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6.11.2012 | Von:
Joachim Detjen

Mitreden können: Die Bedeutung der politischen Beredsamkeit in der Demokratie

Reden einordnen können

Die Bürger können den Redeleistungen der professionellen Politiker nur gerecht werden, wenn sie sich die Bedingungen vor Augen führen, unter denen Politiker kommunikativ handeln. Die Politolinguistik hat hierzu viel Erhellendes beigetragen. Sie unterscheidet zunächst einmal drei politische Kommunikationsstile.

Die politische Arbeitskommunikation wird genutzt, wenn Politiker unter Ausschluss der Öffentlichkeit um die Lösung von Problemen ringen. Die Kommunikation ist streng sachbezogen. Es fehlen polemische Angriffe gegen den politischen Gegner. Die Öffentlichkeit nimmt diesen Kommunikationsstil kaum wahr, weil er hinter verschlossenen Türen praktiziert wird.

Die politische Darstellungskommunikation wird verwendet, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit über einen politischen Gegenstand zu informieren. Sie zielt also auf öffentliche Wirkung ab. Ihr Kennzeichen ist, dass sie den Gebrauch der Fachterminologie vermeidet und die Komplexität des betreffenden Gegenstandes reduziert. Weiterhin ist sie nicht völlig ideologiefrei, da unter den Bedingungen einer Parteiendemokratie der Darstellende seine eigene politische Position ins rechte Licht zu rücken versucht.

Die politische Durchsetzungskommunikation ist auf den politischen Kampf optimiert. Wer diese Sprache benutzt, handelt nicht verständigungsorientiert, sondern strategisch: Er wendet ein Repertoire rhetorischer Mittel an, das den Zweck hat, der eigenen Position zum Sieg über die politischen Widersacher zu verhelfen. Das Repertoire reicht vom beschönigenden Euphemismus über die polemische Übertreibung und die bewusst eingesetzte Tabuverletzung bis hin zur rhetorischen Degradierung des Gegners. Anwendung findet dieser Kommunikationsstil im Wahlkampf, in parlamentarischen Debatten und in konfrontativ angelegten politischen Fernsehsendungen. Sie kommt in abgeschwächter Form zum Tragen, wenn Politiker in ihren Parteien um Ämter und Kandidaturen für Wahlmandate konkurrieren.[21]

In politischen Reden, die der Logik der Durchsetzungskommunikation folgen, lässt sich der Einsatz bestimmter rhetorischer Mittel beobachten. Diese Mittel können drei übergeordneten Absichten zugeordnet werden, nämlich der Aufwertung der eigenen Position, der Abwertung der gegnerischen Position oder der Beschwichtigung des Publikums. Die Aufwertung hat den Zweck, die eigene Position in so günstigem Licht erscheinen zu lassen, dass die Adressaten ihr zustimmen "müssen". Die Abwertung hat den Zweck, die Position des Gegners in einem so schlechten Licht darzustellen, dass das Publikum sie grundlegend ablehnt. Die Beschwichtigung hat den Zweck, aufkommenden Unmut über die vom Redner vertretene Politik zu besänftigen und womöglich vorhandenes Misstrauen ihm oder seiner Partei gegenüber abzubauen.[22]

Politiker sprechen unter vier Bedingungen, von deren Berücksichtigung der Erfolg ihrer Reden nicht unwesentlich abhängt. Die erste Bedingung ist die Mehrfachadressierung. Damit ist gemeint, dass im Zeitalter medialer Öffentlichkeit Äußerungen zwangsläufig an mehrere Adressaten gerichtet sind. Im Falle einer Rede richtet sich der Politiker explizit nur an die physisch Anwesenden. Diese bilden die interne Öffentlichkeit. Er richtet sich implizit aber auch an das über die Medien präsente Massenpublikum. Dieses bildet die externe Öffentlichkeit. Diese Situation stellt eine große Herausforderung dar, denn der Redner muss beachten, dass die interne Öffentlichkeit seinen Äußerungen eine andere Bedeutung zuschreiben kann als die externe Öffentlichkeit.[23]

Die zweite, mit der Mehrfachadressierung zusammenhängende Bedingung besteht in der Heterogenität der Adressaten. Politiker müssen einen hohen Grad unterschiedlicher Einstellungen, Erwartungen und Kenntnisstände ihrer Adressaten in Rechnung stellen. Ferner müssen sie davon ausgehen, dass ihre Botschaften bei manchen Hoffnungen auslösen, während sie bei anderen zu Befürchtungen führen. Weil schließlich ganz verschiedene Gruppen – politisch interessierte Laien, sachverständige Interessenvertreter, kritische Journalisten – ihre Rede hören werden, stehen sie vor der zusätzlichen Herausforderung, den richtigen Ton zu finden.[24]

Die dritte Bedingung ist ein Dilemma, das sich aus der Prozessualität von Politik ergibt: nämlich sich über einen Gegenstand äußern zu sollen, obwohl es hierfür noch zu früh ist. So erwartet die Öffentlichkeit häufig Auskunft zu Sachverhalten, über die der Meinungs- und Willensbildungsprozess innerhalb von Partei, Fraktion oder Regierung noch gar nicht abgeschlossen ist. Erwartet wird also die Bekanntgabe eines Resultates, das es noch gar nicht gibt. Angesichts dieser Situation ist es klug für Politiker, sich nicht allzu sehr festzulegen, sich also nur allgemein auszudrücken.[25]

Die vierte Bedingung schließlich besteht in der Repräsentanz von Politikeräußerungen. In der Parteiendemokratie treten Politiker nicht als Individuen mit individuellen Meinungen auf. Vielmehr äußern sie sich als Repräsentanten einer Partei, einer Fraktion, der Regierung oder – im Falle des Staatsoberhauptes – des Staates. Das bedeutet, dass sie nicht wirklich frei sind in dem, was sie sagen. Sie müssen in ihren Reden Rücksicht nehmen auf die Sprachregelungen der Organisation oder Institution, in deren Namen sie sprechen.[26]

Schluss

Das Wort "Rhetorik" hat einen unguten Klang, jedenfalls in der Umgangssprache. Rhetorik riecht nach Populismus, wenn nicht nach Demagogie. Hierzu passt, dass die Vorstellung der Schein- und Lügenkunst der Rhetorik weit verbreitet ist.[27]

Die Rhetorik begleitet nun aber nicht nur generell die Politik, sie ist, wie Walter Jens es bildlich ausdrückte, darüber hinaus eine Tochter der Republik und untrennbar mit dem Schicksal der Demokratie verbunden.[28] In der Tat: Die echte politische Rede ist konstitutiv an Freiheit und Gleichheit als Bedingung ihrer Möglichkeit gebunden. Die Bedeutung der Beredsamkeit für die Demokratie hat niemand besser umschrieben als Friedrich Nietzsche. Von ihm stammt der Satz, dass die Rhetorik "das größte Machtmittel inter pares" sei.[29]

Fußnoten

21.
Vgl. Werner J. Patzelt, Politiker und ihre Sprache, in: Andreas Dörner/Ludgera Vogt (Hrsg.), Sprache des Parlaments und Semiotik der Demokratie, Berlin–New York 1995, S. 17–54, hier: S. 18.
22.
Für Einzelheiten vgl. Hans Dieter Zimmermann, Die politische Rede, Stuttgart u.a. 19753, S. 160f.
23.
Vgl. Peter Kühn, Adressaten und Adressatenkarussell in der öffentlichen politischen Auseinandersetzung, in: Rhetorik, 11 (1992), S. 51–66, hier: S. 57f.
24.
Vgl. Josef Klein et. al., Parlamentsrede, in: G. Ueding (Anm. 8), Sp. 582–637, hier: Sp. 631.
25.
Vgl. W.J. Patzelt (Anm. 21), S. 35ff.
26.
Vgl. M. Schröter/B. Carius (Anm. 3), S. 78.
27.
Vgl. Manfred Fuhrmann, Die Tradition der Rhetorik-Verachtung und das deutsche Bild vom "Advokaten" Cicero, in: Rhetorik, 8 (1989), S. 43–55, hier: S. 46.
28.
Vgl. Walter Jens, Von deutscher Rede, München 1969, S. 17.
29.
Zit. nach: Josef Kopperschmidt, Öffentliche Rede in Deutschland, in: Muttersprache, 99 (1989), S. 213–230, hier: S. 214.
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