Ein Journalist filmt am Dienstag (15.03.11) Norbert Röttgen (CDU) während einer Pressekonferenz.

10.7.2012 | Von:
Knut Bergmann
Leonard Novy

Chancen und Grenzen philanthropischer Finanzierungsmodelle

Kooperationen als Königsweg

Grundlegend bleibt festzuhalten, dass Kooperationen mehrerer Geber in der Journalismus- und Medienförderung auch positive Effekte auf die Einhaltung von journalistischen Standards bei dem betreffenden Medium haben dürften, da sich die Partner gegenseitig kontrollieren. Die gemeinsame Aufsicht sollte ein Höchstmaß an medienethischer Prinzipientreue garantieren und eine nicht damit in Einklang stehende Praxis zugunsten eines der Träger unterbinden – sei es hinsichtlich einer Aufweichung der strikten Trennung von verlegerischen Interessen und redaktioneller Arbeit, sei es mit Blick auf einseitige oder geschönte Berichterstattung oder andere denkbare Interessenkonflikte. Darüber hinaus spricht das Volumen zumindest umfangreicherer Vorhaben für Kooperationsmodelle, wobei damit nicht allein der finanzielle Hebel größer wird, sondern genauso immaterielle Ressourcen potenziert werden, wie beispielsweise das Netzwerk, das Geber einbringen. Nicht zuletzt stellt ein solches Vorgehen eine moderne Form der Stiftungsstrategie dar.

Die Ressourcen bedürfen allerdings einer nüchternen Betrachtung. Denn obwohl der Sektor boomt, kann kaum eine deutsche Stiftung über wirklich große Mittel verfügen – bei über 70 Prozent von ihnen beträgt der Kapitalstock unter einer Million Euro, die ausschüttbaren Erträge sind entsprechend gering. Generell wird ihre finanzielle Potenz oft überschätzt. Auf gerade einmal 0,3 Prozent bezifferte im Jahr 2002 die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ den Anteil von Stiftungen an der Finanzierung des Dritten Sektors; ihr Beitrag "zur Gesamtfinanzierung des Gemeinwohls liegt im nicht mehr messbaren Bereich“. Die wahre Bedeutung sei "in ihrem qualitativen Gemeinwohlbeitrag“ zu sehen.[16]

Dieser Befund lässt sich gleichermaßen auf den Bereich der Medienförderung übertragen. Selbst in den USA, wo Stiftungen schon lange auf diesem Feld tätig sind und wo generell mehr philanthropisches Kapital vorhanden ist, lassen die spärlichen Zahlen und Daten nicht darauf schließen, dass Unsummen zugunsten der "Vierten Gewalt“ mobilisiert werden. Active Philanthropy schätzt den Gesamtbetrag der Spenden zur Förderung des Journalismus dort auf etwas über eine Milliarde Dollar. Die Zuwendungen für Medienprojekte machen jedenfalls nur einen geringen Prozentsatz der Ausschüttungen von Stiftungen aus: "Geht man davon aus, dass sich Fördermittel für journalistische Kommunikation (abzüglich des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Hörfunks) jährlich auf etwa 100 Millionen Dollar belaufen, handelt es sich lediglich um 0,2% des Gesamtspendenvolumens von 44 Milliarden Dollar.“[17]

Resümee

Gemessen an den Bilanzen der kommerziellen Medienbranche sind diese Summen ein Tropfen auf den heißen Stein, auch lösen sie die Probleme des Journalismus – diesseits wie jenseits des Atlantiks – nicht. Doch reichen sie für die Finanzierung von Pilotprojekten absolut aus. Für Lewis A. Friedland, Journalistikprofessor und Mitverfasser der Studie von Active Philanthropy, münden diese Befunde in der Erkenntnis, dass der privatwirtschaftliche Medienmarkt keinesfalls durch Stiftungen ersetzt werden kann, dass diese aber die Transformation und den Wandel dieses Marktes fördern können.[18]

In Deutschland, wo sich Journalismus traditionell über eine starke öffentlich-rechtliche und eine kommerzielle Säule finanziert, könnten solche Modelle (wie auch Genossenschaftsmodelle oder Beteiligungen von Bürgern als Aktionäre ohne Renditenerwartung) zu einem vitalisierenden Element einer Medienlandschaft werden, die sich ohnehin zusehends ausdifferenziert. Besonders aussichtsreich sind Mischfinanzierungen. So sieht die Untersuchung von Active Philanthropy bei der Finanzierung von Non-Profit-Medienunternehmen die kritische Marke des Anteils von Stiftungsmitteln bei 25 Prozent; diese Betriebe würden "nie ganz ohne stiftungsbasierte Fördermittel auskommen, können aber durchaus erfolgreich sein, wenn sie aus Abonnements und anderen Quellen 60 bis 75% ihrer Betriebskosten decken.“[19]

Damit wären wir bei einem weiteren gewichtigen Einwand gegen das mediale Mäzenatentum: der Gefahr marktwirtschaftlich unerwünschter Nebenwirkungen. Bedenken, dass philanthropisch geförderte Medien zu Marktverzerrungen und Kannibalisierungseffekten führten, lässt sich entgegenhalten, dass es sich meist um Versorgungsnischen und journalistische Formate handeln wird, in die kaum mehr ein Verleger investiert, der ausschließlich unternehmerisch vorgeht. Vor allem werden Stiftungen trotz ihrer Ewigkeitskonstruktion eher in der Unterstützung von explorativen und finanziell risikobehafteten Formen von Journalismus ihre Aufgabe finden und nur in Ausnahmen in der Konservierung des Bestehenden, im langfristigen Erhalt von Medien.

Selbstwirksamkeit ist seit jeher eines der Hauptmotive bürgerschaftlichen Engagements. So war einer der Begründer des modernen Journalismus, Théophraste Renaudot (1586–1653), nicht nur Herausgeber der ersten französischen Zeitung "La Gazette“, sondern er war auch ein bedeutender Mäzen. Doch er, der eigentlich von Beruf Arzt war, wird nicht wegen der von ihm gegründeten Zeitung als Philanthrop gerühmt, sondern ob seines Engagements für die Ärmsten der Gesellschaft. Dennoch erschien seine Gazette ganze 284 Jahre lang – eine Zeitspanne, die hoffen lässt.

Fußnoten

16.
Deutscher Bundestag (Hrsg.), Bericht der Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“, Berlin 2002, S. 117. Vgl. zudem Knut Bergmann/Susanna Krüger, Die Einkommensquellen der Zivilgesellschaft, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 24 (2011) 1, S. 19–28.
17.
Active Philanthropy (Anm. 2), S. 14.
18.
Vgl. BMW-Stiftung Herbert Quandt (Anm. 4).
19.
Active Philanthropy (Anm. 2), S. 38.