Künstlerin Jongsuk Yoon gestaltete Skulptur "Hören", sowie eine Urkunde und einen Geldpreis. Foto: LfM/Jürgen SchulzkiDie LfM-Preisträger erhalten die von der Künstlerin Jongsuk Yoon gestaltete Skulptur "Hören", sowie eine Urkunde und einen Geldpreis. Foto: LfM (© LFM/Jongsuk Yoon )
Das wird von den Landesmedienanstalten gefördert: Bereits seit Jahren honorieren sie journalistische Qualität im Lokalfunk mit begehrten Hörfunkpreisen. Die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen(LfM) ehrte ihre Sieger bereits zum 16. Mal. Über vierzig Radiostationen im bevölkerungsreichsten Bundesland sind jährlich aufgerufen, ihre zahlreichen redaktionellen Schätze einzureichen, aus über hundert Einsendungen hat die Jury die Preisträger ermittelt. In der Kategorie "Projekte/Serie" ging der mit 2.500 EUR dotierteVollpreis in diesem Jahr an den 29jährigen Sebastian Halm von 107.7 Radio Hagen für den Beitrag "Ladies Night - Das Making of". Wochenlang begleitete der Radioreporter eine Gruppe junger Hagener Arbeitsloser bei ihren Proben für ein Theaterstück, in dem Arbeitslose zu Strippern werden, um sich etwas Geld dazu zu verdienen. Darum geht es in dem Stück "Ladies Night", das unter dem Titel "Ganz oder gar nicht" bereits die Kinokassen füllte.

Monatelange Recherche

Über einen Zeitraum von fünf Monaten hat Sebastian Halm für 107.7 Radio Hagen die bunt zusammen gewürfelte Gruppe junger Menschen porträtiert. Die Serie über das "Making of" gibt beinahe die gesamte Dauer des Projektes wieder - von den Proben bis zum Premierendatum und darüber hinaus. Den Stress, die Freude und das Lampenfieber des Ensembles erlebte Halm stellvertretend für seine Hörer hautnah mit.


Es entstand eine Serie von 14 Folgen mit einer Länge von jeweils rund zweieinhalb Minuten. Dabei hört man den Berichten mit ihren oftmals eindringlichen und offenen O-Tönen an, dass hier ein Vertrauensverhältnis zwischen Reporter und Interviewten entstanden ist. Die Reihe setzt sich mit dem Lebensproblem Arbeitslosigkeit auseinander, nimmt dabei jedoch keine Wertungen oder Betroffenheitsposen ein, sondern beobachtet, wie junge Menschen ohne Job ihre Energien in die Produktion eines Theaterstückes leiten. So sah das auch die Jury in ihrer Laudatio: "Dabei steht nicht das Bedrückende der Jugendarbeitslosigkeit im Vordergrund, sondern es wird der Blick auf die Energie und Zuversicht der Jugendlichen gelenkt, mit der sie sich dem Theaterstück widmen. Die neuen Erfahrungen, die die Jugendlichen mit sich und den anderen Ensemblemitgliedern machen und die Veränderungen aufgrund dieser Arbeit werden vermittelt ohne in Betroffenheit zu ertrinken."

Die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) hat am 21. September in Düsseldorf zum sechzehnten Mal den LfM-Hörfunkpreis für herausragende journalistische Leistungen im privaten Hörfunk verliehen. Insgesamt wurden elf Preise vergeben. Foto: LfM/Jürgen SchulzkiDie Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) hat am 21. September in Düsseldorf zum sechzehnten Mal den LfM-Hörfunkpreis für herausragende journalistische Leistungen im privaten Hörfunk verliehen. Insgesamt wurden elf Preise vergeben. Foto: LfM/Jürgen Schulzki (© LFM/Jügen Schulzki )
Zu erledigen war diese Langzeitreportage nicht wie üblicher Terminjournalismus", betont Halm, der viel Zeit investierte, um sich in die Gruppe einzufinden und als gleichsam "unsichtbarer" Bestandteil die Theaterproduktion zu begleiten. Und er gibt zu, dass sich eine solche Reportage-Reihe wegen mangelnder Zeit im Tagesgeschäft nur selten realisieren lässt.

Die Serie wurde von Oktober 2006 bis Januar 2007 jeweils montags um 8.15 Uhr in der Frühsendung von 107.7 Radio Hagen ausgestrahlt und durch Trailer im Tagesprogramm beworben. Der feste Sendeplatz und eine einheitliche Verpackung der Beiträge sorgten für einen hohen Aufmerksamkeits- und Wiedererkennungswert.

Radio im Internet

Was damals fehlte und der Autor heute anders machen würde, ist die Zusatzverwertung des Themas im Internet: "Der Sendecomputer stellt die Beiträge zwar automatisch für eine gewisse Zeit als mp3-Dateien auf die Website des Senders, doch Fotos oder begleitende Texte - dazu fehlte mir damals aufgrund der Masse an O-Tonmaterial einfach die Zeit. Da wäre noch Wachstumspotential gewesen", gibt Halm heute lachend zu. Mittlerweile sieht er das Zusammenspiel von Internet und Radio differenzierter – ein Lernprozess, in dem sich derzeit viele seiner Radiokollegen und mancher Radiomanager befinden dürfte.

Die Serie "Ladies Night - Das Making of" und alle weiteren prämierten Beiträge des LfM-Hörfunkpreises 2007 kann man sich unter http://www.lfm-nrw.de/hoerfunk/hoerfunkpreis/preis_2007 anhören oder als mp3-Datei downloaden.