Eine Frau steht zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals.

2.8.2012 | Von:
Monika Deutz-Schroeder
Rita Quasten
Klaus Schroeder
Dagmar Schulze Heuling

Ungleiche Schwestern? Demokratie und Diktatur im Urteil von Jugendlichen

Bewertungen hypothetischer Staaten

Die oben dargestellten Befunde werfen Fragen nach den Gründen für die jeweiligen Urteile der Schüler auf – nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse, sondern vor allem auch für die politische Bildung. Ist die Zustimmung zu einem Statement als Provokation gemeint? Wie stark ist das Antwortverhalten durch Konformität mit dem sozial Erwünschten geprägt? Welche Werthaltungen und Einstellungen beeinflussen die Beurteilung eines Systems jenseits dieser Faktoren?

Um diese Fragen beantworten zu können, führten wir im Rahmen der Längsschnittuntersuchung einen faktoriellen Survey durch, bei dem die Jugendlichen fünf Kurzbeschreibungen von hypothetischen Staaten erhielten. Für jeden Staat wurden die Aspekte persönliche, wirtschaftliche und politische Freiheit, das Wohlstandsniveau und das System der sozialen Absicherung in drei verschiedenen Ausprägungen beschrieben. Die Jugendlichen sollten die hypothetischen Staaten im Hinblick auf zwei Fragen mit Schulnoten bewerten: "Möchte ich in diesem Staat leben?" und "Wäre dies ein guter Staat für alle Menschen?". Ziel war es, Bewertungen unterschiedlicher politischer Systeme unabhängig von Faktoren wie dem Image eines Systems oder sozialer Erwünschtheit zu erheben. Das Ergebnis fällt unerwartet eindeutig aus und ist mit den sonstigen von den Jugendlichen geäußerten Systembewertungen auf den ersten Blick nicht in Übereinstimmung zu bringen. In allen Bundesländern, für alle Schularten und für beide Geschlechter zeigt sich eine eindeutige Präferenz für liberale Staaten. Je liberaler ein Staat ist, desto besser wird er benotet, desto lieber möchten die Jugendlichen in ihm leben und für desto besser geeignet halten sie ihn als Lebenshintergrund für alle Menschen. Auch aus den Kommentaren, die wir während der Erhebung vernahmen, wurde deutlich, dass die Jugendlichen Einschränkungen individueller Freiheit entschieden ablehnen.

Allerdings spiegelt sich diese eindeutige Präferenz weder in den Urteilen über die realen Systeme noch in den Antworten auf andere Einstellungsfragen wider. Obschon also Freiheit für die Jugendlichen ein hohes Gut darstellt, sind sie oftmals nicht in der Lage, Einschränkungen oder Bedrohungen derselben in der (historischen) Realität zu erkennen. Vielen fällt es offenbar ausgesprochen schwer, entsprechende Transferleistungen zu erbringen.

Konsequenzen für die politische Bildung

Vor diesem Hintergrund erscheinen manche befremdlichen Befunde in einem anderen Licht: Die vermeintliche Demokratiefeindlichkeit oder Diktaturaffinität dürfte sich in vielen Fällen als ein solches Transferproblem erweisen. Diese Erklärung beruhigt jedoch nur auf den ersten Blick, denn aus ihr folgen hohe Anforderungen an politische Bildung.

Doch auch "verordnete" Einstellungen helfen nicht weiter. So begrüßenswert es ist, dass sich gegenüber dem Nationalsozialismus inzwischen eine eindeutig ablehnende normative Bewertung etabliert hat, ist damit der politischen Bildung nur bedingt geholfen. Die "richtige" Einstellung alleine versetzt Jugendliche nicht in die Lage, ihre Urteile auch auf konkrete Einzelfragen, auf andere Situationen oder andere Systeme zu übertragen. Im Ergebnis führt dies, gemeinsam mit ihrem geringen Wissen, zu erschreckenden Befunden, etwa zu dem Ergebnis, dass etwa jeder Dritte die Gestapo für eine Sonderpolizei hält, wie sie auch jeder demokratische Staat hat. Dem Ministerium für Staatssicherheit attestieren dies sogar insgesamt knapp 35 Prozent der Befragten (Kinder von in der DDR geborenen Eltern: 40,2 Prozent).

Politische Bildung sollte ein Bewusstsein für die Bedeutung einer freiheitlichen und rechtsstaatlichen Demokratie wecken, damit Jugendliche die Wichtigkeit von Abwehrrechten, der Gewaltenteilung, der individuellen Freiheit und der Möglichkeit des gewaltlosen Regierungswechsels erkennen. Dieser Anspruch richtet sich insbesondere an Schulen. Für die Lehrpläne ebenso wie für den konkreten Unterricht, die Lehrpersonen und die von ihnen gelehrten Inhalte ist eine Ausrichtung an den Maßstäben der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unabdingbar. Dabei müssen Konzepte wie persönliche, wirtschaftliche und politische Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit oder pluralistische Demokratie die Grundlage der Bewertung von Systemen bilden. Schulunterricht sollte nicht – wie nicht wenige Lehrer und Zeithistoriker behaupten – prinzipiell "ergebnisoffen" sein, sondern er sollte dies nur in dem normativen Rahmen sein, den die freiheitlich-demokratische Grundordnung absteckt.

Da es "die" Schule nicht gibt, bedeutet die Umsetzung dieser Anforderungen somit für jede Schule etwas anderes. Insbesondere sollten sie nicht als Aufforderung zu einer gedankenlosen Steigerung des Ressourceneinsatzes fehlinterpretiert werden – weder in finanzieller Hinsicht noch bezogen auf das Engagement vieler Lehrkräfte.

Dass sich Engagement bisweilen auch kontraproduktiv auswirken kann, zeigt sich etwa im Hinblick auf Gedenkstättenbesuche. Eingebettet in eine Vor- und vor allem in eine Nachbereitung, die den Schülern eine Einordnung und Verarbeitung des Gesehenen und Gehörten erlaubt, können solche Besuche ein wertvoller Beitrag zur politisch-historischen Bildung sein. Werden jedoch mehrere Gedenkstättenbesuche beispielsweise in das enge Zeitkorsett einer Klassenfahrt gedrückt, ist vielen Jugendlichen eine angemessene Verarbeitung der dargebotenen Informationen nicht möglich. In der entstehenden Verwirrung können Informationen verfälscht oder falsch zugeordnet werden oder es bildet sich eine Verweigerungshaltung heraus – zumal die politische Bildung nur für die wenigsten Jugendlichen zu den Höhepunkten einer Klassenfahrt zählt. Ein strukturierter und stetiger Geschichtsunterricht kann hier unter Umständen mehr bewirken. Verlässliche Normalität ohne Ausnahmen, "Action" und "Highlights" mag unmodern sein, bedeutet jedoch nicht, dass diese Form von Unterricht schlecht ist, im Gegenteil: Manchmal kann weniger mehr sein.

Fazit

Die Studie "Später Sieg der Diktaturen?" belegt, dass das zeitgeschichtliche Wissen von Jugendlichen häufig recht gering ist. Durchschnittlich am meisten wissen die Befragten über den Nationalsozialismus; über die DDR und die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung wissen sie deutlich weniger. Dieser Befund ist deshalb so problematisch, weil mit einem geringen zeitgeschichtlichen Wissen nach den Maßstäben der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unangemessene Urteile einhergehen. Auch dies hat die Studie gezeigt.

Daraus aber auf eine grundsätzliche Diktaturaffinität der Jugendlichen oder ihre Distanz zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheitsrechten zu schließen, wäre falsch. Im Gegenteil erbrachte unsere Befragung, dass die meisten Schülerinnen und Schüler freiheitliche Systeme sehr schätzen. Viele von ihnen sind jedoch nicht in der Lage, Einschränkungen oder Bedrohungen dieser Freiheit in der (historischen) Realität zu erkennen. Damit einher geht das Phänomen, dass für viele die Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur verschwimmen. Festhalten lässt sich, dass bessere, wertorientiert vermittelte zeitgeschichtliche Kenntnisse bei Jugendlichen unabdingbar sind. Sie sind Voraussetzung dafür, dass Jugendliche theoretisch und vor allem auch praktisch lernen, die wesentlichen Unterschiede zwischen Demokratien und Diktaturen zu erkennen.