E-Book zwischen Büchern

2.10.2012 | Von:
Jeff Gomez

Die erzählerische Singularität: Geschichten erzählen im digitalen Zeitalter - Essay

Kehrseiten der digitalen Welt?

Könnte es Kehrseiten der weiteren Entwicklung elektronischer Texte geben und gar der erzählerischen Singularität, für ich plädiere? Wird das Begriffsvermögen der Leser abnehmen, wenn sie sich in Bücher auf ihren elektronischen Geräten vertiefen? Einige Leute sind davon sicher überzeugt, und es handelt sich ja auch um ein Argument, das gebraucht wird, seitdem es das E-Book gibt. In "Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange?“ beschreibt Nicholas Carr die Hoffnung in den 1980er Jahren, also zur Zeit, als die ersten PCs in unser Leben einzogen, dass der Unterricht einmal mit digitalem Material statt mit Papier vonstattenginge: "Viele Lehrer waren überzeugt, dass es das Lernen erleichtern würde, wenn man auf Bildschirmen dargestellte Texte mit Hyperlinks versah. Der Hypertext, so argumentierten sie, werde das kritische Denken der Schüler stärken, da er es ihnen ermögliche, zwischen verschiedenen Ansichten hin und her zu wechseln.“[9]

Im darauffolgenden Jahrzehnt aber zeigte eine Studie nach der anderen, dass das digitale Lesen eher zu einer Verminderung denn zu einer Stärkung des Verständnisses führte. Während sie am Computer lasen, waren die Schüler unkonzentriert, behielten weniger Informationen als diejenigen, die das gleiche Material in gedruckter Form lasen, und sie brauchten länger, um es zu lesen. Forscher, die dachten, dass diese frühen Fehlversuche lediglich Ausdruck einer gewissen Lernkurve waren und dass die Schüler (ganz zu schweigen von der restlichen Bevölkerung) schon bald eine "Hypertext-Kompetenz“ entwickeln würden, und damit solche Herausforderungen und Defizite überwinden würden, wurden eines Besseren belehrt. Und heute, weit in der Internet-Ära, zeigt eine Studie nach der anderen, dass die Nutzer dem Computer mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Text. Oder, wie es Carr ausdrückt: "Das Medium, das zur Darstellung der Worte verwendet wurde, ließ deren Bedeutung in den Hintergrund treten.“[10]

Auch wenn ich den Wert dieser Studien nicht per se in Abrede stellen will, so finde ich sie dennoch nicht überzeugend genug, um einem Verzicht auf eine breit angelegte Nutzung elektronischer Texte das Wort zu reden. Und dies vor allem deshalb, weil, auch wenn das Lesen auf Papier besser sein mag als das auf dem Bildschirm (wenn es um das Verständnis des Textes geht), es sich dabei nicht um eine Wahl handelt, die Menschen immer haben.

Ich lese an jedem Tag ein Dutzend Zeitungsartikel, Reportagen, Interviews und Rezensionen. Ermöglicht wird dies durch das Internet und meine verschiedenen elektronischen Geräte, die mit ihm verbunden sind; mit der Ausnahme der "New York Times“ und ein oder zwei Magazinen, die ebenfalls New York im Titel tragen, nutze ich Publikationen, zu denen ich keinen Zugang hätte, würde ich sie als physisch greifbare Exemplare abonnieren wollen. Das Lesen digitaler Inhalte macht meine Welt unendlich viel größer, als wenn ich darauf beschränkt wäre, alles nur in der Druckfassung lesen zu können und dies gilt, denke ich, für die meisten Menschen. Und wenn ich hierbei ein paar Prozent meines Verständnisses einbüßen sollte, weil ich es auf dem Bildschirm und nicht in gedruckter Form lese, soll es mir recht sein. Wenn ich schließlich nur die Wahl habe, etwas elektronisch oder gar nicht zu lesen, entschiede ich mich immer für das elektronische Lesen.

Und diese Abwägung gibt es bei allen Medien. Ja, Musik klingt besser auf Vinyl als per MP3, doch habe ich online so viel einfacheren Zugang zur Musik, als wenn ich es per Post bestelle und manchmal Wochen auf die Lieferung warten muss. Und man darf nicht vergessen, dass ja Vinyl selbst auch schon einen Kompromiss darstellt; vor 200 Jahren konnten die Menschen Musik nur hören, wenn sie direkt live vor ihnen gespielt wurde. Ich bin sicher, dass das aufregend war, habe aber keinen Platz für einen Flügel in meinem Wohnzimmer.

Das Gleiche gilt für Filme. Ich würde gern jeden Film in einem großen Kino sehen, mit dem vollen Sound, aber das ist unmöglich. Deshalb begnüge ich mich mit DVDs auf meinem Flachbildschirm und bin, wenn ich auf einem Langstreckenflug bin, zufrieden mit dem Mini-Bildschirm auf der Rückseite des Sitzes meines Vordermannes. Überall gehen wir Kompromisse ein. Und auch wenn ich zögere zu sagen, dass ich lieber eine wichtige aktuelle Nachricht falsch verstehe, als sie komplett zu versäumen, denke ich, dass, wenn es um Geschichten geht, wir dieses Risiko nicht eingehen können. Es geht nicht nur darum, ob wir die Buchseite dem Bildschirm vorziehen; für Millionen würde es bedeuten, gar nichts mehr zu erhalten anstatt etwas.

Ist es schon zu spät?

In seinem Buch "Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht“ spricht Jaron Lanier ausführlich über das Phänomen des "Lock-in-Effekts“ von Software. Damit meint er den Effekt, dass Nutzer sich so daran gewöhnen, dass ihre Software in einer ganz bestimmten Weise funktioniert – selbst wenn sie mit neuen Funktionalitäten viel besser arbeiten könnte – und sie damit in der Zeit „steckenbleibt“. Lanier schreibt: "Der Prozess des Lock-in gleicht einer Welle, die unablässig über das Regelwerk des Lebens hinwegstreicht und die Vieldeutigkeit flexiblen Denkens abschleift, während immer mehr Denkstrukturen sich zu einer dauerhaften Realität verfestigen.“[11]

Ich frage mich, ob es nicht genau das ist, was auch mit der Literatur geschieht. Ist es schon zu spät? Ist der "Lock-in-Effekt“ nicht auch bei der Vorstellung darüber, was ein Buch oder ein Roman ist, in den Köpfen der Leser zu erkennen? Und ist es so nicht eine vergebliche Hoffnung, sie dazu zu bringen, sich etwas Neuem zu öffnen? Falls ja, wäre es sehr schade, denn die Geschichte des Romans ist eine der Innovation und des Wandels. Vom Briefroman bis zum Bewusstseinsstrom hat sich die Form des Romans – über Hunderte von Jahren – entwickelt. Ist es so abwegig, sich zu wünschen, dass sie sich ein weiteres Mal verändert? Oder ist es, wie ich es bereits andeutete, letztlich nur eine Frage der Terminologie, und wir brauchen lediglich einen neuen Namen für den digitalen Roman-Hybrid, den ich anrege?

Oder sind tatsächlich wir es, die "steckengeblieben“ sind? Wir lehnen es ab, unser Denken zu ändern oder uns die Literatur als etwas anderes vorzustellen, als das, was wir kennengelernt haben. Sollte dies wirklich der Fall sein, wäre es nicht nur eine Schande, sondern auch ein Versagen unserer kollektiven Vorstellungskraft.

Was Werke wie die "Odyssee“, "Alice im Wunderland“ und "Gullivers Reisen“ so wundervoll macht (und was sie über all die Jahre in unserem kollektiven Bewusstsein verbleiben ließ), ist, dass sie uns einladen, unsere Vorstellungskraft zu nutzen. Es sind Werke, in denen wir selbst unseren Platz finden. Egal, wie viele auf der Grundlage von Lewis Carrolls Klassiker basierende Real- oder Animationsfilme gedreht werden, existiert Alice erst dann, wenn wir selbst sie in unseren Köpfen erschaffen, und nur dann wird ihre Reise in den Kaninchenbau auch zu unserer eigenen Reise.

Was wir jetzt brauchen, ist ein weiterer, und vielleicht letzter Schub für unsere Vorstellungskraft. Wir brauchen Autoren, welche die sich heute bietenden digitalen Möglichkeiten nutzen, um das Erzählen neu zu erfinden; und wir brauchen Leser, die diese Erfahrungen annehmen und sich zu eigen machen. Die Alternative wäre eine Zukunft des "unrealized sound“, eine Welt, in der die Geschichten von Morgen tatsächlich die Geschichten von Gestern sind.

Fußnoten

9.
Nicholas Carr, Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert, München 2010, S. 199 (engl.: The Shallows: What the Internet is Doing to Our Brains, New York 2010).
10.
Ebd., S. 202.
11.
Jaron Lanier, Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht, Berlin 2010, S. 21 (engl.: You Are Not a Gadget. A manifesto, New York 2010).