2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Haci-Halil Uslucan

Familiale Einflussfaktoren auf delinquentes Verhalten Jugendlicher

Rolle der Familie für das Gewalthandeln

Die Beschäftigung mit den Ursachen delinquenten Verhaltens kommt um die Institution der Familie nicht umhin, gehen doch gerade von ihr die bedeutendsten Impulse für Sozialisation und individuelle Entwicklung junger Menschen aus. Kulturhistorisch war Familie stets der Ort der primären Einweisung des Menschen in die Welt: In der Familie erfahren Kinder sowohl zuerst als auch am intensivsten elementare Gefühle wie Sicherheit, Geborgenheit, Liebe, Respekt oder Hilfsbereitschaft. Die eigenen Eltern sind die ersten Lehrerinnen und Lehrer, Bildnerinnen und Bildner des Menschen. Deshalb kann Familie sowohl ein zentraler Protektor als auch – im ungünstigen Fall – ein zentraler Risikofaktor im Leben junger Menschen sein. So zeigen beispielsweise Ergebnisse der Bindungstheorie, dass Kinder mit stabilen Bindungen an ihre primären Bezugspersonen über besser entwickelte soziale Fähigkeiten verfügen, während unsichere frühkindliche Bindungen, insbesondere bei Jungen, häufiger mit aggressivem Verhalten einhergehen.

Vor allem bei kindlichen Gewalttaten wird davon ausgegangen, dass die Erfahrung von Gewalt in der Erziehung den Kindern modellhaft vorführt, wie Konflikte mit Gewalt zu lösen sind.[8] Eltern dienen dabei als primäre Modelle kindlichen Verhaltens. Einheitlich zeigen die Befunde, dass Kinder mit Gewalterfahrung im Elternhaus häufig auch gegenüber Gleichaltrigen aggressiver sind als Kinder ohne Gewalterfahrung. Auch Gewalt befürwortende Einstellungen sind bei Jugendlichen mit familialer Gewalterfahrung deutlich stärker ausgeprägt als bei jenen ohne Gewalterfahrung, wobei dieser Zusammenhang sich für männliche Jugendliche als stärker erweist als für weibliche.

Als psychologische Erklärung aus Resultaten der Bindungsforschung ist anzunehmen, dass Kinder, die im Elternhaus Gewalt erleiden, vermutlich zugleich bereits im Kleinkind- und Säuglingsalter nicht über verlässliche Bezugspersonen verfügten, somit von früh an eher misstrauisch gegenüber ihrer Umwelt waren und diese eher feindselig wahrgenommen haben. Im Kontakt mit anderen Kindern nehmen sie sich häufiger von diesen abgelehnt oder bedroht wahr, interpretieren die Handlungen anderer eher als feindselig oder provokativ und fühlen sich stärker genötigt, der vermeintlichen Bedrohung durch Gegenangriffe zuvorzukommen. Erlernte gewalttätige Muster werden dann in ähnlichen biografischen Kontexten wiederholt.

Nicht zuletzt zeigen Studien, dass in einem aggressiven Familienklima aufgewachsene Jugendliche nicht nur gegenüber Gleichaltrigen aggressiver waren, sondern sich auch als Erwachsene gegenüber ihren Kindern feindseliger verhielten als relativ unbelastet oder emotional akzeptiert aufgewachsene Jugendliche.[9] Gleichwohl die plakative Feststellung "Gewalt erzeugt weitere Gewalt, und geschlagene Kinder werden selber zu Schlägern" in dieser Verkürzung nicht haltbar ist – denn Gewalt erfahrende Kinder können später auch depressive Verstimmungen und Rückzugsneigungen haben –, ist festzuhalten, dass das Risiko der Gewaltweitergabe bei selbst erfahrener Gewalt steigt, weil in der individuellen Entwicklung vor allem der aggressive Stil der erlebten Interaktion, also die speziellen Muster der Konfliktaustragung und Emotionsregulierung der Eltern, erworben und weitergegeben werden.[10]

In anderen Arbeiten, so etwa bei der sehr aufwendigen und anspruchsvollen Längsschnittstudie "Rochester Youth Development Study",[11] sind die Zusammenhänge deutlicher. Die Studie konnte die Transmissionseffekte überzeugend belegen, da ein direkter Einfluss von erfahrener Gewalt auf die ausgeübte Gewalt festzustellen war. Dabei hatte die elterliche Gewalterfahrung im Alter von 12 bis 17 Jahren deutlich stärkere Effekte auf das eigene Gewaltverhalten (um das 5,2-fache gegenüber unbelasteten Jugendlichen) im Vergleich zu Jugendlichen, die Gewalt im Alter von 0 bis 11 Jahren erfuhren (um das 1,7-fache gegenüber unbelasteten Jugendlichen). Am stärksten jedoch war die Gewaltbelastung der Jugendlichen, wenn sie bereits früh begann und immer noch anhielt.[12] Ferner sind gesicherte Zusammenhänge zwischen elterlicher körperlicher Züchtigung und jugendlichem Befinden wie etwa Depressivität, Suizidalität und Selbstwertgefühl vorzufinden. Mit anderen Worten: Hohe Gewalterfahrungen schlagen sich auch in erhöhten Raten an Depressivität von Jugendlichen nieder.[13]

Fasst man darüber hinaus die Ergebnisse familienpsychologischer Forschung zusammen, so sind sowohl für die Entwicklung als auch für die Verfestigung von Verhaltensauffälligkeiten bei Jugendlichen der Erziehungskontext beziehungsweise die elterlichen Erziehungsstile als eine bedeutsame Dimension herauszustellen.[14] Dabei kann von einer Inkonsistenz der Erziehungsstile zwischen den Elternteilen (Mutter, Vater oder andere primäre Bezugspersonen) und einer zeitlichen Inkonsistenz innerhalb der Verhaltensweisen eines Elternteils unterschieden werden, etwa der unterschiedlichen Reaktionen bei einander vergleichbaren erzieherischen Situationen. Zu vermuten ist, dass erzieherisch unberechenbar erlebte Elternteile die Kompetenz von Kindern und Jugendlichen, das Verhalten von Koakteuren im Alltag angemessen zu antizipieren, vermindern, weshalb diese dann häufiger in Konflikte mit Gleichaltrigen geraten und durch die höhere Konfliktanfälligkeit auch ein höheres Maß an Verletzbarkeit zeigen oder vermehrt in die Opferrolle geraten. Psychologisch betrachtet hat eine inkonsistente Erziehung (das heißt eine Unklarheit über die gültigen erzieherischen Normen) für Kinder in der Regel negative Folgen für die Entwicklung, weil sich dadurch ein "internales" Kontrollbewusstsein – das Gefühl, die Umwelt durch das eigene Handeln steuern und mitgestalten zu können – schwächer ausbildet.

Auf der anderen Seite können in der Familie natürlich auch Ressourcen identifiziert werden: So hat sich etwa gezeigt, dass ein als positiv erlebtes Familienklima Gewalt hemmende Wirkungen entfaltet. Insofern ist die Deutung naheliegend, dass ein harmonisch erlebtes Familienklima Kindern und Jugendlichen positive Orientierungen und Handlungssicherheiten vermittelt, die es ihnen ermöglichen, in gewaltförmigen Situationen sowohl gewaltfreie Konfliktlösungen zu wählen, als auch gegenüber Konformitätsdruck von Gleichaltrigen immun zu sein, indem sie beispielsweise auf die emotionale elterliche Unterstützung zurückgreifen können. Vermutlich "schützen" Eltern, die ihren Kindern im häuslichen Kontext Anerkennung, Akzeptanz und Verbundenheit bieten, diese davor, in Gewalthandlungen involviert zu werden.

Gilt das für alle Elternhäuser? Einige Ergebnisse legen nahe, hier schicht- und milieuspezifische Aspekte zu berücksichtigen, weil dieselben Erziehungspraktiken je nach Kontext unterschiedliche Auswirkungen zeigen können: So wirkte sich beispielsweise laut Studien aus den USA[15] körperliche Bestrafung erst dann negativ aus, wenn bestimmte Schwellenwerte überschritten wurden. Leichte körperliche Bestrafungen führten in manchen Familien zu geringeren Verhaltensproblemen, während dieselbe Maßnahme (wie Klaps auf den Po) in anderen Familien die Eltern-Kind-Beziehung stärker belastete und eher als ein Zeichen mangelnder Erziehungskompetenz gedeutet wurde. Ferner sind die Folgen einer harschen Disziplinierung bei Vorliegen einer grundsätzlich emotional warmen Beziehung zwischen Eltern und Kindern längst nicht so gravierend wie bei einer emotional problematischen Beziehung.[16]

Fußnoten

8.
Vgl. Murray A. Straus, Beating the devil out of them: Corporal punishment in American families, Boston 1994.
9.
Vgl. Angela Ittel/Poldi Kuhl/Nicole Werner, Familie, Geschlechterrolle und Relationale Aggression, in: Angela Ittel/Maria von Salisch (Hrsg.), Lügen, Lästern, Leiden lassen, Stuttgart 2005.
10.
Vgl. Ronald L. Simons et al., Intergenerational transmission of harsh parenting, in: Developmental Psychology, (1991) 27, S. 159–171.
11.
Vgl. zu den zentralen Ergebnissen der Studie: OJJDP Fact Sheet 103/1999, online: http://www.ncjrs.gov/pdffiles1/fs99103.pdf« (8.10.2012).
12.
Vgl. Terence P. Thronberry, The apple doesn’t fall far from the tree (or does it?), in: Criminology, (2009) 47, S. 297–325.
13.
Vgl. Elizabeth T. Gershoff, Corporal punishment by parents and associated child behaviors and experiences, in: Psychological Bulletin, (2002) 128, S. 539–579.
14.
Vgl. Friedrich Lösel/Thomas Bliesener, Zum Einfluß des Familienklimas und der Gleichaltrigengruppe auf den Zusammenhang zwischen Substanzgebrauch und antisozialem Verhalten von Jugendlichen, in: Kindheit und Entwicklung, (1998) 7, S. 208–220.
15.
Vgl. Kirby Deater-Deckard/Kenneth A. Dodge, Externalizing Behavior Problems and Discipline Revisited, in: Psychological Inquiry, (1997) 8, S. 161–175.
16.
Vgl. Andreas Beelmann et al., Zur Entwicklung externalisierender Verhaltensprobleme im Übergang vom Vor- zum Grundschulalter, in: Kindheit und Entwicklung, (2007) 4, S. 229–239.
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