Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.

23.4.2013 | Von:
Laura Kajetzke
Anina Engelhardt

Leben wir in einer Wissensgesellschaft?

Thematisierung der Wissensgesellschaft in Bildung, Wirtschaft und Politik

Da sich die Themen der Zeitdiagnose "Wissensgesellschaft" um den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Wandel durch Wissen sowie um die Bedeutung von Wissen drehen, arbeiten nahezu alle Bereiche der Gesellschaft mit der ihr zur Verfügung gestellten Deutung als Legitimationsgrundlage für die jeweilige erzieherische, (bildungs-)politische und ökonomische Praxis.

Im Bereich der Erziehung, Bildung und Wissenschaft wird die Diagnose am häufigsten als unvermeidbare "Krise" mit dringendem Handlungsbedarf aufgegriffen. Zusätzlich spielt der Begriff des "lebenslangen Lernens" eine Rolle für Anforderungen an die Individuen in einer Wissensgesellschaft. Das Thema wird auf allen Stufen des Bildungsweges – von der frühkindliche Förderung bis zur Hochschule – angesiedelt. In den Debatten ist dabei strittig, bei wem die gestalterischen Zuständigkeiten liegen: Politik, Schule oder Elternhaus. Daneben werden Fragen der Verantwortlichkeit für Medienkompetenz, die mediale Vermittlung von Wissen und die soziale Gerechtigkeit gestellt. Bedenklich ist, dass in Bezugnahme auf die Zeitdiagnose Wissensgesellschaft Prozesse der Ökonomisierung und Standardisierung von Bildungsprozessen oft als notwendiges Übel dargestellt werden, um auf einem globalisierten Arbeitsmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.[8]

In den Feldern Politik und vor allem in der Wirtschaft werden wissensgesellschaftliche Problemlagen häufiger als Herausforderungen denn als Krise thematisiert. Insbesondere wird Bildung als wichtigste ökonomische Ressource der Gegenwart und Zukunft hervorgehoben. Im Bereich staatlicher Politik findet sich die paradoxe Situation, dass in Bezugnahme auf die vermeintlichen Anforderungen einer sich am Horizont abzeichnenden Wissensgesellschaft deregulierende Maßnahmen wie beispielsweise der Abbau sozialer Sicherungssysteme durchgesetzt werden, die faktisch einen Bedeutungsverlust des politischen Feldes bewirken.[9] Auch ist die beständige Bezugnahme auf die Schlagworte "Innovation" und "Kreativität" in Verbindung mit der Wissensgesellschaft zu verzeichnen, inszeniert als anhaltende Handlungsaufforderung an die Akteure, ihre Fähigkeiten und Kompetenzen zu erweitern.

Die Rede von der Wissensgesellschaft erzeugt und verschärft gesellschaftliche Gegensätze. Im Hinblick auf die Arbeitswelt werden "Gewinner" und "Verlierer" stilisiert, die als zeitgemäße Vorreiter flexibel und lernbereit sind beziehungsweise als "nicht anpassungsfähig" und "abgehängt" stigmatisiert werden. Importiert aus der Diskussion um Ungleichheiten im Bildungssystem verschärft der Verweis auf die Wissensgesellschaft die Dramatik von Inklusions- und Gerechtigkeitsproblemen spezifischer gesellschaftlicher Gruppierungen wie "Kinder mit Migrationshintergrund" oder "Kinder aus sozial schwachen Familien". Doch werden Rezepte zur Überwindung der Krise angeboten. Damit wird der Wandel als kontrollierbar dargestellt.

Es sollte deutlich geworden sein, dass die Zeitdiagnose "Wissensgesellschaft" mehr als eine Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse ist. Mit ihrer Hilfe werden in den einzelnen sozialen Feldern Verhältnisse gemacht und begründet: "Die Formel der ‚Wissensgesellschaft‘ wird selbst zu einem Akteur in diesem Geschehen (…). Sie gewinnt eine überragende ‚Deutungsmacht‘."[10] Im Folgenden werden wir uns denjenigen sozialwissenschaftlichen Ansätzen zuwenden, die eine solche Durchschlagskraft dieser Zeitdiagnose mit ermöglicht haben.

Gewandeltes Wissen der Wissensgesellschaft: Drei Begründungsfiguren

Den drei Zeitdiagnostikern Nico Stehr, Helmut Willke und Karin Knorr Cetina kommt das Verdienst zu, jeweils ein sozialwissenschaftlich gehaltvolles Konzept der Wissensgesellschaft entworfen zu haben, das sich nicht damit begnügt, lediglich einen quantitativen Zuwachs des Wissens zu behaupten. Sie unternehmen den Versuch, die veränderte Qualität gegenwärtigen Wissens in den Blick zu nehmen.

Die zunehmende Zerbrechlichkeit gegenwärtiger Gesellschaften ist die zentrale Beobachtung des Soziologen Nico Stehr. Die moderne Welt sei komplexer geworden als jede Gesellschaftsform vor ihr. Technische Innovationen und wissenschaftliche Erkenntnisse verursachen maßgeblich den gesellschaftlichen Wandel. Stehr kritisiert, dass diese Entwicklung von vielen soziologischen Ansätzen eher pessimistisch beurteilt wird, als ob Wissen sich verselbstständige und den Menschen wie eine Naturgewalt gegenüber trete. Laut dieser Argumentation sei eine zunehmende Entmachtung und Versklavung des Menschen zu erwarten.[11] Dieser negativen Ausdeutung stellt sich Stehr entschieden entgegen. Technisches und wissenschaftliches Wissen mögen der Motor für gesellschaftlichen Wandel sein, doch unterjochen diese Wissensformen die Akteure keinesfalls, da es sich nicht um objektives, stabiles und eindeutiges Wissen handele. Im Gegenteil: Das Wissen sei hochgradig instabil, es werde ständig infrage gestellt, müsse revidiert, erneut angeeignet und angewendet werden. Moderne Gesellschaften zeichnen sich folglich durch die ständige Produktion unsicheren Wissens aus, daraus bestehe ihr neues, wackeliges Fundament. Doch gerade diese Unsicherheit sei es, die den Menschen neue Handlungspotenziale eröffne. Mehr als in jeder anderen Gesellschaftsform zuvor steht Stehr zufolge Akteuren in zerbrechlichen Wissensgesellschaften die Möglichkeit des Andershandelns offen, des Ausbrechens aus Routinen und des Hinterfragens von Selbstverständlichkeiten.[12]

Der Systemtheoretiker Helmut Willke setzt in seiner Beweisführung, dass die Menschheit sich auf dem Weg in die (Welt-)Wissensgesellschaft befinde, auf der Ebene der gesellschaftlichen Strukturen an. In einer solchen Gesellschaft seien die einzelnen Funktionssysteme wie Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Religion und Sport "von wissensabhängigen Operationen durchdrungen".[13] Wissen werde – neben Geld und Macht – zum wichtigsten Steuerungsmedium in den sozialen Systemen. Als zentrale Eigenschaften des gewandelten Wissens hebt Willke hervor, dass es nicht mehr vorrangig der Tradierung von Wissensbeständen diene, sondern in die Zukunft gerichtet sei.[14] Außerdem zeichne es sich durch einen starken Praxisbezug aus. Jede Art von "auf Erfahrung gegründete, kommunikativ konstruierte und konfirmierte Praxis"[15] enthalte Wissen. Entsprechend verliere es den Nimbus einer überhöhten Seinsart. Kriterium für die Relevanz des Wissens werde Effizienz statt Wahrheit. Wissen könne als Ressource im Kampf um Erfolg eingesetzt werden. Weiterhin unterstreicht Willke die enge Verknüpfung von Wissen mit Nichtwissen. Jede Form neuen Wissens bringe demzufolge Risiken und damit neues Nichtwissen hervor, wie sich gut an technischen Neuerungen wie militärisch eingesetzten Dronen verdeutlichen lässt. Schließlich diagnostiziert Willke eine Diffusion dieses für unsere Gegenwart typischen Wissens in alle gesellschaftlichen Teilbereiche. Wichtige Produzenten und Speicher dieses Wissens seien lernende Organisationen, die in der Lage sind, eine eigene Form von Intelligenz aufzubauen.

Einen ganz anderen Pfad der Begründung schlägt die Soziologin Karin Knorr Cetina ein. Ihr Hauptargument zielt auf ein gewandeltes Verhältnis zur Objektwelt.[16] Die Wissensgesellschaft, die sie umreißt, ist gleichzeitig auch eine postsoziale Gesellschaft, in der soziale Bindemittel wie Klassenzugehörigkeiten, soziale Sicherungssysteme oder die Institution "Ehe" erodieren. Doch anstatt ein Verschwinden von sozialem Zusammenhalt zu beklagen, interessiert sich Knorr Cetina vielmehr für die neuen Formen der Sozialität, die an die Stelle der alten Beziehungen treten. Objekte werden ihrer Diagnose zufolge immer wichtiger: zum einen für die Vermittlung in menschlichen Beziehungen, zum anderen aber auch als "Beziehungspartner" selbst. Die Objekte der Gegenwart, die uns im Alltag und Beruf begegnen, seien häufig wissensbasiert und treten in vielerlei Formen auf, beispielsweise als Konsumobjekte, Designerstücke oder Kunstwerke. Sie laden dazu ein, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, stellen gewissermaßen "Beziehungsanforderungen", aber im Gegenzug helfen sie den Individuen bei ihren Versuchen der Identitätsbildung.[17] Wissen spiele bei der Veränderung der Gesellschaft hin zu einer postsozialen Wissensgesellschaft eine maßgebliche Rolle. Knorr Cetina vergleicht Wissen mit einem Virus, der sich in die sozialen Beziehungen einniste und diese umgestalte.[18] Besonders die Art der systematischen Wissensgewinnung in naturwissenschaftlichen Laboratorien und die Sorgfalt und Neugier, mit der dort die Objekte des Wissens untersucht werden, stehen für Knorr Cetina im Fokus. Das Labor ist in dieser Argumentation die Blaupause für die Wissensgesellschaft: wichtigster Ort der Produktion relevanten Wissens und Vorreiter für eine Art der Wissensermittlung, die sich bis in den alltäglichen Bereich hinein durchsetze.

Zerbrechliche Gesellschaften und gesteigerte Handlungsmöglichkeiten (Stehr), wissensbasierte Funktionssysteme und lernende Organisationen (Willke), objektbezogene Sozialbeziehungen, die vom Virus Wissen infiziert sind (Knorr Cetina), stellen hier drei Begründungsfiguren zur Wissensgesellschaft dar, die unterschiedlicher nicht sein könnten, doch haben sie alle gleichermaßen zur Plausibilität und zum Erfolg der Zeitdiagnose "Wissensgesellschaft" beigetragen.

Fußnoten

8.
Vgl. Heike Kahlert, Bildung und Erziehung: Transformationsprozesse sozialer Ungleichheiten?, in: Anina Engelhardt/Laura Kajetzke (Hrsg.), Handbuch Wissensgesellschaft. Theorien, Themen und Probleme, Bielefeld 2010, S. 141–157.
9.
Vgl. Uwe Bittlingmayer, "Wissensgesellschaft" als Wille und Vorstellung, Konstanz 2005, S. 107ff.
10.
Rainer Schützeichel, Deutungsmacht: "Wissensgesellschaft" als self-fulfilling prophecy?, in: A. Engelhardt/L. Kajetzke (Anm. 8), S. 326.
11.
Stehr bezieht sich hier auf Argumentationsstränge soziologischer Klassiker wie Max Weber oder Helmut Schelsky. Das dunkel gefärbte Zukunftsbild eines "stählernen Gehäuses der Hörigkeit" zeichnete Weber bereits in der Gründungsphase seiner Disziplin. Vgl. Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Vollständige Ausgabe, München 2004, S. 200ff.
12.
Vgl. Nico Stehr, Moderne Wissensgesellschaften, in: APuZ, (2001) 36, S. 7–14.
13.
Helmut Willke, Wissensgesellschaft. Kollektive Intelligenz und die Konturen eines kognitiven Kapitalismus, in: Hanno Pahl/Lars Meyer (Hrsg.), Kognitiver Kapitalismus. Soziologische Beiträge zur Theorie der Wissensökonomie, Marburg 2007, S. 195.
14.
Exemplarisch ist dafür die wissenschaftliche Praxis des Experiments. Prinzipiell geht es um die Erschließung neuer Wissensbestände statt um die Speicherung bekannten Wissens, das in dieser Logik durch aktuelleres Wissen ersetzt wird.
15.
Helmut Willke, Dystopia. Studien zur Krisis des Wissens in der modernen Gesellschaft, Frankfurt/M. 2002, S. 14.
16.
Sie steht damit in der Tradition der Akteur-Netzwerk-Theorie, die eine stärkere Berücksichtigung der Dingwelt in der Sozialtheorie einfordert und dabei sogar so weit geht, Objekten den Status von Akteuren zuzusprechen, da diese in Interaktionen involviert seien und dabei genauso widerspenstig und eigenwillig sein können wie menschliche Akteure. Neben Knorr Cetina zählen unter anderen Bruno Latour, Michel Callon und John Law zu den bekanntesten Vertretern dieses Ansatzes.
17.
Vgl. Karin Knorr Cetina, Die Wissensgesellschaft, in: Armin Pongs (Hrsg.), In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?, Bd. 2, München 2000, S. 161.
18.
Vgl. dies., Umrisse einer Theorie des Postsozialen, in: H. Pahl/L. Meyer (Anm. 13), S. 160.
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