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7.2.2014 | Von:
Luca Di Blasi

Die andere Sexismus-Debatte - Essay

Reaktionäres Ressentiment

Eine Debatte über einen antimännlichen Sexismus kann Aspekte zum Vorschein bringen, die lange Zeit wenig beachtet wurden. Doch bereits die erwähnte Gefahr, symbolische Abwertungen zu überschätzen, zeigt ein grundlegendes Folgeproblem von Fokussierungen der Privilegierten auf sich selbst: das Problem der schiefen Ebene. Was zunächst als legitime Thematisierung von Problemen beginnen mag, als Artikulation von Nachteilen und Sexismen, von denen auch Männer betroffen sind, mutiert schleichend zu einer problematischen Symmetrisierung der Diskriminierungsverhältnisse und landet schlimmstenfalls bei ihrer Inversion: einer Viktimisierung der Männer, die zu "Delinquentisierungen" Diskriminierter verführt.

Schon die Titel oder Untertitel einschlägiger Beiträge lassen eine solche Tendenz erkennen: "Das verteufelte Geschlecht" (Kucklick), "Das missachtete Geschlecht" (Walter Hollstein),[19] "Das entehrte Geschlecht" (Ralf Bönt).[20] Gerade Bönts vielkommentierter Beitrag zur Sexismus-Debatte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" spiegelt eine Selbstviktimisierungstendenz deutlich wider: "Ja, wir leben im Patriarchat. Aber es sind die Männer, die viel mehr und heftiger daran leiden als die Frauen."[21] Was sich hier als Gefahr andeutet, ist eine spezifisch reaktionäre Ressentimentbildung, die die Privilegierten betrifft, weil gerade sie im Zuge von Gleichstellungsprozessen Gefahr laufen, ihre Dezentrierung mit Marginalisierung und Privilegienabbau mit Diskriminierung zu verwechseln und sich schließlich als Opfer der Opfer anzusehen, als Zielscheiben eines einseitig gegen sie gerichteten "antimaskulinen Ressentiments".[22]

Zwar ist es richtig, dass Privilegierte mit gegen sie gerichteten Ressentiments zu rechnen haben. Wozu sie aber notorisch tendieren, ist die Möglichkeit zu unterschätzen, selbst dem Ressentiment zu unterliegen. Der französische Literatur- und Religionswissenschaftler René Girard hat die Gefahr dieses spezifischen Ressentiments als vielleicht Erster diagnostiziert – und zwar anhand des französischen Adels im 18. und 19. Jahrhundert: "Der Adlige, der vergleicht, ist, gesellschaftlich betrachtet, etwas adliger, geistig betrachtet jedoch bereits etwas weniger adlig. Ein Denkprozeß ist in Gang gesetzt, der allmählich den Adligen von seinem eigenen Adel trennt und diesen, vermittelt im Blick des Nicht-Adligen, in schlichten Besitz verwandelt. (…) Von nun an wird der Adel nicht mehr davon ablassen, die übrigen, zur Nachahmung des Adels bestimmten Klassen in die Eitelkeit zu führen und ihnen auf dem verheerenden Weg des metaphysischen Begehrens sogar voranzuschreiten."[23]

Girards zentrale, christlich inspirierte Einsicht besteht darin, dass das "mimetische", also das vom Begehren des Anderen angeheizte Begehren, gerade nicht nur die Schwächeren eingegrenzt werden kann. Er affiziert ausnahmslos alle, also auch jene, die als Privilegierte oder Bessergestellte gerne dazu tendieren, das mimetische Begehren auf die Schwächeren zu beschränken und sich selbst davon frei glauben. Analog kann man das reaktionäre Ressentiment als Dekadenzausdruck verstehen, der bei denen ins Spiel kommt, die degradiert oder geschwächt werden oder solches befürchten. Es betrifft daher jene, denen es relativ zu anderen gesehen immer noch besser geht. Girard deutet dies an, indem er sagt, die Adligen würden auf dem verheerenden Weg des metaphysischen Begehrens voranschreiten. Die Eigentümlichkeit des reaktionären Ressentiments besteht darin, dass die absteigenden oder von Abstiegsangst besessenen Bessergestellten in der Regel zu stolz sind, sich ihr Ressentiment anmerken zu lassen oder einzugestehen. Es ist in der Tat peinlich, anderen etwas zu neiden, denen es objektiv weniger gut geht. Daher äußert sich dieses Ressentiment nicht direkt, sondern im Modus einer schwer zu durchschauenden Projektion.

Der berühmt-berüchtigte Begriff der "spätrömischen Dekadenz", mit dem der ehemalige FDP-Parteichef Guido Westerwelle in einer Zeit eskalierender Umverteilung nach oben ausgerechnet die Lebensverhältnisse von Hartz-IV-Empfängern titulierte, war gerade in seiner monströsen Abseitigkeit und Umkehrung der wahren Verhältnisse sichtbarer Ausdruck eines solchen Ressentiments in seiner reinsten Form. Es war Ausdruck einer Abstiegserfahrung (des eigenen Absturzes als Parteichef ebenso wie des Absturzes der eigenen Partei und des Neoliberalismus überhaupt) im Modus der Verurteilung der anderen. Auch eine in den vergangenen Jahren in Deutschland verbreitete Tendenz, Südeuropäern antideutsche Einstellungen vorzuhalten, ist nicht frei von Ressentiments gegenüber denen, die man im Verdacht hat, im sonnigen Süden ein schönes Leben geführt zu haben und die nun angeblich "auf unsere Kosten gerettet" werden müssen.

Es gibt natürlich Ressentiments gegenüber Bessergestellten. Das Problem ist aber die elitäre Begrenzung des Ressentiments auf die Schwächeren (die "Sklavenmoral" bei Friedrich Nietzsche, die "Beherrschten" bei Max Scheler, die "Verlierer" bei Peter Sloterdijk, die "Hartz-IV-Empfänger" bei Westerwelle), denn genau diese ist in der Regel Ausdruck eines verkappten Ressentiments. Ebenso laufen (weiße, heterosexuelle) Männer, die auf ihre Benachteiligungen fokussieren, Gefahr, auch noch bei stigmatisierten und diskriminierten Identitäten nach deren Vorteilen zu schielen und dabei ihr Ressentiment in der Projektion eines umfassenden, gegen sie gerichteten Ressentiments zu übersehen.[24]

Fazit

Es wäre abwegig, jegliche Thematisierung eines antimännlichen Sexismus mit Verweis auf die Gefahren eines reaktionären Ressentiments zu inkriminieren. Es gibt auch Asymmetrien zuungunsten der Jungs und der Männer, ebenso wie auch Männer oder das Männliche Gegenstand sexistischer Abwertungen werden können. Ebenso wenig hilfreich ist es, solche Klagen mit Verweis auf einen strukturellen Sexismus gegen Frauen als Wehleidigkeit abzutun. Dadurch werden ironischerweise männliche Stereotype wie Einsilbigkeit oder Härte im Nehmen noch bekräftigt.[25]

Gleichzeitig können gerade Privilegierte dazu tendieren, Gleichstellungsmaßnahmen als diskriminierende und gegen sich gerichtete Maßnahmen misszuverstehen. Sobald sie auf eigene Schlechterstellungen und Abwertungen fokussieren, laufen sie daher Gefahr, partielle Diskriminierungen und bloße symbolische oder kulturelle Abwertungen und Ausschlüsse zu überschätzen und dabei auf eine schwer zu kontrollierende schiefe Ebene zu geraten, an deren Ende die Inversion der Diskriminierungsverhältnisse, die Selbstviktimisierung und im schlimmsten Fall der Absturz in antifeministische, homophobe oder rassistische Gewalt steht.

Wie ich anderswo genauer ausgearbeitet habe,[26] besteht gerade für die Privilegierten mit einer Geschichte der Dominanz und der Ausschlüsse anderer die Herausforderung darin, kritische Anfragen durch andere zu ertragen und sich selbst kritisch zu reflektieren, ohne sich dabei auf sich selbst zu fixieren, sich selbst als Gruppe, gar als neue Opfergruppe zu betrachten. Solange Privilegierungen fortwähren, besteht ihre paradoxe Partikularität genau darin, keine Partikularität bilden zu können und stattdessen Prozesse der Gleichstellung zu unterstützen und für Gerechtigkeit einzutreten, das heißt: für eine Gesellschaft, die weniger durch Diskriminierungen, Ausschlüsse und Machthierarchien geprägt ist. Das schließt den Einsatz auch gegen einen antimännlichen Sexismus nicht aus, wohl aber eine Fixierung darauf.

Fußnoten

19.
Walter Hollstein, Was vom Manne übrig blieb: Das missachtete Geschlecht, Stuttgart 2012.
20.
Ralf Bönt, Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann, München 2012.
21.
Ders., Der Feminismus hat sich verirrt, 24.7.2013, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ende-des-patriarchats-der-feminismus-hat-sich-verirrt-12289395.html« (5.12.2013).
22.
C. Kucklick (Anm. 5), S. 10.
23.
René Girard, Figuren des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität, Münster 1999, S. 124f.
24.
Dieses Ressentiment wird in einer vielzitierten Aussage des konservativen amerikanischen Autors David Horowitz erkennbar: "Black studies celebrates blackness, Chicano studies celebrates Chicanos, women’s studies celebrates women, and white studies attacks white people as evil.". Zit. nach: Darryl Fears, Hue and Cry on "Whiteness Studies". An Academic Field’s Take on Race Stirs Interest and Anger, in: Washington Post vom 20.6.2003.
25.
Vgl. Georg Schuhen, Der Anti-Herrenwitz oder: Gibt es Sexismus gegen Männer?, http://www.uni-siegen.de/limes/aktuelles/?lang=de« (5.12.2013).
26.
Vgl. Luca Di Blasi, Der weiße Mann. Ein Anti-Manifest, Bielefeld 2013, S. 82–97.
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