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Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Alex Gertschen

Der tägliche Untergang der Maya

Instrumentalisierung im Namen der Nation …

Von den 111 Millionen Mexikanern sind offiziell über 14 Millionen Ureinwohner. Während sich ihre absolute Anzahl vergrößert, geht ihre relative Bedeutung zurück. 1808 machten sie fast zwei Drittel der 6 Millionen Untertanen im Vizekönigreich Neu-Spanien aus, 1921 betrug ihr Anteil an den 14 Millionen Mexikanern noch knapp ein Drittel. Von den auf über 150 geschätzten Sprachen, die bei der Ankunft der Spanier 1517 existiert haben könnten, haben 68 überdauert. 23 von ihnen sind vom Aussterben bedroht.

Diese harten Zahlen gaukeln jedoch eine Realität vor, die so eindeutig gar nicht greifbar ist. Denn die Frage, wer überhaupt ein Indigener ist, lässt sich nicht leicht beantworten. In der Verfassung werden sie als Angehörige jener Völker definiert, die vor 1517 das heutige Territorium Mexikos besiedelten, die ihre Institutionen und Lebensformen mindestens teilweise erhalten haben und sich auch als indigen betrachten.

Doch was ist mit jenen Völkern, die nach 1517 einwanderten? Was ist mit jenem Drittel der Indigenen, das mittlerweile in der Stadt lebt? Die Natur als Mutter und Ort allen Lebens fällt dort als integraler Bestandteil indigener Kultur weg. "Die Natur hat für städtische Ureinwohner tatsächlich an Bedeutung verloren", sagt Xilonen Luna, eine leitende Angestellte der Nationalen Kommission für die Entwicklung der indigenen Völker. Umso wichtiger sei das fortgesetzte Leben in einer Gemeinschaft. Nur in dieser sei es möglich, die Sprache zu pflegen, Riten und Zeremonien zu feiern. Tatsächlich begründete Doña Carmen ihr Nicht-Maya-Sein damit, dass sie die Sprache ihrer Verwandten nicht mehr spricht. Ob andere überlieferte Praktiken, die sie zum Beispiel im Kreise der Familie oder als Hebamme weiterhin pflegt, ihr eine indigene Identität verleihen oder nicht, hängt vom subjektiven Empfinden ab. Xilonen Luna sagt, indigene Kultur im 21. Jahrhundert dürfe nicht als Verwässerung des prähispanischen Originals gewertet werden. "Die Ureinwohner haben in den vergangenen 500 Jahren eine große Wandlung durchgemacht. Es wäre anachronistisch und unfair, diesen Prozess als Verlust indigener Identität zu werten", sagt sie.

Diese hehre Forderung zerschellt jedoch an der Realität. Trotz den politischen Versuchen, die heutigen Ureinwohner besserzustellen, dominiert in der mexikanischen Gesellschaft eine Vorstellung, die solche Bemühungen untergräbt: Der tote ist der edle, der lebende der minderwertige "Indio". Es erfüllt die Mexikaner mit Blick auf die so mächtigen, bewunderten und zugleich als Parvenus verachteten amerikanischen Nachbarn mit Stolz, dass in ihnen ein uraltes kulturelles Erbe weiterlebt. Von der Eigenbezeichnung der Azteken – "Mexicas" – leitet sich der Name Mexiko ab. Der Adler, der in der Mitte der Nationalfahne prangt, ist jener, der gemäß der Legende die Azteken im 14. Jahrhundert nach langer Wanderschaft ins zentrale Hochtal führte. Mitten in einem riesigen See- und Sumpfgebiet setzte er sich auf einen Kaktus, was die Azteken als Zeichen deuteten, am verheißenen Ort angekommen zu sein. Sie gründeten Tenochtitlán, die prunkvolle Hauptstadt, die 1521 von den Spaniern eingenommen und zerstört wurde. Auf den Ruinen errichteten die Eroberer Mexiko-Stadt. Auf deren Prachtstraße Paseo de la Reforma thront heute aber nicht der siegreiche Hernán Cortés auf einem Denkmal, sondern der letzte Aztekenherrscher Cuauhtémoc.[8]

Doch den heutigen Ureinwohnern dienen solche Rückbezüge und Ehrerweisungen herzlich wenig. Sie sind ein Produkt, das den Interessen der einheimischen Oberschicht entsprungen ist. In der Kolonie hatten die Spanier wie auch die "Criollos", die auf dem amerikanischen Kontinent geborenen Nachkommen spanischer Einwanderer, die prähispanischen Kulturen als gottlos und minderwertig erachtet. Die Zeit vor der Eroberung galt es auszulöschen, nicht weiterzuführen.

Eine Umwertung fand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts statt, als die Unzufriedenheit mit der Krone und das Bedürfnis der Criollos nach Autonomie wuchsen. Im Bestreben, Neu-Spanien politisch und wirtschaftlich unabhängiger zu machen, schürten sie das Bewusstsein von einer kulturellen Eigenständigkeit. Und diese sollte in der eigentümlichen Vermischung von europäischer und prähispanischer Kultur wurzeln. Plötzlich wurden die Ruinen der alten Kulturen nicht weiter zerstört oder dem Verfall überlassen, sondern erforscht und bewahrt. Plötzlich bekamen die "blutrünstigen Heiden" von einst eine noble Rolle zugewiesen: Die im Bau befindliche mexikanische Nation brauchte sie zur Erklärung und Legitimierung ihrer selbst.

Auch in der Außendarstellung sollte die neue Bewertung der Vergangenheit zum Ausdruck kommen. Auf der Weltausstellung von 1889 in Paris trumpfte das Regime von Diktator Porfirio Díaz mit einem Pavillon auf, der auf Grundlage von neuesten archäologischen Erkenntnissen im Stile eines aztekischen Palastes gebaut worden war. Der Historiker Fausto Ramírez schreibt, dass diese Referenz nicht einem beliebigen Volk erwiesen wurde. Im vorangegangenen Projektwettbewerb war auch ein von den Maya inspirierter Pavillon präsentiert worden. Doch ließ sich Díaz’ zentralistische Politik mit den Azteken ungleich besser legitimieren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tobte auf der von der Hauptstadt weit entfernten Halbinsel Yucatán ein Aufstand der Maya gegen den Zentralstaat, der mehrere Hunderttausend Tote forderte. Also zog es der Nationalstaat vor, sich eine aztekische Vorgeschichte zu geben. Unter Díaz wurde auch das erwähnte Denkmal von Cuauhtémoc auf dem Paseo de la Reforma errichtet.

…und des touristischen Geschäfts

Wohl weniger im Wissen um solche Beispiele der Instrumentalisierung der prähispanischen Vergangenheit als vielmehr mit einer historisch geprägten, skeptischen Intuition nehmen die Maya das Tohuwabohu um den 21. Dezember 2012 nicht als Würdigung ihrer selbst, sondern als das wahr, was es ist: ein gutes Geschäft. Sie wissen genau, was die Fremden sehen und hören wollen. Sie führen sie zu den Ruinen und in die Dörfer, wo sie ihnen vortanzen, vorsingen, vorkochen oder zur Schau Mais anpflanzen. Denn dort, im Dorfalltag, hat die prähispanische Kultur am ehesten überdauert. Aber natürlich heben die meisten Maya die kleinen Brosamen des großen Geschäfts als Küchengehilfen, Kellner oder Putzfrauen auf, nicht als Kleinunternehmer.

Eine Interpretation dieser Integration in den kapitalistischen Prozess ist, dass die Maya sich schlicht den Anforderungen und Chancen der Gegenwart anpassen und so dereinst – womöglich – aus der verbreiteten Armut aufsteigen werden. Der Anthropologe Luis Ramírez hingegen glaubt, dass die Maya zu ihrer eigenen Musealisierung beitragen, wenn sie ihren Alltag der touristischen Nachfrage anpassen. Ihre Kultur verliere dadurch an Authentizität und Lebendigkeit. In dieser Perspektive vollzieht sich der Untergang der "tiefen" Kultur, die im dörflichen Alltag die spanische Vernichtungspolitik und die Jahrhunderte überdauert hat, tagtäglich und leise, am Abend vor und wahrscheinlich auch am Morgen nach dem Ende des vierten Weltzeitalters.

Fußnoten

8.
Vgl. zur Bedeutung der prähispanischen Zeit für die Konstruktion der mexikanischen Nation die Beiträge in Arqueología Mexicana, 17 (2009) 100, mit dem Schwerpunktthema "Arqueología e identidad nacional".
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