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9.7.2013 | Von:
Roland Eckert

Radikalisierung – Eine soziologische Perspektive

Individuelle Prozesse der Radikalisierung – am Beispiel von Fremdenfeindlichkeit

Im Folgenden ist zu klären, wie aus der Scheu und der Furcht vor Fremden, die in unserem Alltag immer wieder auftreten (und durchaus Schutzfunktionen haben), Feindlichkeit werden kann. Dieser Prozess lässt sich in sechs Stufen aufgliedern, auf denen jeweils besondere Interventionschancen bestehen.[8]
  1. Die Erfahrung von Fremdheit hat oftmals eine erste, vorideologische Basis.[9] Bereits ungewohnte Kleidung oder Haarfarbe oder eine für Einheimische unverständliche Sprache, erzeugen ein "Befremden": die Routine der Erwartungen im Alltag und das aus ihr erwachsende Vertrauen, der common sense, [10] werden gestört.[11] Erst wenn persönliche Interaktion und Kooperation zwischen Menschen einander fremder Gruppen stattgefunden und zu positiven Lernprozessen geführt haben, sedimentiert sich neues Vertrauen. Für die Irritation durch wahrgenommene Fremdheit sind insbesondere Menschen anfällig, die bereits in der Kindheit verunsichert worden sind. Sie reagieren schneller ängstlich und abweisend als andere.[12]

  2. Auf einer zweiten Stufe erzeugt schon das Bewusstsein der Zugehörigkeit ("Wir sind ein Volk!") auch immer Definitionen von Nicht-Zugehörigkeit anderer, um die man sich nicht in gleicher Weise kümmern muss. Die abgestufte Verantwortlichkeit und Solidarität, die so zum Ausdruck kommen, gehören zweifellos zu den Grundlagen allen menschlichen Zusammenlebens und können daher nicht insgesamt den illegitim beanspruchten Vorrechten von jeweils "Etablierten" zugeschlagen werden. Wir kümmern uns um Verwandte, Freunde und Nachbarn mehr als um Menschen, die wir nicht kennen. Dies ist nicht notwendig mit Ablehnung und Diskriminierung oder gar Hass und Gewalt verbunden. Es kann jedoch als Begründung für solche Haltungen ins Feld geführt werden.

  3. Feindlichkeit gegen Fremde im engeren Sinn entsteht zumeist auf einer dritten Stufe, wenn Fremdheitserlebnisse, die Vermutung von Konkurrenz oder gar Bedrohung psychisch nicht bewältigt werden. Darum sollten wir Situationen nicht übersehen, an denen sich Feindschaft kristallisieren kann: geglaubte Konkurrenz um Wohnraum, um Arbeitsplätze, um Sozialhilfe, um die Sprache in der Schulklasse, um den öffentlichen Raum oder die Geltung im Stadtviertel können dazu führen, dass die Karte der Abwertung von Anderen gezogen wird, um die eigene Stellung abzusichern.

  4. Auf einer vierten Stufe hat Fremdenfeindlichkeit mit den Fremden selbst kaum mehr etwas zu tun. Menschen, die sich der verschärften Konkurrenz in der Gesellschaft nicht gewachsen fühlen, sind versucht, ihre Verunsicherung mit der Aufwertung "angeborener Merkmale" zu kompensieren: dem eigenen Geschlecht oder der ethnischen Herkunft. Dies geht dann einher mit der Abwertung anderer, die diese Merkmale nicht haben, also mit rassistischen oder sexistischen Ideologien.

  5. Auf einer fünften Stufe kann die Zugehörigkeit zu einer geglaubten Gemeinschaft eines Volkes, einer "Rasse" oder besonderen Religions- und Weltanschauung andere Loyalitäten verdrängen und sich so verabsolutieren. Wenn dann der Pluralismus der Gesellschaft bekämpft wird, in der auch "die Anderen" Platz haben, gerät Fremdenfeindlichkeit in den Gegensatz zur Verfassung, in der Menschenrechte zum unveränderlichen Teil der Rechtsordnung erklärt sind: Sie wird extremistisch.

  6. Auf einer sechsten Stufe werden dann "Taten statt Worte" gefordert, um zum Beispiel die "Reinheit" oder die Herrschaft eines vorgestellten Kollektivs zu sichern oder wiederherzustellen. Das können das "deutsche Volk", die "weiße Rasse" oder auch die "reine Lehre des Islam" sein. Damit beginnt der Weg in Gewalt, in Terror und Bürgerkrieg. Weil die Transformationen in Gewalt und durch Gewalt nicht generell auf Fremdenfeindlichkeit zurückgeführt werden können, sondern auch auf anderen ökonomischen, politischen und kulturellen Ursachen aufbauen, wird ihre Logik im nächsten Abschnitt gesondert nachgezeichnet.

Fußnoten

8.
Vgl. zu den im Folgenden dargestellten individuellen Prozessen der Radikalisierung am Beispiel von Fremdenfeindlichkeit auch die kollektiven Prozesse der Radikalisierung im Modell auf S. 6.
9.
Vgl. Armin Steil, Polyphems Auge. Zur Soziologie der "rassistischen" Fremdheit, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 12, Berlin 2003, S. 259–279.
10.
Vgl. Alfred Schütz, Der Fremde, in: ders.: Gesammelte Aufsätze, Bd. 2, Den Haag 1972. S. 53–69.
11.
Stefanie Würtz, Wie fremdenfeindlich sind Schüler? Eine qualitative Studie zu Erfahrungen mit dem Fremden, Weinheim–München 2000.
12.
Vgl. Klaus Wahl, Was führt zu Aggression, was zu Toleranz? Eine Analyse mit dem Schwerpunkt Fremdenfeindlichkeit, in: Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Theorie und Praxis gesellschaftlichen Zusammenhalts, Berlin 2008.
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