Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.

19.12.2013 | Von:
Till van Treeck

Globale Ungleichgewichte im Außenhandel und der deutsche Exportüberschuss

Einkommensungleichheit als Ursache

Wie eingangs erwähnt, spricht vieles dafür, dass die globalen Ungleichgewichte der vergangenen Jahrzehnte auch Ausdruck eines tiefer liegenden Problems sind, das sich in der Geschichte der Weltwirtschaft in gewissen Abständen immer wieder gestellt hat: Es geht um die Frage, wie in Zeiten stark steigender Einkommensungleichheit eine hinreichend kräftige Güternachfrage gewährleistet werden kann.

So vertreten viele Ökonomen[8] die These, dass das vor der Krise stark gestiegene Leistungsbilanzdefizit der USA eng mit dem Anstieg der Einkommensungleichheit zusammenhing. Dabei bestehen Parallelen zwischen der Krise ab 2007 und der Großen Depression nach 1929, der ebenfalls eine Phase steigender Einkommensungleichheit und privater Haushaltsverschuldung vorangegangen war.[9]

Der Anstieg der Ungleichheit seit den frühen 1980er Jahren in den USA ist insbesondere auf den starken Anstieg der Spitzeneinkommen zurückzuführen. Nach Zahlen der World Top Incomes Database entfallen heute auf das oberste eine Prozent der privaten Haushalte etwa 20 Prozent der gesamten Vorsteuereinkommen. 1980 waren es noch weniger als 10 Prozent. Jedoch konnten die weniger einkommensstarken Haushalte den Rückgang ihres relativen Lebensstandards (und damit ihres sozialen Status’) lange Zeit zumindest teilwese durch eine starke Kreditaufnahme kompensieren und so die Konsumnachfrage und damit Wirtschaftswachstum und Beschäftigung hochhalten. Die besonders weitgehende Deregulierung der Finanzmärkte in den USA ermöglichte den Haushalten einen leichten Zugang zu Krediten trotz häufig zweifelhafter Kreditsicherheiten. Gleichzeitig waren durch die Liberalisierung der internationalen Finanz- und Exportmärkte hohe Leistungsbilanzdefizite über einen langen Zeitraum möglich.

Eine ähnliche Entwicklung kann für Großbritannien festgestellt werden, wo es in den Jahren vor der Krise ebenfalls zu einem starken Anstieg sowohl des Anteils der Spitzeneinkommen an den Haushaltseinkommen als auch der Verschuldung der privaten Haushalte kam. Mit der Krise ab 2007 wurde aber die Überschuldung der Privathaushalte in den USA, Großbritannien und andernorts offensichtlich. Somit wurde die durch steigende Ungleichheit bedingte latente Nachfrageschwäche deutlich.

Ökonomen sehen zugleich einen Zusammenhang zwischen der Exportlastigkeit anderer Länder mit der dort ebenfalls steigenden Einkommensungleichheit.[10] Insbesondere in Deutschland stagnierten die Reallöhne im Jahrzehnt vor der Krise, während sich die Gewinneinkommen kräftig entwickelten. Der Anstieg der Einkommensungleichheit, gemessen am Gini-Koeffizienten, war mit am stärksten innerhalb der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).[11] Ergebnis war eine zähe Konsum- und Binnennachfrageschwäche: Die deutschen Privathaushalte waren aufgrund anderer sozialer Normen ("Angstsparen") und Institutionen (restriktiverer Zugang zu Krediten) offenbar nicht in der Lage oder willens, auf ihre stagnierenden Einkommen wie die US-Amerikaner mit übermäßiger Kreditaufnahme zu reagieren. Zudem bildete der Unternehmenssektor im Zuge steigender Gewinne seit 2002 regelmäßig Finanzierungsüberschüsse und trug damit zum Leistungsbilanzüberschuss bei.

In mancher Hinsicht ähnlich ist die Situation in China, wo sich unter anderem aufgrund steigender Einkommensungleichheit keine ausreichende Massenkaufkraft entwickelte, um die enormen Produktionszuwächse zu absorbieren. Da das chinesische Finanzsystem im Vergleich etwa zum US-amerikanischen deutlich unterentwickelt ist, konnten die Konsumenten die fehlenden Einkommenssteigerungen nicht durch vermehrte Kreditaufnahme ersetzen.[12] Im Ergebnis beteiligten sich Unternehmen und reiche Privathaushalte in China ebenso wie in Deutschland und andernorts an der Finanzierung des kreditfinanzierten Konsums in den USA, Großbritannien und anderswo und damit an der Verfestigung der globalen Ungleichgewichte.[13]

Koordinierung und Harmonisierung

Die Überwindung der außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte kann nur durch ein international abgestimmtes Vorgehen gelingen. Hierzu gehört zum einen die Koordinierung der makroökonomischen Politik. Dies gilt in besonderem Maße für den Euroraum, da hier nationalstaatliche Instrumente wie Wechselkurs- und Zinspolitik nicht mehr vorhanden sind. Der gegenwärtige Versuch, preisliche internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen, ist für die Länder mit Leistungsbilanzdefiziten überaus schmerzhaft: Durch eine hohe Arbeitslosigkeit im Zuge einer ausgeprägten Austeritätspolitik wird zwar die Lohn- und Preisentwicklung abgeschwächt, es drohen aber langfristige Schäden für die ökonomische Leistungsfähigkeit und den sozialen Frieden.

Eine bessere Entwicklung bei den Löhnen und der Einkommensverteilung und eine expansivere Fiskalpolitik in Deutschland könnten hingegen den kriselnden Mitgliedstaaten helfen, ihre Exporte zu steigern und damit die Auslandsverschuldung nach und nach abzubauen. So ist davon auszugehen, dass eine bessere Lohnentwicklung in Deutschland einen kräftigeren privaten Konsum und höhere Wohnungsbauinvestitionen nach sich ziehen würde, ohne die Unternehmensinvestitionen zu schwächen.[14]

Für ein derart koordiniertes Vorgehen fehlt aber bisher der regulatorische Rahmen. So wurde auf Druck des deutschen Finanzministeriums bei der Reform des SWP die Obergrenze für zulässige Leistungsbilanzüberschüsse auf sechs Prozent festgelegt, während Defizite bereits ab vier Prozent als exzessiv gelten. Zudem sollen Überschüsse im Gegensatz zu Defiziten nicht sanktioniert werden.

Eine weitere Baustelle ist die Harmonisierung von Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards. So könnte verhindert werden, dass einzelne Länder durch eine laxe Regulierung Wettbewerbsvorteile im internationalen Handel anstreben zu Lasten von Umweltschutz und sozialem Frieden. Im Rahmen der Europa-2020-Strategie sind hier von den EU-Mitgliedstaaten zwar erste Ziele formuliert worden. Diese sind aber bisher den Vorgaben des SWP faktisch untergeordnet und rechtlich kaum bindend.

Auf globaler Ebene fällt es noch schwerer, verbindliche Zielmarken für Leistungsbilanzsalden, Einkommensverteilung sowie Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards zu vereinbaren. Zumindest aber ist durch die Erfahrung der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrisen weltweit die Einsicht gestiegen, dass diese Themenkomplexe nicht nur aus Gerechtigkeitserwägungen bedeutsam sind, sondern eng mit der Stabilität des globalen Wirtschaftssystems zusammenhängen.

Fußnoten

8.
Hierzu zählen etwa Raghuram Rajan, früherer Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, oder der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Vgl. für einen Literaturüberblick: Till van Treeck, Did inequality cause the U.S. financial crisis?, in: Journal of Economic Surveys (i.E.).
9.
Vgl. Michael Kumhof/Romain Rancière Kumhof, Inequality, Leverage and Crises, IMF Working Papers 268/2010.
10.
Vgl. Till van Treeck/Simon Sturn, Did inequality cause the Great Recession?, Conditions of Work and Employment Series 39/2012; Christian A. Belabed/Thomas Theobald/Till van Treeck, U.S. current account deficits and German surpluses: The role of income distribution in global imbalances, Institute for New Economic Thinking (INET), The Institute Blog vom 26.11.2013.
11.
Vgl. OECD (Hrsg.), Divided we stand, Paris 2011.
12.
Vgl. Michael Kumhof et al., Income Inequality and Current Account Imbalances, IMF Working Paper 8/2012.
13.
Vgl. für eine ökonometrische Untersuchung des Zusammenhangs von außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten und Einkommensverteilung: Jan Behringer/Till van Treeck, Income distribution and current account: a sectoral perspective, IMK Working paper 125/2013.
14.
Vgl. S. Dullien/M. Schieritz (Anm. 3).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Till van Treeck für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.