Ein Journalist filmt am Dienstag (15.03.11) Norbert Röttgen (CDU) während einer Pressekonferenz.

10.7.2012 | Von:
Volker Lilienthal
Thomas Schnedler

Gezwungen, sich zu verkaufen? Zur sozialen Lage von Journalistinnen und Journalisten

"Die dunkle Seite der Kreativwirtschaft“

Sicherlich entspricht der mehr und mehr zu einem Akademikerberuf werdende Journalismus nicht unbedingt dem Typus und Milieu des benachteiligten Lohnarbeiters, an dessen Beispiel in der politischen Diskussion um prekäre Beschäftigung häufig argumentiert wird. Als Hochqualifizierte haben Journalisten grundsätzlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus, wie zum Beispiel die Journalistin und Autorin Katja Kullmann schreibt: "Längst haben die kreativen, oft akademisch ausgebildeten und weltgewandten Prekären viel mehr gemein mit den auf Stunde bezahlten Supermarktregaleinräumern, den per Zeitarbeit verliehenen Security-Bären und den Sieben-Tage-die-Woche-Wurstbudenverkäufern, über die sie mitfühlende Reportagen schreiben, aufrüttelnde Sozialstudien erstellen oder deprimierende Reality-Dokus drehen, als mit den Agenturchefs, Etatbewilligern oder Ressortleitern, von denen sie sich Aufträge erhoffen und ein bisschen Honorar.“[11]

Kullmann stützt sich bei ihrer Analyse auch auf eigene Erfahrungen. Vor einigen Jahren schrieb sie mit "Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein“ einen Bestseller. Davon zehrte sie eine Weile, dann wurde der freie Journalismus für die preisgekrönte Autorin nach und nach zur schlecht bezahlten Tagelöhnerei. Nach zwei geplatzten Aufträgen war sie zeitweise auf "Hartz IV“ angewiesen, bis sie plötzlich das Angebot bekam, als Ressortleiterin der Frauenzeitschrift "Petra“ zu arbeiten. Das Blatt aus dem Hamburger Jahreszeiten-Verlag "stand für alles, wogegen ich seit Jahren angeschrieben hatte: Konsum-Beschiss, gefährlich aggressive gute Laune und ein oft bedenkliches Frauenbild“, schreibt Kullmann. Die Zeitschrift bot aber auch Sicherheit: "Vierzig Wochenstunden, dreißig Tage bezahlter Urlaub im Jahr, 13,5 Monatsgehälter, die volle Dosis Altersvorsorge und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, außerdem einen Arbeitgeberzuschuss zum öffentlichen Personennahverkehr.“[12]

Sie entschied sich für die Sicherheit. Kullmann trat ihren neuen Job als Ressortleiterin an und erlebte, wie der Verlag Kurzarbeit einführte. Einige Monate später entschied er, im Zuge einer großen Umstrukturierung alle Redakteure zu entlassen. Nur noch die leitenden Redakteure sollten bleiben und fortan Aufträge an freie Journalisten vergeben. "Ich musste nun an den Schrauben drehen, die die Kollegen da draußen, zu denen ich ja gehört hatte, in die Knie zwingen würden.“[13] Das wollte sie nicht mittragen und gab die Stelle nach anderthalb Jahren wieder auf. "Was mir passiert ist, beleuchtet grell die dunkle Seite der sogenannten Kreativwirtschaft. Kreativ sind dabei weniger die Jobs als die Beschäftigungsverhältnisse: Auflösung fester Arbeitsplätze, Aufkündigung der Sozialpartnerschaft, die Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der Arbeitgeber“, resümiert sie.[14]

Der Fall von Katja Kullmann, die Berufsbiografien vieler Journalistinnen und Journalisten, aber auch aktuelle wissenschaftliche Befunde zwingen dazu, die Prekarisierungstendenzen im Journalismus ernst zu nehmen. So zeigt erstens die neueste Forschung, dass auch Hochqualifizierte die mit prekärer Beschäftigung – explizit mit befristeten Vertragsverhältnissen – verbundenen Unsicherheiten als doppelte Belastung wahrnehmen. Das betrifft zum einen die berufliche Sphäre: "Das Einkommen ist nicht auf Dauerhaftigkeit und Existenzsicherung ausgelegt, zudem schmälert die zeitliche Begrenzung des Einkommens die Kreditwürdigkeit. Auch Integration und Partizipation im Unternehmen sind lückenhaft, Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen erschwert.“[15] Diese Instabilitäten wirken zum anderen aber auch in die Privatsphäre, wo biografische Planungen – wie zum Beispiel die Familiengründung – behindert werden.

Zweitens hat eine soziologische Untersuchung der Kreativwirtschaft ergeben, dass "die soziale Existenz von Kreativarbeitern unabweisbar fragil und verwundbar ist, da sie den Marktschwankungen ohne institutionalisierte Schutzmechanismen ausgesetzt sind“.[16] Sie reagieren darauf zum Beispiel, indem sie für sich zur Absicherung eine Standbein-Spielbein-Lösung entwickeln, bei der "ungeliebte 'Brotjobs‘ die Kernberufstätigkeit quasi subventionieren“.[17] Dieses Phänomen beschrieb die freie Journalistin Silke Burmester sehr anschaulich auf einer Fachkonferenz in Hamburg: Für ein Kundenmagazin habe sie kürzlich eine Geschichte über das Umweltengagement von Hollywoodstars gemacht. Die Aktivitäten der Prominenten seien zwar in Wahrheit nur "heiße Luft“ gewesen, erzählte sie. Aber: "Ich habe dafür anderthalb Tage gebraucht und 1.600 Euro bekommen. Für meine taz-Kolumne, die sehr engagiert ist, wo ich mich weit aus dem Fenster lehne und wegen der ich es mir mit mehreren Leuten und auch mit einem Verlag so nachhaltig verdorben habe, dass ich dort nie wieder werde arbeiten können, bekomme ich 80 Euro pro Kolumne.“[18]

Ein Patchwork-Einkommen hat heute auch Benjamin G., der nach seinen Erfahrungen bei Facts & Figures nicht mehr für Corporate-Publishing-Medien schreiben wollte. Inzwischen bedient er verschiedene überregionale Zeitungen und Kulturmagazine. Doch da deren Honorare nicht zum Leben reichen, arbeitet er halbtags für ein kleines Fachmagazin und von zu Hause für einen Content-Dienstleister, für den er Pressemitteilungen bearbeitet und Webseiten mit billigem Inhalt versorgt. "Das ist schnell verdientes Geld“, sagt er. "Mit Herzblut arbeite ich dafür nicht.“

Latte Macchiato statt Zeitung?

Die Prekarisierung des Journalistenberufs hat mehrere Ursachen. Eine davon ist die Erosion des klassischen Geschäftsmodells der Presse: Anzeigen wandern zu digitalen Werbeträgern ab (von denen längst nicht alle Online-Medien sind), und auch die Vertriebsumsätze sinken infolge von Abonnenten- und Leserverlusten. Diese Faktoren werden von Verlagen gern zur Begründung ihrer Sparmaßnahmen angeführt. Daran ist so viel wahr, als dass die Prekarisierung auch Folge eines mangelnden Wertbewussteins in unserer Gesellschaft für journalistische Arbeit ist. Journalismus wird immer weniger als die anspruchsvolle geistige Arbeit anerkannt, die er ist. Die Qualitätszeitung für 2,20 Euro empfinden viele als zu teuer, den Latte Macchiato nicht. Obwohl er oft mehr kostet und rascher verbraucht ist als eine reichhaltige Zeitung.

Eine weitere wichtige Ursache benennt die WDR-Journalistin Sonia Seymour Mikich, wenn sie den Einzug eines neuen Denkens und einer neuen Sprache in den Verlagen und Sendern beschreibt: "Wir machten es uns gemütlich, als 'benchmarking‘, 'audience-flow‘, 'controlling‘, 'usabilty‘, 'look and feel‘, 'performance‘ in unserem Handwerkskasten auftauchten und die 'tools‘ eines angesagten Superprofessionalismus wurden. Als hätten wir ’nen kleinen McKinsey im Ohr, lernten wir Neusprech.“[19] Und der damalige "Handelsblatt“-Chef Bernd Ziesemer warnte in einer Rede, bevor er in die Corporate-Publishing-Branche wechselte, seine Kollegen in den Redaktionen: "In den Verlagen haben oft kulturelle Analphabeten das Sagen, die schon lange keine Zeitung mehr lesen, aber sich berufen fühlen, uns Journalisten zu erklären, wie man eine Zeitung macht. Sie behandeln uns wie die Bandarbeiter der Lückenfüllproduktion zwischen den Anzeigen. In solche Hände dürfen wir uns nicht begeben!“[20]

Nicht wenigen Redakteuren in Deutschland blieb allerdings gar nichts anderes übrig, als die Sprache der Controller und Unternehmensberater zu lernen. Ihre Verlage holten die Berater ins Haus, massive Umstrukturierungen wurden verkündet und umgesetzt. "Die Kosten der Lokalredaktionen werden in Richtung des Schickler-Benchmark-Korridors angepasst“, hieß es beispielsweise in der Präsentation der auf Medienunternehmen spezialisierten Unternehmensberatung Schickler im März 2009 bei einer Betriebsversammlung der WAZ-Mediengruppe. Und weiter: "In Summe werden in den Mantel- und Lokalredaktionen 300 Planstellen reduziert und etwa 24,5 Mio. Euro eingespart.“[21] Gut drei Jahre später steht den verbliebenen Redakteuren nun der nächste Umbau bevor, der die Lokalredaktionen wieder stärken soll.[22]

Fußnoten

11.
Katja Kullmann, Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben, Frankfurt/M. 2011, S. 12.
12.
Ebd., S. 226f.
13.
Kullmann im Interview mit Daniela Zinser, "Seid solidarisch!“, in: Medium Magazin, (2011) 10–11, S. 18.
14.
Kullmann im Interview mit Matthias Wulff, "Gebrochene Glücksversprechen“, in: Berliner Morgenpost vom 20.6.2011, S. 21.
15.
Nadine Sander, Flexibilisierung, Prekarisierung und das Individuum. Vernachlässigt die Prekarisierungsdebatte hochqualifizierte Arbeitnehmer?, in: Kornelia Hahn/Cornelia Koppetsch (Hrsg.), Soziologie des Privaten, Wiesbaden 2011, S. 161f.
16.
Alexandra Manske, Unsicherheit und kreative Arbeit – Stellungskämpfe von Soloselbständigen in der Kulturwirtschaft, in: Robert Castel/Klaus Dörre (Hrsg.), Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2009, S. 294.
17.
Sigrid Betzelt, Flexible Wissensarbeit. AlleindienstleisterInnen zwischen Privileg und Prekarität, Bremen 2006, S. 40.
18.
Silke Burmester in der Podiumsdiskussion "Wessen Stimme bin ich? Freie Journalisten zwischen Journalismus und PR“, dokumentiert in Netzwerk Recherche e.V./Thomas Schnedler (Hrsg.), Getrennte Welten? Journalismus und PR in Deutschland, Wiesbaden–Hamburg 2011, S. 75.
19.
Sonia Seymour Mikich, Sind wir Putzerfische?, in der Reihe: Wozu noch Journalismus?, online: www.sueddeutsche.de/medien/serie-wozu-noch-journalismus-sind-wir-putzerfische-1.1831 (19.6.2012).
20.
Zit. nach: A. Blasberg/G. Hamann (Anm. 4).
21.
Rolf-Dieter Lafrenz et al., Konzept zur Restrukturierung der Redaktionen, 4.3.2009, online: http://files1.derwesten.de/pdf/Praesentation_WAZ_Betriebsversammlung_2009-03-04.pdf (25.6.2012).
22.
Vgl. Steffen Grimberg, Rolle rückwärts. Der WAZ-Konzern stellt wieder einmal die Strategie seiner vier Lokalzeitungen in NRW auf den Kopf, in: Journalist, (2012) 6, S. 71ff.